Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 696 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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696 falls anders sie ihre Ziele zum Heile der Gesammtheit weiter verfolgen will, nur den Rath geben können, darnach zu trachten, sich auf etwas breitere Schichten zu stützen, als es bisher meist geschehen ist. Wenn die conservative Partei es über sich gewinnen könnte, etwas weniger reservirt, etwas weniger exclusiv, ja, oft intolerant zu sein, dann würden auch Beschwerden, wie die von Herrn v. Helldorff in Halle vorgebrachten, rasch verstummen können." Allerdings wird Stöcker noch von der streng orthodoxen evangelischen Geistlichkeit gehalten, die in ihm einen Agitator der Masse zu ihren Gunsten sieht. Jndeß schmilzt sein Ansehen in der Bevölkerung immer mehr, und er wird persönlich immer unschädlicher. — Worauf die „Nord. Allg. Ztg." im oben angeführten Satze anspielt, ist zu charakteristisch, um nicht hier erwähnt zu werden. Herr von Helldorff hat kürzlich auf dem conservativen Parteitag in Halle Klage darüber geführt, daß es nicht möglich sei, in Deutschland jährlich die 30,000 M. zusammenzubringen, um die Centralorgane, deren die Partei bedürfe, erhalten zu können. Man habe eine von sämmtlichen Mitgliedern der conservativen Parteien des Reichstags und des Landtags unterschriebene Bitte um Geld an 20,000 Adressen von wohlhabenden Leuten geschickt und nicht so viel erhalten, um die Portokosten decken zu können. Herr v. Helldorff hat diese Erfahrungen auf Mangel an Opferwilligkeit in der Partei zurückgesührt. Die Herren Großgrundbesitzer sehen es gern, wenn die Conservativen für ihre Beutel sorgen, halten diese aber fest verschlossen, wenn sie für die conservative Partei Opfer bringen sollen! — Nach der „Zeitschrift des königl. preuß. statistischen Bureaus" fanden im Jahre 1887 an ehelichen Geburten 977,228 statt, worunter 9050 jüdische. An unehelichen Geburten von christlichen Müttern Zählte man 92,345, jedoch von jüdischen Müttern nur 250. Dies giebt 0,2 Procent, während die jüdische Bevölkerung 1,2 Procent zählt — es ist dies ein sittliches Zeugniß, das sich diejenigen merken mögen, welche immer von „christlicher Ehe" als einem Gegensatz zur „jüdischen Ehe" sprechen. Hamburg, 21. Oktober. Der 70jährige Bestand des Tempel-Berbandes ist am Sonnabend festlich begangen worden. In Gegenwart des Vorstandes des Repräseutanten- Collegiums und zahreicher Mitglieder der Gemeinde hielt j Herr Prediger Dr. Leimdörfer eine einstündige geistvolle Kan-? zelrede zu dem Texte: „Gehet zu Abraham, euerem Vater und zu Sara eurer Ahnfrau, denn als einen Einzigen habe * ich ihn berufen, ihn aber gesegnet und groß gemacht." Jes. 51. — Am Tage der Völkerschlacht bei Leipzig — so begann, der Redner, am Geburtstage des großen Kaisers Friedrich III., am 18. Oktober 1818 ist der damals einzige Tempel mit ‘ zeitgemäßer Andacht im Judenthum gegründet worden, aber^ er ist wie Abraham der Stammvater zahlreicher bedeutender Gemeinden geworden und sein Wachsthum wird immer größer. Was den Geist und die Tendenz dieses Gotteshauses anlauge, so ist sie: Verbindung des Glaubens mit der Wissenschaft. Nicht Willkür, sondern das Bedürfniß der Zeit war es: Würde und Weihe, Ruhe und Anstand in die jüdischen Gotteshäuser zu verpflanzen, die Andacht zu regeln und die deutsche Predigt einzuführen, deren Vater, Gotthold Salomon, hier gelebt und gewirkt, — sei eine patriotische, eine erleuchtende und eine religiöse That gewesen, patriotisch, denn neben dem Hebräischen wurde in unserer Zeit die Sprache des Vaterlandes zu einer dem Israeliten heiligen Sprache, erleuchtend, denn Deutsch und deutlich seien den Juden seit jeher identische Begriffe gewesen, so daß selbst vor Mendelssohn die Schrifterklärungen Verdeutschungen genannt ^wurden und selbst der des Deutschen nicht mächtige alte Rabbiner sprach von derDeutung dunklerStellen: „Was ist das Deutsch?" Aber nicht wenig hat die deutsche Predigt zur Vertiefung der Religion beigetragen. Nach dieser inhaltlich bedeutenden Rede folgte ein Gebet für die verstorbenen Gründer, Prediger und Vorsteher, ferner für das Vaterland, den Senat und die Gemeinde. Der Präses der letzteren, Herr Josef Schönfeld, sprach im Namen der Verwaltung dem Prediger für die wirklich hervorragende Leistung vor der versammelten Gemeinde tiefgefühlten Dank aus. Kassel, 19. Oktober. (Privatmitth.) Hier sprach vor einer Wählerversammlung einer der Führer der nationalliberalen Partei im Reichstage,Prof. vr. Eneccerus. Aus derVersammlung heraus wurde an ihn die Frage gerichtet, wie er über „die Judenfrage" denke? Und was antwortete der Herr Professor? Meine Antwort ist sehr einfach. Ich habe von jeher den Wucher verdammt und bekämpft und schon früher bin ich dafür eingetreten, daß der Wucher strafrechtlich beschränkt werden müsse! — Wahrscheinlich hielt der Herr Professor den Boden in Kassel für antisemitisch heiß, so daß er nicht fest auf denselben treten durfte. Er windet sich deßhalb auf eine, bei ihm nicht ungewöhnliche Weise hindurch. Man frägt: identificirt Eneccerus denn Jude und Wucher? Das wäre doch eine aller thatsächlichen Wahrheit in's Gesicht schlagende Verleumdung! Oder wollte er sagen: die Juden lasse ich aus dem Spiele; beklagt ihr euch aber über diejenigen Juden, welche Wucher treiben, so bin ich ein entschiedener Feind des Wuchers. Aber jedenfalls hätte sich der Herr Professor deutlich aussprechen sollen, denn es ist eines Mannes würdig, keinen Zweifel über seine Ansichten bestehen zu lassen. Haben doch die meisten seiner Zuhörer seine Worte in dem ersteren Sinne ausgelegt und ihn deßhalb als einen Antisemiten ärgster Art bezeichnet. Mannheim, 19. October. (Privatmitth.) Am Mittwoch 17. October, geruhte der Erbgroßherzog von Baden sammt