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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-08 · Heft 45 (8.11.1888) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 45 (8.11.1888)
Date
1888-11-08
Page
Seite 710 (sequence 6)
Language
German
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710 Verfolgungen des religiösen Fanatismus und niedriger Leidenschaften. Ich kann die gesuchte Erkläruug nur in zwei Umständen finden. Zunächst in einer historischen Reminiscenz, — einer heutzutage nicht mehr zutreffenden Reminiscenz. Freilich, daß die Juden auf Seiten der Opposition standen, so lange sie noch die Parias in Staat und Gesellschaft waren, kann nicht ein Wunder nehmen. Wie hätten sie den Staat lieben sollen, der für sie keine Rechte, sondern nur Demüthigungen hatte? Aber dieser Zustand der Dinge ist der thatsächlich bestehende längst nicht mehr. Gleichheit der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist eines der Fundamente, auf denen der moderne Staat, die heutige Gesellschaft beruhen. Glauben denn meine israelitischen Mitbürger, — die Hand auf's Herz, — wirklich, daß die ihnen immer von Neuem vorgeführte Gefährdung ihrer Rechte thatsächlich besteht? Ja, es gibt hier und da auch in unserem Staate einzelne verrannte, oder, wenn Sie wollen, verrückte Menschen, welche vermeinen, es könne die geschichtliche Entwickelung zurückgeschraubt, es könnte unseren israelitischen Volksgenossen die in Rede stehende Gleichberechtigung wieder genommen werden. Aber eine wirkliche Gefahr existirt nicht. Die antisemitische Bewegung kann und wird im Deutschen Reiche und in Preußen niemals eine ernstliche Bedeutung erlangen. Sie ist ein Angriff auf unsere Verfassung, ein schmähliches Attentat auf die duldsamen Grundsätze der Hohenzollern, deren Größter in seinem unsterblichen Rescripte vom 22. Juli 1740 die ewig beherzigenswcrthen Worte gesprochen hat: „Die Religionen müssen alle tolerirt werden und muß der Fiscal nur das Auge darauf haben, daß keine der andern Abbruch thue, denn in meinem Staate muß ein Jeder nach seiner Fayon selig werden." (Stürmischer Beifall.) Auch in dem diesmaligen Wahlaufrufe der Nationalliberalen ist die Gleichheit und Unantastbarkeit der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte aller Confessionen mit an die Spitze gestellt als eines der starken Fundamente des preußischen Staates, welches, wenn nöthig, mit aller Entschiedenheit vertheidigt werden müsse. In Berlin und an anderen Orten ist die erstrebte Vereinigung von Conservativen und Nationalliberalen — wie Sic wissen — daran gescheitert, daß die letzteren unter keinen Umständen sich dazu verstehen wollen, Männer wie Stöcker bei der bevorstehenden Wahl zu unterstützen. Wo antisemitische Candidaten ihr Haupt erheben, in Marburg, Cassel, Homberg, sind es nationalliberale und gemäßigt conservative Gegner, welche den Kampf mit ihnen aufnehmen. (Sehr wahr.) Der zweite Umstand, den ich im Auge habe, ist der Einfluß der vorhin schon erwähnten Agitation. Ich weiß wohl, daß die Wirksamkeit einer Agitation leider nicht immer im richtigen Berhältniß steht zu der Wahrhaftigkeit der Mittel, deren sie sich bedient. Indessen zuletzt muß doch stets die Wahrheit siegen und es ist die lautere, vorbehaltlose Wahrheit, wenn ich hier wiederhole: die Gleichheit und Unantastbarkeit der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte aller Confessionen ist ein Princip, das die gemäßigten Parteien, voran die nationalliberale Partei, stets hochgehalten haben und stets Hochhalten werden. Offenbar aber werden diese Parteien vermöge ihrer wachsenden Bedeutung in unseren Parlamenten und unserem Staatsleben ganz anders zu wirksamer Bertheidigung jenes Fundamentalsatzes unserer Verfassung befähigt sein, als die immer dünner werdende Zahl derer um Eugen Richter. (Heiterkeit und Beifall.) Die Besorgniß vor den Bestrebungen des Antisemitismus, welche anscheinend besteht, ist sonach durchaus unbegründet. Aber ich fordere Sie auf, allen Ernstes darüber nachzudenken, ob es in der That das rechte Mittel zur Bekämpfung dieser verwerflichen Strömung ist, sich blind dem politischen Radicalismus in die Arme zu werfen. Zu den Borwürfen, welche von feindlicher Seite den Israeliten gemacht werden, gehört bekanntlich der, sie hätten nicht aufgehört, einen Staat im Staate zu bilden — sie ständen dem deutschen Volksleben fremd, wenn nicht feindlich gegenüber. Wir Alle, m. H., wissen, daß dieser Vorwurf jeder Berechtigung bar ist. Aber, wird nicht der falsche Glaube genährt, werden nicht den Gegnern gefährliche Waffen in die Hand gedrückt, wenn bei jeder Wahl es sich wiederholt, daß ein sehr großer Theil der israelitischen Wähler zu Gunsten derjenigen Parteien eintritt, welche den historisch gewordenen Staat in seinen tiefsten Grundlagen zu erschüttern trachten und jeder Maßregel der Regierung um deswillen allein, weil sie von der Regierung ausgeht, principielle Opposition entgegensetzen? Ich für meinen Theil kann mich nicht überzeugen, daß dieser Weg der richtige sei, um die unwissenden oder böswilligen Zweifler darüber aufzuklären, daß die israelitischen Staatsbürger voll und ganz, wie alle anderen, mit dem staatlichen Organismus, in dem das deutsche Volk sich darstellt, verwachsen sind. Und weiter! Käme es, was ich nicht glaube, zu ernstlichen Kämpfen, — die ohnmächtige Demokratie würde, wenn Noth am Mann, nichts vermögen. Die viel geschmähten Mittelparteien würden allein die mächtigen und dann willkommenen Schützer der Verfassung sein, und ich bin gewiß, sie würden es an ihrer starken und siegreichen Hilfe unter keinen Umständen fehlen lassen. (Bravo.) Ich habe es für meine Pflicht gehalten, dieses offene Wort aus warmem Herzen an meine israelitischen Mitbürger zu richten. Ich habe rückhaltlos gesprochen und wiederhole, daß ich ein Mißverstehen meiner wohlgemeinten- Worte für ausgeschlossen erachte. Meine Worte sind kein Appell an die Furcht, welche in den Herzen der Volksgenossen des israeli-

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