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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-08 · Heft 45 (8.11.1888) · p. Seite 718

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 45 (8.11.1888)
Date
1888-11-08
Page
Seite 718 (sequence 14)
Language
German
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718 Kunstwelt gehört unstreitig der bekannte Maler Heinrich Schlesinger. Heute 75 Jahre alt, macht er, sei es in seinem Atelier, wenn er mit jugendlichem Eifer arbeitet, sei es auf der Straße oder im Park Monceau, wenn er stramm und heiter an der Seite Munkacsy's promenirt, den Eindruck eines Mannes von fünfzig Jahren. Heinrich Schlesinger wurde 1813 in der Judengasse zu Frankfurt am Main geboren und zeigte schon früh die Anlagen, welche ihm später eine so bedeutende Stellung in der Pariser Malerzunft erringen sollten. Wenn er zur Schule ging, saß die alte Frau Rothschild vor ihrem Hause, und da Jeder sie liebte und achtete, so grüßte sie Jeden, der vorüberging. Auch Schlesinger kam nie vorbei, ohne sein „Guten Morgen, Frau Rothschild!" zu rufen und ein „Guten Morgen, Heinrich!" zurück zu bekommen, und eines Tages beging er das Sakrilegium, die würdige Frau Rothschild, so wie sie vor ihrem Thore saß, in ihrer großen Haube und ihrer weißen Jacke auf ein Blatt Papier zu zaubern. Jeder, der die Skizze zu Gesicht bekam, rief sofort: Das ist Frau Rothschild! und sie selbst, nachdem sie ihr Conterfei lächelnd betrachtet hatte, sagte: „Der Heinrich hat Talent, den sollte man nach Wien schicken." Damit war es entschieden, und Heinrich Schlesinger, kaum den Knabenschuhen entwachsen, wurde von seinem braven Vater nach der Kaiserstadt an der Donau gesendet. Hier studirte er eifrig an der Kunstakademie und machte im Zeichnen so glänzende Fortschritte, daß er bald den ersten Preis bekam. Von seinen Lehrern ermuntert, begann er frühzeitig zu malen. Auch hier blieben Erfolg und Beifall nicht aus, und seine Vorliebe für das Genrebild und das Porträt, welche sich gleich im Beginn seiner Laufbahn aussprach, blieb maßgebend für seine weitere Entwickelung. Schlesinger war erst siebzehn Jahre alt, als er sein erstes Porträt, das des bekannten Majors Kohl von Kohlenegg malle. Dieses gelang so trefflich, daß sein Ruf als Porträtmaler sogleich gemacht war und nun Alles, was in der damaligen Wiener Gesellschaft glänzte, von ihm gemalt sein wollte. Auch bei Hofe wurde man auf ihn aufmerksam. Er malte in jenen Jahren eine interessante Gallerie von Bildnissen, meist Personen, die damals oder später eine historische Rolle gespielt haben. Wir nennen hier nur den Kaiser Ferdinand, die Kaiserin, den Baron Salomon von Rothschild,! die Prinzessin Wasa, den Fürsten Schwarzenberg (den „Landsknecht"), Graf Karoly, Graf Apponhi, Ritter von Schmerling, den türkischen Gesandten und Schwager des damaligen Snl-! tans Achmed Fethi. Fürst Metternich, der Staatskanzler, selbst empfahl ihn für das Porträt des damaligen Sultans Mahmud. Dieses Bildniß, das den Großherrn in Uniform! zu Pierde mit seinem militärischen Gefolge darstellte, erregte j Aufsehen sowohl durch seine ungewöhnlichen Dimensionen, als durch die Aehnlichkeit und die virtuose Ausführung, aber die Ulemas in Konstantinopel dachten anders. Sie fanden das Bildniß dem Gesetz, ja sogar dem Koran zuwider. Es gab fast eine Revolution, und der Sultan mußte sich bescheiden, das Porträt, das ihm so viele Freude gemacht hatte, in einem alten Saal eines halbvergessenen Serails aufzuhängen. Achmed Fethi, sein Schwager, war der Anlaß zu Schlesinger's Uebecsiedelung nach Paris. Achmed kam als Gesandter an den Tuilerienhof und lud Schlesinger, für den er eine große Vorliebe hatte, ein, ihm zu folgen. In Paris warf sich der junge Mann mit erneutem Eifer auf das Genrebild, das er in Wien nur nebenher gepflegt hatte, und wieder lächelte ihm das Glück gleich beim ersten Wurf. Das erste Bild, das er im Pariser Salon ausstellte, „6omms l’esprit vient aus filles“, fand außerordentlichen Beifall und brachte ihm sofort die Medaille. Im Jahre 1848 nahm Schlesinger als Nationalgardist an den Wirren theil und kämpfte unter Cavagnac gegen die „Rothen". Als die Ruhe hergestellt war, machte er einen Ausflug nach Wien. Er dachte sich dort zu erholen, aber er fand das alte Wien nicht wieder und kam mitten in die Stürme der Octoberrevolution hinein. Enttäuscht kehrte er wieder nach Paris zurück, um sich dort für immer festzusetzen. Er arbeitete hier fleißig und mit steigendem Erfolg, so daß er bald den ersten Pariser Genremalern beigezählt und seine Bilder glänzend bezahlt wurden. Wir nennen aus der langen Reihe dieser anmuthigen, liebenswürdigen kleinen Meisterwerke nur: „Blindekuh", „Die Jugend Rousseau's", „Der Fuchs und die Trauben" (für den König von Württemberg), „Voltaire und die Demoiselle Desnoyers", „Das Perlenhalsband" (für die Königin von Holland), „Verlorene Mühe" (für die Prinzessin von Sachsen-Coburg-Gotha), „Charlotte Corday", „Fräulein Brise-tout", „ Carmela" (für den Marquis von Hertford), „Wie Großmütterchen", „Der zerbrochene Topf", „Correggio und die Kinder", „Einst und Jetzt", „Der neue Herr" u. s. w. Die Mehrzahl dieser reizenden Schöpfungen sind durch Vervielfältigung und Stahlstich und in der Photographie Gemeingut geworden. Im Salon von 1866 debütirte Schlesinger mit seiner ersten großen Composition „Die fünf Sinne". Das prächtige Bild machte Aufsehen, fand glänzende Beurtheilungen, und wurde von dem Kaiser Napoleon III. ailgekauft. Mit Bewilligung des Kaisers malte Schlesinger eine Copie für den Marquis von Hertford. Während des Krieges weilte und malte Schlesinger in London. Als er von den Verwüstungen in der Umgegend von Paris las, welche von einzelnen englischen Journalen mit einer Art diabolischer Freude übertrieben wurden, dachte er oft mit Trauer an sein schönes Landhaus in Asniäres, die

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