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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-01 · Heft 44 (1.11.1888) · p. Seite 695

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 44 (1.11.1888)
Date
1888-11-01
Page
Seite 695 (sequence 7)
Language
German
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695 dienste zu ermöglichen und einen theoretischen, der ihr die Kenntniß der religiösen Weltbetrachtung zuführen soll. Darin liegt auch eine apologetische Aufgabe. Die Jugend, welche in der Gegenwart die Practische Bethätigung des Judenthums durch die Gesetzesübung nur als Halbheit sich vollziehen sieht, bedarf gegenüber den Verlockungen des Christenthums durch Rang und gesellschaftliche Stellung doppelt der Festigung. Da darf man es nicht der gelegentlichen Bibellectüre überlassen, darauf hinzuweisen, daß das Gebot der Menschenja sogar der Feindesliebe eine Offenbarungswahrheit des Judenthums ist, sondern man muß alle Gebote der Schrift, die sich auf dieses Verhältniß beziehen, logisch aneinanderreihen. Unsere Jugend hört sehr häufig von dem jüdischen Gott der Rache im Gegensätze zu dem christlichen Gott der Liebe. Da ist es wieder nöthig in zusammensassender Darstellung zu beweisen, daß die göttliche Rache nichts anderes ist als die strafende, göttliche Gerechtigkeit, das heißt, die erhabene Auffassung von der sittlichen Weltordnung, in der das Böse seine Bestrafung finden muß. Hier kann es nicht genügen, wenn der Lehrer etwa bei der Lectüre des 94. Psalms darauf hinweist, daß der Rachegott gleichgesetzt wird dem Richter der Erde, sondern alles darauf Bezügliche von dem zweiten Gebot: er thut Gnade bis in's tausendste Geschlecht bis zu dem talmudischen Ausspruch: der Gnadenreiche, d. h. der neigt die Wagschale nach der Seite der Gnade idd 211 iDn "üd muß sorgfältig geordnet werden, damit der Schüler ein klares, übersichtliches Bild der religiösen Grundanschauungen des Judenthums erhalte. Der Unterricht hat dann auch noch weitere apologetische Zwecke. Der Schüler muß erfahren, daß das Judenthum keine Erbsünde kennt, und daß die Stellen, auf welche man sich zum Beweise für dieselbe beruft, wie (Ps. 51, 7.) „In Sünde wurde ich erzeugt" nur bedeuten, daß der Mensch vermöge seiner materiellen Natur, seines nvon::, wie unsere Religionsphilosophen sagen, der Versuchung leicht erliege. Ein wesentliches Rüstzeug im Kampfe des Lebens ist das Bewußtsein, daß das Leben an sich nicht sündhaft ist, sondern es erst dann wird, wenn es sich den göttlichen Zielen der Welt entgegensetzt. Der Schüler soll erfahren, daß der Talmud lehrt: pN oy min daß er pw pi, die Anforderungen des practischen Lebens, als eine der vier Säulen des sittlichen Lebens neben Gotteslehre, Gebet und guten Werken nennt. Das muß man erfahren, und damit man es in richtiger Ordnung erfahre, dazu ist die Schule da, welche alle Gegenstände des Wissens methodisch zu lehren hat. Da dürfen wir doch wohl mit den ohne eigenes Verschulden an der Passah-Feier Verhinderten fragen: jn:u Warum sollen wir Zurückbleiben? Deutschland. Berlin, 21. Oktober. (Privatmitth.) Die „Kreuzztg." erklärt sich jetzt offen gegen den „Nationalitätsschwindel" und für den „altpreußischen Particularismus", wie er vor 1848 bestanden. Der momentane Beweggrund zu dieser Erklärung ist für sie der Aufruf der Cartellpartei, der für die Befestigung der Einheit im deutschen Reiche eingetreten. Im Grunde hat das fromme Blatt niemals einen anderen Standpunkt eingenommen. Zu verwundern ist nur der Widerspruch, in welchen sie hierbei geräth, wenn sie die Juden, die doch seit dem Edikt vom 11. März 1812 als Staatsbürger dem altpreußischeu Staate angehörten, als zur Nationalität nicht gehörig und darum nicht als im Staate berechtigt zu sein ausgiebt. Mein diese Leute behandeln eben das Recht wie Wachs oder Thon, dem man nach den Umständen durch einen herzhaften Druck jeden Augenblick eine bestimmte Gestalt geben könne. Sie müssen es uns aber gestatten, den Antisemitismus zum „Nationalitätsschwindel" zu rechnen, indem wir zugleich innerhalb seiner gerechten Schranken das Nationalitätsprineip achten. — Es ist jetzt unzweifelhaft, daß Stöcker sich im vollen Niedergange befindet. Nicht mehr allein die liberalen Parteien stehen ihm gegenüber, sondern auch unter seinen Verbündeten und nächsten Freunden fällt die Mehrzahl von ihm ab. Auf den ersten Berliner Wahlkreis, den er, obschon er immer durchgefallen, den seinen zu nennen pflegte, hat er verzichtet. Im dritten Wahlkreise steht er einem anderen Candidaten aus der Mitte seiner Partei gegenüber. Tie Antisemiten haben sich in drei Fraetionen gespalten: Stöckers, Cramers und Försters. Von beu maßgebenden Kreisen, die er bereits in seiner Hand zu haben glaubte, ist! er abgeschnttelt worden. Man denke an die Rede des Grafen Douglas. Aber auch das Organ des Reichskanzlers, die „Nordd. Allg. Zeitg." enthält soeben folgende Mahnung an die Conservativen: „Ferner gehört die Judenhetze bekanntlich auch in gewissen Regionen der conservativen Partei zum politischen Glaubensbekenutuiß; wenn aber zu humanitären Zwecken l durch öffentliche Sammlungen Gelder aufgebracht werden sollen, dann haben die Juden eine freigebige Hand, und man bedarf keiner besonderen Veranstaltungen, um sie zum Geben zu veranlassen. Man wird der conservativen Partei,

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