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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-01 · Heft 44 (1.11.1888) · p. Seite 693

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 44 (1.11.1888)
Date
1888-11-01
Page
Seite 693 (sequence 5)
Language
German
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693 nehmen, die ihn an allgemeiner Bildung weit überragen; welche traurige Rolle muß er spielen, da er, bei seiner völligen Unbekanntschaft mit dem Wesen der modernen Schule, in seiner Klasse nie eine anständige Disciplin aufrecht zu erhalten vermag und für die weltlichen Lehrer der Anstalt eine inferiore Erscheinung ist, ein Repräsentant, der nicht mit Unrecht typisch gewordenen Judenschule! Ist es nicht ein wahrer Chilul haschem, daß gerade beim jüdischen Religionsunterricht die schlimmsten sittlichen Ausschreitungen zu Tage treten? Schlimmer als die genannten Uebelstände erscheint mir der häufige Mangel an dem nöthigen fachlichen Wissen bei dem Nachwuchse an Religionslehrern, nicht aus gelehrter Pedanterie, oder, weil ich den Werth der Charakterbildung oder der würdigen Repräsentation nach außen hin unterschätze, sondern deswegen, weil ich fürchte, daß gerade dieser Uebelftand ein chronischer sein wird. Je mehr nämlich das Judenthum die Religion gebildeter Leute wird, desto mehr wird eine religiöse Lebensanschauung auch bei der studirenden Jugend angetroffen werden. Die ungebildeten Rabbiner sind ohnehin im Aussterben, und selbst jene Dilettanten, welche ohne gründliche Schulbildung mit ein Paar Jahren Universitätsbesuch es zu Doctores plnl (adelphiae) gebracht haben, werden immer mehr schwinden, wenn, wie das jetzt geschieht, junge Leute nach gründlicher, schulmäßiger Bildung, sich dem Studium jüdischer Theologie widmen, aber das Niveau fachlicher Schulung unter den Theologen wird auf die Dauer herabgedrückt werden, wenn man fortfährt, Leute als Religionslehrer an höheren Schulen Zu bestellen, deren Legitimation für dieses Amt beinahe ausschließlich in dem Bedürfnisse nach einem Broderwerbe besteht. Besonders heutzutage ist diese Gefahr naheliegend, wo die jüdische Theologie nicht mehr wie früher in der Laienwelt der Gemeinde ihre Vertreter besitzt, und der Vorstand sehr häufig nicht mehr in der Lage ist, sich über die wissenschaftliche Befähigung des Anzustellenden ein Urtheil zu bilden. Dazu haben die alten Rabbiner der jüngsten Vergangenheit das Vorurtheil genährt, daß für einen Religionslehrer die minimalsten Kenntnisse ausreichend sind, da sie zu dessen Aufgaben höchstens das Erzielen einer Fertigkeit im Gebrauche des Gebetbuches zählten; von der hohen Aufgabe der gebildeten Generation der Zukunft ein richtiges Bild des geistigen Inhaltes des Judenthums zu geben und sie mit Achtung vor den größten Trägern seiner Vergangenheit zu erfüllen, hatten sie keine Ahnung; sich selbst hatten sie für viel zu gut gehalten, als daß sie sich zu einem Religionslehrer herabgewürdigt hätten. Ich will nur ein Beispiel anführen. R. Abraham Placzek, der Landesrabbiner von Mähren, eine tief religiöse Natur, dabei ein edler Charakter und praktisch kluger Mann, hat, wie ich aus seinem eigenen Zeugniß weiß, einem Candidaten ein Befähigungszeugniß zum Religionsunterrichte ertheilt, der nicht einmal eine Zeile von Raschi correct lesen konnte, denn, sagte er sich, was heutzutage die Kinder brauchen, wird er noch allemal kennen. Auf diese Weise vereinigt sich eine falsche Tradition der Vergangenheit mit dem kühlen Jndifferentismus der Gegenwart, um den Religionsunterricht der Zukunft den unfähigsten Händen auszuliefern. Wozu ist dann das an sich richtige Hervorheben des geschichtlichen Religionsunterrichtes nütze, wenn, um bei den angeführten Beispielen zu bleiben, der Lehrer weder über Maimonides, noch über Jehuda Halevi sich ein selbständiges Urtheil zu bilden vermag. Also, erst Lehrer, dann Schulbücher und einen Lehrplan; denn der tüchtige Lehrer kann sich über den Mangel eines guten Buches hinweghelfen und sich den fehlenden Lehrplan selbst dictiren, aber der b e st e Lehrplan und das beste Lehrbuch können auch nicht einmal einen mittelmäßigen Lehrer schaffen. II. Wir kommen nun zu dem sachlichen Theil unserer Aufgabe, zur Darstellung des Lehrstoffes, wie er für den Religionsunterricht an höheren Schulen begrenzt werden muß. Grünfeld will die systematische Religionslehre aus dem Unterrichte verbannt wissen. Sehr mit Unrecht, wie schon der Redacteur dieser Zeitung ausgeführt, dessen Widerspruch als das Urtheil eines Mannes, der, einer der Ersten unter den Gründern der modernen Religiousschule, praktisch und literarisch für dieselbe thätig war und die geistige Arbeit des Judenthums in Literatur und Seelsorge mehr als ein halbes Jahrhundert beobachtet hat, an sich schon ein Gegenbeweis ist. Ich will nun dieses abfällige Urtheil über den systematischen Religionsunterricht auf seine Entstehung hin prüfen, denn es ist ja nicht vereinzelt, sondern im Gegentheil ein sehr häufig gehörtes. Am meisten wird der systematische Religionsunterricht von den Gegnern der systematischen Theologie angegriffen und sogar verhöhnt, obwohl — und das ist sehr bezeichnend — sogar der entschieden orthodoxe Rabbiner Feilchenfeld in Posen ein Lehrbuch der Religion verfaßt hat. Der Grund der Gegnerschaft von dieser Seite, auf welcher man ja das meiste Interesse haben sollte, die eigenen, für unveränderlich und vor der Möglichkeit jedes Jrrthums geschützt gehaltenen Ansichten, aller Welt klar darzulegen, liegt zunächst in dem Antagonismus gegen alles Neue. Man muß aus principiellen Gründen auch die Fehler der Vergangenheit sich zu eigen machen, sowie einmal eine Gemeinde gegen einen Vorsteher revoltirte, der statt des immer üblich gewesenen „In der Schul" Rufens, das richtige „In die Schul" einführen wollte. Ein weiterer Grund der Gegnerschaft ist die von Orthodoxen, wie von den Rationalisten vertretenen, von Men-

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