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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-08 · Heft 45 (8.11.1888) · p. Seite 711

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 45 (8.11.1888)
Date
1888-11-08
Page
Seite 711 (sequence 7)
Language
German
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tischen Glaubens so wenig Widerhall finden würde, wie in anderen deutschen Herzen. Ich appellire vielmehr lediglich an die Einsicht meiner ehrenwerthen israelitischen Mitbürger, welche — ich zweifle nicht — durch meine Aufforderung angeregt, nunmehr ernstlich in Erwägung ziehen werden, ob es, wenn sie zu der bevorstehenden Wahl schreiten, richtig ist, wiederum principiell diejenigen abzustoßen und im Stiche zu lassen, welche — wie die Nationalliberalen und gemäßigten Conservativen — die treuen und zugleich mächtigen Bertheidiger des großen Grundsatzes der Gleichheit und Unantastbarkeit der staatsbürgerlichen Rechte aller Confessionen sind." Der Eindruck dieser Worte muß doch ein tief gehender gewesen sein, denn ein Artikel der „Franks. Ztg." vom folgenden Tage suchte denselben abzuschwächen. Derselbe erinnerte daran, wie man den Juden gepredigt habe, sie möchten sich größerer Bescheidenheit befleißigen, und nun wird ihnen eine so große Bedeutung beigelegt. Bei den Reichstagswahlen, bei welchen die Stimmen der Juden nicht in's Gewicht fallen, sänge man eine andere Melodie. Bei den Landtagswahlen, wo nach dem Dreiklassenwahlsystem die Stimmen der Einzelnen von entscheidendem Werthe seien, huldige man der Gleichberechtigung und versichere man die Juden der Freundschaft. Nach den Wahlen ändern sich die Scenen. Der Artikel erinnert an diese früheren Vorgänge und an gewisse Persönlichkeiten, die an der Spitze des Wahlkomitss stehen. Nun, wir werden das Resultat der bevorstehenden Wahlen abwarten, um zu erfahren, ob auch diesmal die Stöcker, Cremer, Wolff und ihre Genossen mit Hilfe der Nationalliberalen gewählt werden. Lilder aus dem Leben des Volkes Israel. 2. Die Idee der Regelmäßigkeit. — Die Leviten. Der Charakter eines Volkes drückt und prägt sich in seinen Monumenten aus. In den Werken der Inder bekum det sich der Geschmack am Ungeheuerlichen, am Grotesken. Unbefangen betrachtet, zeigen uns die Denkmäler der Egypter Größe und Fülle, aber nicht Schönheit; weder Pyramiden noch Obelisken, noch z. B. der Tempel zu Denderah mit seinem Ueberfluß von Idolen sind auf mehr als auf das Gewicht der Größe und der Fülle berechnet. Das Princip der Chinesenist die Ordnung, das Maß. Sie erkennen eine Dreifaltigkeit an, San-Zai, der erste Zai der Himmel mit den Gestirnen, das befruchtende, der zweite die Erde mit Feuer, Luft und Wasser, das Befruchtete, der dritte Zai der Mensch, der durch die Ordnung beider existirt. Nur der Hellenismus hatte die Schönheit zu seinem Lebenselement; seine Denkmäler gehen nicht ins Große, sondern überall auf die Schönheit der Bildung und deren Förderung. Welches ist nun der Charakter der Hebräer? Ihre Monumente, der Tempel wie die Stiftshütte und die wenigen Paläste ihrer Fürsten sind bis auf einen kleinen Mauerrest verschwunden. Aber sie haben uns die Beschreibung jener hinterlassen, und aus diesen Schilderungen geht klar hervor, daß der Charakter des israelitischen Volkes in der Einfachheit und Regelmäßigkeit bestand. Die vorherrschende Form war daher das Viereck, ja das Quadrat und der Kubus, als der einfachsten und zugleich regelmäßigsten Figur. Sie herrschte deshalb in der Stiftshütte wie im Tempel vor, wo Alles im Viereck geordnet war, und demgemäß auch in den Geräthschaften, in der Bundeslade, in den beiden Altären, im Tisch, selbst das besondere Abzeichen des Hohenpriesters bestand in dem viereckigen Brustschild mit den zwölf in vier Reihen geordneten Edelsteinen. Diese Form leitete sich wohl bei den Israeliten von ihrer Weltanschauung ab. Sie betrachteten die Welt als Einheit und dachten sie sich nach den vier Weltgegenden als Viereck, weshalb die Redensart gewöhnlich war: „Von den vier Seiten (rrD::) der Erde". Diese Idee der Regelmäßigkeit prägten sie auch gern in Institutionen und freien Einrichtungen aus. Als besonders charakteristisch erscheinen hier die levitischen Einrichtungen, und um dies recht anschaulich zu machen, wollen wir die Institutionen des Stammes Levi in seiner geschichtlichen Entwickelung darstellen und dabei einen Blick auf die Vorstellungen des Propheten Ezechiel werfen. Allerdings haben wir einen großen Theil dieses Berichtes aus den zwei Büchern der Chronik zu ziehen, und man weiß, daß der Chronist da, wo er nicht aus früheren historischen Schriften entlehnt, in midraschischer Weise seinen Tendenzen nach die Lücken ausfüllt. Dies kümmert uns hier aber wenig, da es uns vielmehr auf die Ideen ankommt, wie sie im Volke Israel lebten und sich ausbildeten.*) Der dritte Sohn Jacobs, Levi, starb in seinem hundertundsiebenunddreißigsten Lebensjahre, nachdem er alle seine Brüder überlebt hatte, und hinterließ drei Söhne: Gerson, Kahath und MerarN). Diese waren die Häuptlinge, nach denen die Geschlechter des Stammes Levi genannt wurden. Kahath's Enkel aber waren Moses und Aaron, und durch diese erlangte der Stamm Levi das religiöse Uebergewicht, sowie der Stamm Juda das politisches später durch David und sein Geschlecht erlangte. Denn zwar sollten ursprünglich alle Erstgeborene Israels dem Herrn und seinem Dienste gewidmet sein'), aber diese zeigten bald nichts von dem *) Die Hauptzüge der folgenden Darstellung wurden schon im zweiten Bande der äußerst selten gewordenen ersten Auflage unseres „Israelit. Predigt- und Schulmagazins" gegeben. In der zweiten, zu einem Bande zusammengezo'genen Auflage blieb der gedachte Aussatz nebst vielem Anderen weg. 1) 2. B. Mos. 6, 16. 2) Ebend. K. 13, V. ii.

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