Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1888)
- Date
- 1888-11-08
- Page
- Seite 709 (sequence 5)
- Language
- German
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709 Nehmen mir es ad acta! Was wir gegenwärtig erwünschen und erstreben, das ist, daß auch in Deutschland der antisemitische Schwindel zu Ende gehe! Ist es wahr, daß er bereits in den Zustand der Zersetzung gerathen? Bor Kurzem noch schien es nicht so, vielmehr glaubte die Partei, auf eine baldige Stärkung rechnen zu dürfen. In diesem Sinne erhob auch die „Kreuzzeitung" ihre Stimme in einem wahren Wuthausbruche wieder. Andererseits verleugnen gewisse Parteiführer den Antisemitismus vollständig und dies ist es, was wir ad acta nehmen müssen. In Frankfurt a. M. ist der frühere Polizeipräsident Herr von Hergenhahn, als Candidat der „gemäßigten Conservativen und Nationalliberalen" aufgetreten und hat in einer großen Wählerversammlung eine Wahlrede gehalten, in welcher er sich zu einem großen Theile mit „seinen israelitischen Mitbürgern" beschäftigte. Da er, wie gesagt, im Namen zweier großen Parteien sprach, ist seine Auslassung von Bedeutung und wir geben die betr. Stelle hier nach dem Wortlaute (Frankfurter Generalanzeiger vom 24. Oktober) wieder. „Zu meinem lebhaften Bedauern, meine Herren, haben auch die Herren Gegencandidaten, nach dem Referat der „Franks. Zeitung" über ihre Borträge, es nicht verschmäht, von Reaction zu sprechen und den großen Grundsatz der Gleichheit und Unantastbarkeit der staatsbürgerlichen Rechte aller Confessionen als bedroht zu bezeichnen. Mit Rücksicht hierauf, meine Herren, möchte ich mir gestatten, ein offenes Wort an meine israelitischen Mitbürger zu richten. Ich selbst bin ein guter Christ und bekenne mich freudig zu meinem Christenthum, aber keiner meiner Mitbürger israelitischen Glaubens wird darum bezweifeln, daß ich es auch gut mit ihnen meine, oder mich gar für einen Freund oder Begünstiger des Antisemitismus halten. Den Gegenbeweis, — nämlich, daß ich kein Antisemit, habe ich, so meine ich, nicht durch Worte, sondern durch die That geführt. (Bravo.) — Wie viele Israeliten haben in den 15 Jahren meiner hiesigen amtlichen Thätigkeit an meine Thüre geklopft, meinen Rath, meine Hilfe gesucht, — mit wie zahlreichen Israeliten bin ich in dieser langen Zeit in geschäftliche und sonstige Beziehungen getreten! Kann auch nur einer derselben auftreten und mit Bestand der Wahrheit behaupten, ich hätte mein Verhalten ihm gegenüber beeinflussen lassen durch die Rücksicht auf seine confessionelle Zugehörigkeit? Gerade aus den Kreisen meiner israelitischen Mitbürger habe ich in meinem öffentlichen Wirken zu meiner aufrichtigen Befriedigung viele Anerkennung, manchen wohlthuenden Dank geerntet. Diese Erfahrung giebt mir auch die Gewißheit, daß mein offenes Wort von Denen, an welche es gerichtet ist, nicht mißverstanden werden kann. Ich habe nämlich reichlich Gelegenheit gehabt, wahrzunehmen und festzustellen, daß bei den politischen Wahlen ein sehr großer Theil der hiesigen Israeliten, welche in verhältnißmäßig weit größerer Zahl, als die christlichen Wähler, an der Abstimmung sich tetheiligten, der radicalsten Richtung sich angeschlossen haben, dergestalt, daß die demokratische Partei von Vorneherein die überwiegende Mehrzahl der israelitischen Wähler — die Ausnahmen sind mir sehr wohl bekannt — einfür alle Mal als ihre Domäne, als zweifellose Gesinnungs-Genossen ansieht und mit Sicherheit auf diese Stimmen für die radicalen Candidaten rechnet. Um in dieser Beziehung sicher zu gehen, wird vor jeder Wahl (— und auch dieses Mal ist es wieder geschehen —) in der Presse und in Versammlungen der Antisemitismus als Popanz aufgerichtet, in allen Stadien der Wahlbewegung marschirt Stöcker wiederholt auf, — es werden die nationalgesinnten Parteien, vor Allem die nationalliberale Partei, — der Wahrheit iu's Gesicht schlagend, — der Hinneigung zum Antisemitismus, seiner Begünstigung verdächtigt. (Sehr wahr.) Für die Gesinnung, welche den Gebrauch der geschilderten Mittel für zulässig erachtet, fehlt mir ganz und gar das Verständniß; im Bewußtsein der guten Sache, welche ich führe, enthalte ich mich auch, das constatirte Gebahren hier gebührend zu kennzeichnen. Aber, m. H., — wie ist die erwähnte, so lange politische Wahlen in Frankfurt stattfinden, vor unseren Augen immer wieder sich vollziehende Thatsache zu erklären, — eine Thatsache, welche um so auffallender ist, als für politische Wahlen, unter normalen Verhältnissen wenigstens, doch nur politische, nicht aber confessionelle Gesichtspunkte maßgebend sein sollten? Etwa dadurch, daß die israelitischen Wähler als solche, mit einzelnen Ausnahmen, radicalen Ueberzeugungen huldigen? Unmöglich! Wenn es wahr ist, das die politischen Ueberzeungungen des Mannes begründet und befestigt werden durch die Bildungs-Elemente, die er in sich aufnimmt, die Lebensverhältnisse, in denen er aufwächst, die Interessen, welche, Befriedigung heischend, an ihn herantreten, so ist es undenkbar, daß unsere israelitischen Mitbürger als solche auf einen bestimmten politischen Standpunkt gedrängt sein sollten. Denn es ist unser gerechter Stolz, daß, was Bildung, Lebensstellung und Jnteressenkreis betrifft, in unserer aufgeklärten Stadt kein Unterschied zwischen Juden und Christen besteht. (Lebhafter Beifall.) Oder neigt etwa das Judenthum an sich zum politischen Radikalismus? Unmöglich, sage ich wieder. Die Weltgeschichte kennt kaum ein glänzenderes Beispiel von Conservatismus im besten Sinne des Wortes, als die Geschichte des Judenthums es bietet, das mit zähester Ausdauer, mit unerschütterlicher Treue durch die Jahrhunderte an dem Ueberlieferten festgehalten hat, unbeirrt durch die unerhörtesten, grausamsten