Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 692 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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692 Religionsunterrichtes ausgesprochen. Die Redaction hat ihren Standpunkt diesen Gedanken gegenüber im Allgemeinen gekennzeichnet, doch glaube ich, daß es auch heute noch manchem Leser dieser Zeitung erwünscht sein wird, die speciellen Verhältnisse des staatlich beaufsichtigten und besoldeten Unterrichts von Seiten eines Mannes, der die Verhältnisse aus eigener Thätigkeit kennt nud sich auch anderswo fleißig umgesehen hat, kennen zu lernen. Zugegeben sei, daß vollkommen entsprechende Lehrbücher noch immer fehlen, daß auch Lehrpläne nicht überall vorhanden sind, und noch sonstige Uebelstände die Thätigkeit des Lehrers hemmen, aber in diesen Mängeln liegt noch lange nicht der schlimmste Schaden; ein tüchtiger Lehrer wird diese Klippen zu umschiffen verstehen; was uns aber am meisten fehlt, sind Religionslehrer. Damit soll nicht gesagt sein, daß ein fühlbarer Lehrermangel vorhanden ist, denn Leute, die sich die Remunerationen, welche der Staat für die Ertheilung des Religionsunterrichtes zahlt, verdienen wollen, giedt es in Hülle und Fülle, aber solche, die sie wirklich verdienen, sind äußerst selten. Ich will das soeben ausgesprochene, harte Urtheil begründen. Voll einem Religionslehrer verlange ich drei Eigenschaften: er muß eine religiöse Natur und ein gebildeter Mann sein, und daneben ausreichende Jachkenntnisse besitzen. Das scheint wohl ebenso selbstverständlich, als wenn ich sagen wollte, ein Theater-Eleve muß eine gesunde Stimme, oder ein Jäger muß eine sichere Hand haben, aber es ist nur nicht selbstverständlich, weil es nur selten vorhanden ist. Eine religiöse Natur in dem Sinne, daß sie nicht nur für sich ein gelegentliches, religiöses Bedürfniß, sondern auch das lebendige Streben auf dem Gebiete religiöser Lehre zu wirken, fühlt, muß eine geborene, oder frühzeitig entwickelte Anlage sein. Wem diese fehlt, der kann wohl ein anständiger, handwerksmäßiger Schulmeister sein, der ebenso sein Religionsbuch tractirt, wie er gegebenen Falles die lateinische Casuslehre oder das Exercier - Reglement für die Infanterie seinen Zöglingen eingepaukt hatte, aber ein Religionslehrer, der eine segenbringende Thätigkeit entfalten könnte, wird er nie. Hierbei will ich, um einem Mißverständnisse vorzubcugen, ausdrücklich angeben, daß ich die religiöse Anlage nicht Jemandem abspreche, der einmal in seinem Leben etwas gethan hat, was religiösen Menschen als anstößig gilt, aber wenn er zwischen seinem Thun und seinem religiösen Denken jede Brücke abgebrochen hat, oder mit andern Worten, überhaupt darauf verzichtet, sich eine religiöse Anschauung zu bilden, der kann in Anderen eine religiöse Anschauung auch nicht erwecken. Wenn ich Jemanden als reifen, jungen Mann kennen lerne, der beispielsweise mich mit bemitleidendem Hohnlächeln ansieht, weil ich als Student nicht trepha esse, oder mir sagt: Halten Sie den Versöhnungstag wirklich aus anderen Gründen, als aus Rücksichten ans Ihren Stand? und derselbe Mann greift dann, weil er seinen Beruf verfehlt hat, zum Religionsunterrichte, um sich sein Brod zu verdienen, so ist ein solcher weder eine religiöse, noch eine sittliche Natur, und kann um so weniger Andere zu religiösen und sittlichen Naturen bilden. Wer sich selbst nicht die Mühe genommen hat, seine religiöse Denkart für sich zu prüfen, wird daher in die Lage versetzt, die Religion zu vertreten, immer nnr die Schablone des Hergebrachten zu seiner Vorlage nehmen, er wird die Religion nur nach dem katholischen Princip der völligen geistigen Unterwerfung fassen und demnach auch nur Schüler erziehen, die sich aus äußeren Gründen ihm fügen, ihn innerlich aber verachten. Solche Religionslehrer, die mit jeder religiösen Anschauung zerfallen, als Lehramtscandidaten für klassische, für moderne Philologie oder für Geschichte ihr Brod nicht fanden, und dann aus der Roth eine Tugend machend, sich dem Religionslehrerstande widmeten, sind keine allzu seltenen Erscheinungen, und solchen Lehrern wird mit dem besten Lehrbuche der jüdischen Geschichte nicht geholfen werden. Wollen wir aber gerecht sein, so müssen wir gestehen, daß selbst diese Lehrer noch den Vorzug haben, daß sie ihren Stand nach außen hin anständig repräsentiren und selbst ihren Schülern gegenüber den Respect erzwingen, welcher gebildeten Menschen gebührt. Am schlimmsten steht es mit jener zahlreichen Klasse von Leuten, die, ohne auch nur die allgemeine Bildung eines Gymnasiasten der untersten Klasse zu besitzen, den Religionsunterricht an einem Gymnasium oder einer ähnlichen Lehranstalt ertheilen. Diese Herren rekrutiren sich aus ehemaligen Rabbinern, die ihre Gemeinden wegen Zerwürfnisse verlassen haben, oder weil dieselben ihnen nicht mehr Nahrung zu geben vermögen, dann aus Lehrern, Cantoren und sogar Schächtern, welche den Unterricht ertheilen, weil ein besserer Lehrer augenblicklich nicht vorhanden ist, oder zur Zeit ihrer Anstellung nicht vorhanden war. Es kommt nämlich sehr häufig vor, daß in Städten, welche höhere Schulen besitzen, keine jüdische Gemeinde existirt, weil sie früher von Juden nicht bewohnt werden durften. Nun haben sich nach und nach einige jüdische Familien dort niedergelassen, einige Schüler jüdischer Confession besuchen das Gymnasium, und, da kein anderer Lehrer vorhanden ist, wird der Schächter, in einem mir bekannten Falle sogar ein Mauthpächter, zum Religionslehrer bestellt, ein Mensch, der in seinem Leben niemals eine anständige Volksschule besucht hat, der nicht ordentlich deutsch sprechen, nicht einen deutschen Satz correct niederschreiben kann und von allgemeiner Methodik gar nichts und von jüdischer Religion nur den Luach und das Schechitah-Buch kennt. Etwas besser steht es wohl mit den Rabbinern und Lehrern der alten Schule, aber welche Stellung kann ein Lehrer Schülern gegenüber ein-