Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-08 · Heft 45 (8.11.1888) · p. Seite 708

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 45 (8.11.1888)
Date
1888-11-08
Page
Seite 708 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227763--45734-3265265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

708 gänzlich verbannt, so werden sich in der gesammten Maffe des Volkes die Religionslosigkeit und die Abschwächung des sittlichen Bewußtseins mehren und ausbreiten. Dies ist der Gesichtspunkt, welcher nicht aus den Augen gelassen werden darf. Wir können hier nur andeuten; eine erschöpfendere Besprechung gerade dieses Gegenstandes müssen wir uns Vorbehalten. Haben wir ihn doch nur angeführt, um die Erscheinung dieser schroffen Gegensätze zu betonen, einerseits des neu erwachten Confessionalismus und Clerikalismus, andererseits die wachsende Ausbreitung der Religionslosigkeit und des radicalen anticlerikalen Geistes. — Doch in gleicher Weise erheben sich jetzt die Stimmen gegen den Mißbrauch des an sich so berechtigten und bedeutungsvollen Nationalitätsprincips, durch welches man alles allgemein Menschliche, alles Humanitäre in das Reich der Schatten, wenn nicht der Gespenster, verbannen will. Ludwig Bamberger hat soeben eine Broschüre „National" veröffentlicht (Berlin, Rosenbaum, 1888, 2. Auflage.) Der Titel scheint uns nicht recht zu Passen, denn der Verfasser spricht vielmehr über den staatenbildenden Begriff des Nationalitätsprincipes, welcher seit 1813 in die factische Welt getreten, vom Wiener Congreß beseitigt wurde, welcher aber „1848 sein Leipzig, 1866 sein Waterloo" erlebt habe. Wiederholt betont Bamberger, daß „national" nicht erschöpfend definirt, und daß die Staatenbildung nach Nationalität nur unvollkommen durchgeführt werden könne. So habe das deutsche Reich bei seiner Begründung die Deutschen Oesterreichs vom Gesammtkörper der deutschen Nation abgerissen, dagegen andere Nationalitäten, wie die Polen Preußens, die Dänen Nordschleswigs, die Franzosen Lothringens in sich ausgenommen — ein vollgültiger Beweis, daß das Nationalitätsprincip nur eines der Staatenbildenden Potenzen zu sein vermag. Dasselbe mit Consequenz zu verfolgen, würde die Welt erst recht in den Sumpf der Absurdität hineiuführen. Mit der Nationalität allein läßt sich practische Politik überhaupt nicht treiben. Vielmehr bringt es durch seinen Mißbrauch Hader und Spaltung in die Nation hinein. Auf diesem Wege wird auch der Particularismus genährt, denn an die Stelle der Nation tritt leicht der Stamm und stellt für den letzteren, wie für den sächsischen oder bayrischen, dieselbe Forderung auf, z. B. Schutz der Arbeit in dem Particularstaate. So geht aus der zusammenfassenden Kraft der Nationalität durch Mißbrauch und Uebertreibung eine Zersetzung hervor, die höchst gefährlich werden könne. Bamberger tröstet sich: „Zeitströmungen sind ihrer Natur nach einseitig und vorübergehend. Auch dieser „Paroxismus" wird vorübergehen. Die Frage ist nur, wie viel Unheil er vorher anrichten wird, nicht blos in den äußeren Zuständen, sondern in der Geistesverfassung der Menschheit." Die Schlußstelle der Broschüre ist gewiß der Wiedergabe werth. Sie lautet: ,Die Umkehr zum Welt-Schutzzollkrieg ist ein Rückschlag gegen die Erfindung der Eisenbahnen und des Telegraphs; aber Eisenbahn und Telegraph werden den Schutzzoll besiegen und überleben. Nationalhaß und Rassenhaß sind ein Rückschlag gegen die Ausbreitung von Milde, Gerechtigkeit und Freiheit, welche die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet und die Civilisation des neunzehnten gereift hat. Auch sie werden siegreich den Rückschlag überwinden. Noch brauchen wir uns nicht der Anschauungen zu schämen, denen die größten Deutschen, Lessing und Goethe, huldigten. Auch sie standen allerdings in ihrer Zeit, und mit den Aufgaben der Zeit wechseln die Anschauungen und deren Berechtigung. Aber in der Anschauung so großer Geister ist ein Dauerndes, welches den Wechsel der jeweiligen Aufgaben und der aus ihnen erzeugten Impulse und Leidenschaften überlebt, und das gerade dann am meisten in Erinnerung gebracht und beherzigt zu werden verdient, wenn der Dünkel des Augenblicks sich dermaßen steigert, daß er seine Eingebungen für das Ewige hält.' Folgendes schrieb Goethe an Carlyle: L) „Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetischer, Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet. In jedem Besonderen, cs sei nun historisch, mythologisch, fabelhaft, mehr oder weniger willkürlich ersonnen, wird man durch Nationalität und Persönlichkeit hindurch jenes Allgemeine immer mehr durchleuchten und durchschimmern sehen. Da nun auch im practischen Lebensgange ein Gleiches obwaltet und durch alles Irdisch-Rohe, Wilde, Grausame, Falsche, Eigennützige, Lügenhafte sich durchschlingt und überall einige Milde zu verbreiten trachtet, so ist zwar nicht zu hoffen, daß ein allgemeiner Friede dadurch sich einleite, aber doch daß der unvermeidliche Streit nach und nach läßlicher werde, der Krieg weniger grausam, der Sieg weniger übermüthig. Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere der Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Ueberzeugung jedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört. Zu einer solchen Vermittlung und wechselseitigen Anerkennung tragen die Deutschen seit langer Zeit schon bei." So geschrieben zu Weimar am 20. Juli 1827 — sei es heute den Enkeln als ein Gedenkblatt ins Stammbuch gelegt." — l) Briefwechsel, herausgegeben von Charles Eliot Norton, Cambridge, Amerika 1887.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.