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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-08 · Heft 45 (8.11.1888) · p. Seite 719

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 45 (8.11.1888)
Date
1888-11-08
Page
Seite 719 (sequence 15)
Language
German
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719 Frucht seiner redlichen Arbeit. Um so angenehmer war er überrascht bei seiner Rückkehr zu vernehmen, daß die Preußen, als sie erfahren hatten, das Haus gehöre einem deutschen Künstler, weder Einquartierung in dasselbe gelegt, noch irgend eine Contribution auf seine Kosten erhoben hatten. Im Jahre 1884 errang Schlesinger mit seiner „Venns moderne“ noch einmal einen Erfolg, welcher dem der „Fünf Sinne" nichts nachgab. Das schöne Bild ging leider nach Amerika, wie die Werke Munkaczsy's. Die Stellung, welche Heinrich Schlesinger in der zeitgenössischen Kunst einnimmt, ist eine hervorragende und eigenthümliche. Schlesinger hat stets der Natur und der Wirklichkeit gehuldigt, aber ihm schien und scheint heute noch die schöne Wahrheit der künstlerischen Darstellung würdiger als die häßliche. Schlesinger ist sehr gewissenhaft. Zu jedem Bilde macht er erst Studien in der Nationalbibliothek, sucht sich oft in hundert Läden die Stoffe und Kleinigkeiten zusammen, die er braucht, besonders bei den Trödlern auf den äußeren Boulevards und im Quartier du Temple. Nicht selten macht er selbst ein Costümstück, wenn er es nicht fertig bekommt und einer Schneiderhand nicht anzuvertrauen wagt. Ganze Abende bringt er damit zu, diese mise-en-scfene vorzubereiten, klebend, heftend, mit Hammer und Säge arbeitend und stets die Cigarette im Munde. Wenn man Schlesinger in seiner ganzen Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit kennen lernen will, muß man ihn zu Hause sehen. Es ist ein schönes, glückliches Familienbild, das sich uns da zeigt. Weder er, noch die Seinen verkehren gern in der großen Welt, aber sie sehen, mit Ausnahme der Sommermonate, jede Woche einmal einen kleinen Kreis von Freunden um sich. Während dann im Atelier Whist gespielt wird und der riesige Kürassier, Monsieur Le Dien, der Bruder des Hausherrn, Monsieur Auguste, zu necken liebt, wird im Salon Musik getrieben. Die ältere Tochter Schlesinger's, Marguerite, spielt vortrefflich Piano, die jüngere, Jeanne, singt wundervoll. Da hört man Schubert's und Schumann's beste Lieder mit — französischem Text, denn Madame Schlesinger hat von ihrem Manne zwar ein ganz gutes Deutsch gelernt, aber von den beiden Töchtern spricht nur die ältere ein wenig deutsch. Schlesinger selbst ist aber Deutscher und sogar Frankfurter geblieben, wenn er auch das Französische so schön spricht, wie ich es nur von wenig Deutschen gehört habe. Vermischtes. Die Fluthsage. Noch einmal die Sintfluth. Bor einiger Zeit beschäftigten wir uns mit der Fluthsage, wie sie von den Assyriologen aus Keilinschriften dargestellt wird, und an welche Edmund Sueß, der berühmte Professor der Geologie zu Wien eine eigene Hypothese geknüpft hat, der wir eine ausführliche Widerlegung gewidmet haben. Man schreibt nun aus Berlin: „Der allgemeinen Beachtung werth sind die Untersuchungen Leopold von Ranke's über die Fluthsage; die theologische und geschichtliche Forschung erhält durch diese nachgelassene Arbeit des berühmten Historikers eine Bereicherung. Ranke findet, daß die verschiedenen Erinnerungen an die große Fluth unabhängig von einander in Griechenland und in Vorderasien, sowie in Palästina auftreten. Denn sowohl die babylonische, wie die griechische Sage haben Elemente die in der hebräischen nicht Vorkommen. Es läßt sich also nach Ranke nicht leugnen, daß Begebenheiten der Sage zu Grunde liegen, die in Borderasien und Griechenland eingetreten sind. Aber weiter geht sie nicht. Es findet sich keine Spur davon, daß die Fluth Egypten, Italien oder den entfernten westlichen Continent betroffen habe. Sicilien aber könnte doch von derselben berührt sein: der Aetna wird einmal als der Berg genannt, auf welchem Deukalion und und Pyrrha ihrer Verlassenheit inne geworden seien. Auf eine der letzten Revolutionen in der Bildung der Erdrinde läßt sich demnach die hebräische Sage nicht beziehen, sie wird einen localen Grund haben. Die Fluth, die darin als eine allgemeine erscheint, wird in Wirklichkeit doch nur eine beschränkte gewesen sein. In Bezug auf die Form der Ueberlieferung gebührt ihr die Priorität, wie sie denn auch zuletzt die Herrschaft gewinnt. Ueber die übrigen Fluthsagen und ihr Verhältniß zu den biblischen läßt sich nach Ranke nichts Besonderes aussprechen; denn sie liegen, wie die indische und baktrisch-persische, in Aufzeichnungen vor, die aus so später Zeit herrühren, daß auf dieselben sehr wohl jüdische Ueberlieferungen Einfluß gehabt haben könnten, während doch hinwiederum in ihrer Form nichts vorhanden ist, was die Voraussetzung einer solchen Einwirkung nothwendig machte. Sie sind mit den religiösen Anschauungen der einzelnen Völker untrennbar verbunden. In mündliche» Erörterungen über das Thema der Fluthsage war Ranke's Voraussetzung jederzeit die, daß einst eine gleichzeitige Neberfluthung Vorderasiens und Griechenlands stattgefunden habe; und daß dadurch an verschiedenen Punkten der betroffenen Gegenden eine darauf bezügliche spontane und originale Sagenbildung hervorgerufen worden sei. Er stützte seine Voraussetzung i namentlich auf den Nachweis, daß Elemente der semitischorientalischen Tradition nur nach nach im Laufe der Jahrhunderte im Abendlande Eingang gefunden haben und durch sie eine Wandlung der einheimischen hellenischen Ueberlieferungen herbeigeführt worden sei. Diesen Gedanken schriftstellerisch näher zu begründen und demselben Ausdruck zu verleihen, behielt Ranke der endgiltigen, unmittelbar vor der j Drucklegung vorzunehmenden Rcdaction vor. Der Tod hat Hhn darin gehindert."

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