Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1888)
- Date
- 1888-11-08
- Page
- Seite 706 (sequence 2)
- Language
- German
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706 die eigentliche Stütze derselben die jüdische Bevölkerung genannt, natürlich ohne selbst hierfür und noch weniger für dessen directe Feindseligkeit einen Beweis anzutreten. Wir nennen diese Berfahrungsweise „armselig", weil sie nun schon zum Ueberdruß verbraucht ist und es den Herren an Erfindungsgabe gebricht, irgend ein neues Argument herbeizuschaffen. Und auch das ist verbraucht, daß man dem „Reformjudenthum" Glaubenslosigkeit zuschreibt. Allerdings, da das Reformjudenthum vorzugsweise den rein monotheistischen Lehrinhalt des Judenthums hervorhebt und in neues Licht stellt, ist dies dem Missionswesen höchst unbequem und eine Schwierigkeit, über welche die Judenbekehrer nicht hinwegkommen, wenn sie nicht materielle Mittel in Händen und Subjecte vor sich haben, welche für diese empfänglich sind. Das ist ihnen schon seit Jahrzehnten gesagt worden, aber sie thun, als hören sie es nicht. Sie haben eben nur Augen und Ohren für das, was sie sehen und hören wollen. Jndeß sind es nicht die Beiträge der Juden allein, welche die Kindergärten verdächtig machen. Der „Fröbelverein" zählte 1884 unter 254 Mitgliedern 14 Freimaurerlogen als corporative Mitglieder — was will man Wohl mehr, um über den religiös sittlichen Charakter der Fröbel'schen Kindergärten den Stab Zu brechen? Hübener bezeichnet sie als „humanistisch", und dies genügt, um in unserer Zeit, nach der Meinung jener Leute, ein Institut aus der Welt hinaus zu verketzern. Die „christlichen Kleinkinderschulen" erziehen hingegen zur „Gotteskindschaft", zu dem freudigen Bekenntniß für den „Gott, geoffenbart in Fleisch." Diese christliche Kinderpflege ist „aufs Engste mit der Diakonie und mit der inneren Mission verwandt" und verbunden. Diakonie und innere Mission sind „die beiden Führer der Kleinkinderpflege, ein Umstand, durch den Deutschland sich vor allen Ländern auszeichnet!" Wir haben durchaus nichts dagegen einzuwenden, wenn irgend eine aufrichtige Meinung sich innerhalb ihres Gebietes einen entschiedenen Einfluß gewinnen will; sobald sie aber hierzu nur gelangen kann, indem sie nach allen anderen Seiten hin Feindschaft und Haß ausbreitet, trägt sie ihre eigene Verurtheilung in sich selbst. Uebrigens kommt diesen Kinderschulen das Prädieat „christlich" gar nicht zu, denn die Katholiken werden sich hüten, sich mit diesen Schulen der inneren Mission und der Diakonie zu identificiren. Eine solche specifische Tendenz deckt man nicht mit dem Beiwort christlich, ja nicht einmal protestantisch. Daß diese Art Kinderschulen neben ihrer, gewiß anzuerkennenden wohlthätigen Wirkung auch ganz specielle egoistische Zwecke im Auge hat, kann aus dem Buche Hübener's recht wohl erkannt werden. Doch dies geht uns nichts an. Wir wollen nur gegen diese Tendenz engherzigster Consessionalität protestiren, welche gegenwärtig in Deutschland auf allen Gebieten des Lebens, in der Arbeiterwelt, in commerziellen Verhältnissen, in den Lehranstalten bis zur Universität hinauf, in der Wissenschaft, namentlich in der Geschichte und gegen die Naturwissenschaften u. s. w. sowohl von den Ultramontanen als von den Orthodox-Evangelischen mit allen Mitteln und Kräften verfolgt wird. Nein! nicht blos als Juden erklären wir uns dagegen; denn wir nicht allein leiden darunter, sondern auch jede christliche Gemeinschaft, wo sie in der Miuorität vorhanden. Vor Allem leidet das Menschenthum und die menschliche Gesellschaft unter diesen jenes und die allgemeine Menschenliebe verleugnenden und diese, die Gesellschaft, nach allen Seiten hin spaltenden Bestrebungen. — Jndeß ist es sicher, daß, wenn derartige specifische Tendenzen so recht durchzudringen und die Herrschaft an sich zu reißen scheinen, die Reaction gegen dieselben nahe bevorsteht. Ist es doch nicht das erste Mal, daß solche Erscheinungen im Kreisläufe der menschlichen Entwickelung zum Vorschein kam. Wir hatten jüngst eine „Wanderung durch's Leben" vor uns, welche 1856—1860 Gerd Eilers verfaßte, ein Mann von ernster Beobachtung und gewissenhafter Mittheilung, der sehr einflußreiche preußische Staatsämter bekleidet hat. Auch den religiösen Strömungen seiner Zeit widmete er große Aufmerksamkeit, und so forschte er auch den Ursachen nach, durch welche der Rationalismus und neben ihm in geringerem Maße der Pietismus einen so großen Sieg über die altlutherische Orthodoxie gewonnen. Wir wollen seine Worte hierherstellen, weil sie ebenso gut auf die gegenwärtige Strömung in der evangelischen Kirche angewendet werden können. Eilers sagt: „Wie sah es im Anfänge unseres Jahrhunderts mit der religiösen Pflege des Volks und mit den christlichen Ueberzeugungen in der gebildeten und nicht gebildeten Welt aus? Wenn man die Liebe abzieht, dann bleibt vom Christenthum nichts übrig als Pfaffenthum, und jeder Geistliche ist nach urkundlich echt christlichen Grundsätzen nichts als ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle, wenn er der Liebe ermangelt. Ein solches Pfaffenthum hatte sich im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts auch in der evangelischen Kirche entwickelt und es würde einem Kundigen nicht schwer fallen, alle möglichen Kennzeichen davon an einzelnen Personen und an ganzen Corporalionen nachzuweisen: das Sitzen ans Moses' Stuhl, das Posaunen, um von den Leuten gesehen zu werden, herrschsüchtiges und liebloses Richten nach Glaubensformeln ohne Rücksicht auf die Gesinnung, Sündenvergebung auf Grund des eigenen lieblosen Glaubens, was sie Seligkeit durch den Glauben allein nannten, Scheinheiligkeit und Erheuchelung göttlichen Eifers in einem Grade, wie es nur je bei den alten Pharisäern vorgekommen war; denn diese wollten gern Zeichen von Christo sehen, sie aber gaben ihre Scholastik für die allersichersten Zeichen von Christo aus, und verfolgten mit fanatischem Hasse alle die, welche in ihren Zeichen