Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 698 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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698 urteilt! Man schreibt der „Voss. Zeitg.": Der Diaconus Schenner in Taucha bei Leipzig, ein eifriger Vorkämpfer des Antisemitismus und der christlich-socialen Partei, der in Folge seines rücksichtslosen und schroffen Auftretens schon mehrere Male mit dem Strafrichter in Conflict gerathen ist, wurde, wie die „Leipz. Gerichtsztg." zu melden weiß, laut einer Verordnung des evangelisch-lutherischen Landesconsistoriums seines Amtes entsetzt. Oesterreich-Ungarii. Wien, 16. Octobcr. Die Antisemiten rühmen sich — was darauf zu geben ist, weiß man — einen großen Anhang! unter den hierorts Studierenden zu haben. Folgendes führt! einen Gegenbeweis. Der neuernannte Professor für Anatomie, Dr. Emil Zuckerkand! (Israelit), hat heute Vormittags seine Antrittsvorlesung gehalten; seine Hörer haben ihm einen ebenso herzlichen als stürmischen Empfang bereitet. Der große Saal im neuen Anatomiegebäude war lange vor Beginn der Vorlesung gefüllt, enggedrängt saßen die Hörer auf den Bänken, und jene, welche keinen Platz gefunden, nahmen selbst auf den Fensterbrüstungen Aufstellung. Als Professor Zuckerkand! um 9 Uhr den Saal betrat, machte sich lebhafte Bewegung geltend. Alles erhob sich von den Sitzen, brausende Rufe und Händeklatschen ertönten. Bewegt stand der junge Professor auf dem Katheder und konnte nicht zu Worte kommen; lange währte es, bis Ruhe eintrat. Professor Zuckerkand! gedachte in der Einleitung der großen Forscher und Lehrer an der Wiener Hochschule, deren Schüler er gewesen, namentlich Hirtl's, Langer's uud Rokitanskys — neuer Beifall ging bei Nennung dieser Meister durch den Saal — und ging dann auf das eigentliche Thema seines Vortrages, eine Darstellung des Wesens und der Entwickelung der anatomischen Methodik, über. Wien, 20. October. (Privatmitth.) Als der sel. Mannheimer 1825 zum Prediger hierher berufen wurde, durfte er diesen Titel nicht führen. Die Israeliten in Wien bildeten nämlich damals keine Gemeinde; der Kaiser Franz hatte ihnen blos gestattet, eine Schule zu errichten. Mannheimer führte daher den Titel Religivnslehrer und thatsächlich ertheilte er auch den Religionsunterricht. Als dies jedoch nicht mehr thunlich war, wurde im I. 1829 Ür. Saalschütz, der später in Königsberg wirkte, als Religionslehrer nach Wien berufen, und Mannheimer erhielt den officiellen Titel: erster Religionslehrer. Erst später nannte er sich Prediger. Endlich im Jahre 1848 erschien das Gemeindestatnt der Residenzstadt Wien. In demselben wurde diesem Momente Rechnung getragen, indem dem „ersten Prediger,, das active und passive Wahlrecht zugesprochen wurde. Der gleiche Vorgang wurde auch den christlichen Geistlichen gegenüber eingehalten. Den eigentlichen Pfarrern wurde das Wahlrecht zuerkannt, nicht aber den Caplänen, Cooperatoren rc. In directer Weise unterstützte der Vorstand die Ansicht vom ersten und zweiten Prediger. Als nänilich das Bethaus im II. Bezirke erbaut und im Jahr 1856 ein Concurs zur Besetzung ver Predigerstelle ausgeschrieben wurde, hieß es, man wolle „neben Herrn Mannheimer einen zweiten Prediger" anstellen. Man hatte diese Bezeichnung gewählt, weil man die etwaige Empfindlichkeit Mannheimers schonen, dem neuen Prediger aber nicht eine untergeordnete Stellung anweisen wollte. In jüngster Zeit ist der Gemeinderath von Wien bei dem niederösterreichischen Landtage mit dem Wunsche eingeschritten, der gesammten katholischen Geistlichkeit in Wien das Wahlrecht zu gewähren. Da nahm Herr Baron Königswarter auch für den „zweiten Prediger" das Wort und ist dieser Wunsch berücksichtigt worden. Es erhalten daher die Rabbiner (Prediger) der Gemeinde, falls später mehr als zwei angestellt werden, das Wahlrecht. Würden jene Juden, die Mitglieder des Gemeinderathes, des Reichstages ic. sind, in ebensolcher Weise zu allen Zeiten für die Rechte ihrer Glaubensbrüder eintreten so stünde es um unsere Angelegenheiten anders und besser. Ein italienisches Sprichwort lautet: Olli poeora 8i fa, il lupo lo mängia. Der Statthalter von Niederösterreich, Frh. v. Pvssinger, erhielt in den letzten Tagen vom Kaiser einen hohen Orden. Wie es heißt, wurde ihm diese Auszeichnung für die schneidige Abfertigung, die er den Antisemiten im Landtage angedeihen ließ, zu Theil. Am 17. October wurden die Zinsen des^ Fonds, die Jahresbeiträge, rc. der Prediger Maunheimerrevenue, in Summa 1625 fl. an 37 Petenten (1 Rabbiner, 12 Rabbinerwittwen, 7 Lehrer und 17 Lehrerwittwen) vertheilt. Drei erhielten ä 100 fl., 19 ä 50 fl. und 15 ä 25 fl. Großbritannien. London, im October. Aus der vielbesprochenen Schrift Mackenzie's ziehe ich folgende Stelle heraus, welche dieGesinnung in gewissen deutschen Kreisen kennzeichnet und bekundet, wie tief das antisemitische Gift in die Gemüther eingesickert ist. Mackenzie erhielt viele Schreiben voll Sympathie und Aufmunterung, aber noch weit mehr Drohbriefe und Schmähschriften. Er sagt: „Es ist amüsant, aber zu gleicher Zeit einigermaßen schmerzlich, als Beweis der Tiefe bösartiger Stupidität, in welche von Leidenschaft verführte Menschen verfallen können, hier anzuführen, daß einer der Hauptgründe der Angriffe gegen mich in der angeblichen Thatsache bestand, daß ich jüdischen Ursprungs sei. Wem Argumente und Schimpfworte erschöpft waren, dem war der Appell an die antisemitischen Gefühle, welche unter gewissen Classen in Deutschland so vorherrschend sind, ein niemals fehlendes