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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-01 · Heft 44 (1.11.1888) · p. Seite 700

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 44 (1.11.1888)
Date
1888-11-01
Page
Seite 700 (sequence 12)
Language
German
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700 lung am gestrigen Tage sprachen sie dies mit wahrem Inj grimm aus. Es trat ihnen aber Blahremberg sehr entschieden entgegen, und die Folge war, daß die Versammlung resultatlos verlief und Blahremberg Ovationen seitens des Publicums erhielt. Klärt sich somit die Situation mehr auf und gewinnt, wie sich voraussetzen läßt, das Ministerium Rosetti die Mehrheit, so können wir uns der Hoffnung hingeben, daß auch positiv einige der großen Schäden, die uns Juden durch den Druck und die Gesetze Bratiano's verursacht worden, geheilt werden. Palästina. Jerusalem, 25. Oct. Man berichtet aus Palästina: Die ungefähr 21 Km. lange Eisenbahnstrecke von Jaffa nach Jerusalem, die erste Eisenbahn in Palästina, geht ihrer Vollendung entgegen, und in einigen Monaten wird der Schienenweg die heilige Stadt mit dem Meere verbinden. Die Hafenstadt Jaffa, der Ausgangspunkt der Bahn, hat ihr Ansehen in den letzten Jahrzehnten ganz verändert. Die alten Mauern des Forts sind gefallen, und an ihrer Stelle sind europäisch erbaute Niederlagen und Magazine erstanden. In der inneren Stadt erheben sich überall neue Gebäude, die Vorstädte haben sich erweitert. Orangenhaine umgeben die freundliche, rein gehaltene und gut beleuchtete Stadt. — Auch anderen Orts ist Palästina im besten Zuge, sich zeitgemäß zu entwickeln. Der Ort Bethlehem, vor wenigen Jahren noch aus ärmlichen Häuschen bestehend, hat sich in ein reinliches, gut beleuchtetes Städtchen verwandelt. Die sonst bel schlechtem Wetter und im Winter kaum gangbaren Straßen sind gepflastert worden und nun zu jeder Zeit des Jahres gut zu passiren. Die meisten Häuser haben Glasfenster erhalten, eine Einrichtung, die in Palästina sowie auch in Syrien eine immer größere Ausbreitung gewinnt. Das alte Sichem, welches jetzt den Namen Naplouse führt, gleicht einer europäischen Fabrikstadt. In der Hälfte der Stadt, in welcher die Grabmäler Josua's und Joseph's sich befinden, ist eine ausgedehnte Seifenfabrik entstanden, deren Erzeugnisse bis Tunis und Süditalien ausgeführt werden; in der anderen Hälfte hat man eine Fabrik für Stiefel und sonstige Fußbekleidung errichtet. — In Jerusalem ist der Zuzug von deutschen und israelitischen Einwanderern auf die Entwickelung von wesentlichem Einflüsse gewesen; die Stadt verliert von Tag zu Tag ihren orientalischen Charakter. Die Thore I der Stadt werden nicht mehr geschloffen, Straßen und Wege sind verbessert, europäische Gebäude werden fort und fort errichtet. Alan kann jetzt in Jerusalem Annehmlichkeiten wie in den europäischen Großstädten genießen. Auf dem Wege von Jaffa nach Jerusalem findet man ausgedehnte Gemüse- und Obstgärten, welche sich in vortrefflichem Zustande befinden. Haupt-! säcklich ist es der Handel mit Orangen, welcher einen immer! größeren Aufschwung nimmt. Die Anlage der Bahn dürfte die fortschrittlichen Veränderungen in Palästina jedenfalls noch beschleunigen. Bonn, 29. Oktober. (Notizen.) Man schreibt aus Berlin vom 21. October: Seinen neunzigsten Geburtstag feiert morgen (Montag) der Geheime Sanitätsrath Dr. Martin Steinthal in Berlin, wohl der älteste Arzt im Deutschen Reiche. Von seinen neunzig Jahren hat Dr. Steinthal, wenn man von einer wissenschaftlichen Reise in den Jahren 1821 und 1822 absieht, siebzig in Berlin verlebt. Er hat hier seine Studien gemacht und späterhin Gelegenheit zu ärztlichem Schaffen und wissenschaftlichem Forschen gefunden. Dr. Steinthal's Doctorschrift (1821) handelte über einen Gegenstand aus der Geburtshilfe und ist seinem einstigen Schul- Director C. F. F. Haacke in Stendal zugeeignet. Nach der Promotion ging St. auf eine Studienreise, die ihn nach England und Schottland und durch einen beträchlichen Theil Deutschlands führte. 1823 nach Berlin zurückgekehrt, legte er die Staatsprüfung ab und begann hier seine ärztliche Kunst zu üben. Er gewann dabei an zweien seiner Lehrer einen Rückhalt, an Ernst Horn und Christoph Wilhelm Hufeland. Von Horn, dem ehemaligen Charitsdirector, erhielt St. die Anregung, sich dem Studium der Geisteskrankheiten zuzuwenden, in welchem er Besonderes geleistet hat. Hufeland hatte an St. ein thätiges Mitglied seiner medicinischchirurgischen Gesellschaft. Diese Gesellschaft, 1810 gegründet und seit 1836 die „Hufcland'sche" genannt, war früher der Brennpunkt aller heilwissenschaftlichen Bestrebungen in Berlin. In neuerer Zeit wurde sie von jüngeren Vereinigungen in den Hintergrund gedrängt. Dieser Gesellschaft widmete St. viele Jahrzehnte seine Arbeit, erst als Mitglied, sodann als Schriftwart, zuletzt als Oberleiter. St. literarisches Schaffen ist recht vielseitig. Mit besonderer Vorliebe pflegte er die Jrrenheilkunde. Ec strebte an, die Grundzüge dieser Wissenschaft zum Gemeingute der practischen Aerzte zu machen. In der Behandlung der Irren folgte vr. Steinthal schon in den dreißiger Jahren in Hinsicht auf die freie Bewegung und Beschäftigung der Irren zu einem Theile Anschauungen, wie sie erst jetzt allgemein geltend geworden sind. Einen kurzen Abriß der Geschichte der Medicin von 1821 bis 1871, von Brown bis Virchow, gab St. in einem Rückblicke gei legentlich seines 50jährigen Doctorjubiläums. Bei seinen Standesgenossen hätte sich Dr. Steinthal noch durch seine Bemühungen für die Waisen und Wittwen von Aerzten ein dauerndes Gedenken gesichert, wenn er nicht durch seine Forscherarbeit dafür zur Genüge gesorgt hätte. (Geheimrath Steinthal war auch seiner väterlichen Religion stets innig! ergeben und nahm besonders in den vierziger Jahren lebhaften Antheil an der damaligen jüdischen Reformbewegung.) 1»

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