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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-01 · Heft 44 (1.11.1888) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 44 (1.11.1888)
Date
1888-11-01
Page
Seite 691 (sequence 3)
Language
German
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691 genommen werden und. mit der Schule der getrennte Religionsunterricht für Katholiken, Protestanten und Juden organisch verbunden bleibt, ohne auf den Unterricht in den Profanfächern Einfluß zu haben. Ueberall aber, wo die Schule consessionell oder die bestehende Simultanschule ^nur paritätisch für Katholiken und Protestanten ist, hat die jüdische Gemeinde für eine jüdische Schule zu sorgen und ihr möglichst den Charakter einer öffentlichen Schule zu verschaffen. Mögen da, wo die Simultanschulen wieder aufgehoben und an deren Stelle Confessionsschulen wieder hergestellt werden, die jüdische Gemeinde die Kräfte und die Energie finden, ihre früher bestandene Schule wieder einzurichten! — Nichts hat die öffentliche Aufmerksamkeit in der letzten Zeit so vielfach beschäftigt, als der heftige Streit, der zwischen den deutschen und den englischen Aerzten des verewigten Kaisers Friedrich ausgebrochen ist und Schriften hervorrief, welche an Bitterkeit jedes Maß überschreiten. Wir sehen hier Männer, die als größte Kapacitäten geschätzt werden, sich gegenseitig Unkenntniß, Ungeschicklichkeit und sogar Barbarei vorwerfen. Es ist dies eine höchst betrübende Erscheinung. Denn sie zeigt einerseits die Ungewißheit und Unsicherheit, die in der medicinischen Wissenschaft auch heute noch vorhanden ist, und zwar ebenso in der Diagnose, d. h. der Erkenntniß der Krankheit, als auch in der Therapie, d. h. der Behandlung derselben. Theorie und Praxis leiden an demselben Mangel an Zuverlässigkeit und die Medicin ist noch heute so weit entfernt, eine exacte Wissenschaft zu sein, wie zur Zeit des Hippokrates vier Jahrhunderte vor der gewöhnlichen Zeitrechnung. Denn wir haben es hier mit in ihrer Kunst ausgezeichneten Männern zu thun, und mit einem Fall, wo das Object der Krankheit doch vermittelst des Kehlkopfspiegels sichtbar war. Andererseits aber gewahren wir so häßliche Leidenschaften im ärztlichen Stande herrschen, daß nicht einmal das Andenken des verklärten Dulders von der Veröffentlichung derartiger Streitschriften zurückzuhalten vermochte. Es bewahrheitet sich hier wieder der alte Erfahrungssatz, daß Wissenschaft und Gelehrsamkeit noch lange nicht identisch sind mit wahrer Herzensbildung und echtem Sittlichkeitsgefühl. In der That hatte der ärztliche Stand in der zweiten Hälfte des vorigen und in der ersten Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts sich aus dem Zustande der Verwahrlosung, der Charlatanerie und Pedanterei, wie sie z. B. Moliöre noch so köstlich verspottete, auf die Höhe wahrhafter j Achtung und echter Würde hinaufgearbeitet. Es wäre sehr! bedauerlich, wenn er jetzt wieder in einen gewissen Nieder-! gang gerathen sollte. Es bestehen für ihn die Gefahren der! Selbstüberhebung der Specialisten, . des handwerksmäßigenj Betriebes und der Geldschneiderei. Der vielfache Wechsel! der Systeme und der von ihnen bedingten Curarten, die! Mißachtung, die das eben aufgetretene Systems gegen alle frühe-1 rat kund giebt, so daß in keinem Fache beider großen Mehrzahl der Jünger eine solche Verachtung der Geschichte herrscht, wie in der medicinischen Wissenschaft. Doch wir wollen es nicht verhehlen: die Wissenschaft steht in unserer Zeit überhaupt vor diesen ihr drohenden Gefahren. Bei der innigsten Verehrung, die man ihr widmet, bei der Anerkennung, die ihren unübersehbaren Verdiensten gebührt, kann man sich doch nicht verbergen, daß auch nicht unwesentliche Nachtheile mit ihr verbunden sind. Sie ist gar zu leicht ausschließlich und will die Geisteskräfte, die ihr nicht unmittelbar dienen, aus aller Geltung bringen, ausschließlich, denn sie allein will das Recht haben, die großen und kleinen Fragen des Menschenwesens und Menschenlebens zu beantworten und mit gleicher Suprematie über die übersinnlichen wie über die sinnlichen Dinge zu entscheiden. So hat sie unbewußt und bewußt das religiöse Bedürfniß, die religiösen Gedanken und Gefühle aus den Geistern theils schon verdrängt, theils sucht sie dieselben zu verdrängen; abkühlend wirkt sie auf die Empfindungen der Menschenbrust und indem sie ihre eigenen Grenzen überschreitet und Metaphysik und Psychologie selbstherrlich in ihre Unterthanenschaft zieht, obschon sie das Wesen der ihrer Beobachtung unterliegenden Erscheinungen zu geben nicht einmal vermag, macht sie den einen Theil der Menschen, namentlich den jüngeren, zu Materialisten und Atheisten und drängt den anderen in die Arme der Orthodoxie, namentlich in deren formale Theile zurück. Es ist daher Pflicht aller Derer, welche dies für unheilvoll erachten, die noch etwas von den Errungenschaften viertausendjähriger Geistesarbeit halten, und welche bei hoher Schätzung der Verstandescultur doch der menschlichen Gefühlswelt und der Einbildungskraft ihr Recht bewahren wollen, hiervor zu warnen, hiergegen zu reagiren, ohne der Freiheit der Wissenschaft zu nahe zu treten, ohne sie schädigen zu wollen. Brüx, im Oetober 1886. Was tljttt beut Religionsunterricht an höheren Schulen am meisten noth? Von Rabbiner Dr. Deutsch?) In einer Artikelserie, betitelt: „lieber den Religionsunterricht an den Mittelschulen Oesterreichs" wurden in dieser Zeitung von Dr. Grünfeld, meinem Amtsnachfolger in Brünn, eine Reihe von Wünschen betreffs besserer Organisirung des 1) Zur Klärung über diese wichtige Frage werden die folgen'en Artikel vielfach dienen. Allerdings nehmen \u zum Theil besonders auf die Verhältnisse in Oesterreich Rücksicht, da in Preußen an den höheren Lehranstalten der jüdische Religionsunterricht leider! nur facultativ ist, aber auch nur quaUficirte Lehrer zugelassen werdet!. R ed a et. 44'

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