Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1888)
- Date
- 1888-11-01
- Page
- Seite 690 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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690 anderen in den Vordergrund stellen. Aber als „ewige Stadt" hat sie doch eine Rivalin, die niemals eine nur annähernd ähnliche weltliche Herrschaft besessen, und welche dennoch in sehr hervorragender Weise ein Mittelpunkt der menschengeschlechtlichen Entwickelung war und geschichtlich noch heute vorstellt — Jerusalem. Sie liegt fern vom eigentlichen Markte des Weltlebens, mit welchem sie noch nicht einmal durch eine Eisenbahn verbunden ist. Sie ist wohl anderthalb Jahrtausende älter als Rom, und gegenwärtig nur langsam im Wiederaufblühen begriffen. Sie gehört, nachdem sie einst auch einmal zu Zeilen eine Millionenstadt gewesen, nur zu den mittleren, verhältnißmätzig kleinen Städten, da sie weniger mehr als 30,000 Einwohner zählt, unter welchen die einst aus ihr verbannten Abkömmlinge ihrer alten Besitzer wieder die Mehrzahl bilden und rasch anwachsen. Dennoch sind die Blicke des größten Theils des Menschengeschlechtes, der Bekenner dreier Religionen, auf diese uralte Stätte gerichtet, und nicht blos Israel, sondern auch das Christenthum und der Islam nennen sie heilig. Aus allen Weltgegenden sieht man fromme Pilger dahin wandern und viele Fürsten richten ihre Schritte dahin, um die ihnen heiligen Plätze zu schauen. Auch der verklärte Vater des deutschen Kaisers und Prinz Friedrich Karl und der österreichische Kronprinz und so viele andere Kronenträger oder den Thronen nahe Stehende haben persönlich den Zoll ihrer Verehrung der Stadt Jerusalem dargebracht. Freilich, einst war auch sie der Gegenstand furchtbarer blutiger Kümpfe. Egypter, Assyrer, Chaldäer stürmten ihre Mauern und Thore; mit den Syrern kämpften die Israeliten siegreich, mit den Römern zum Tode getroffen, um den Besitz dieser Stadt. Ein Jahrtausend später zogen gewaltige Heeresmassen aus dem Abendlande, um dieses Stück Erde für die christliche Welt wieder zu erobern; viele Ströme des Blutes flössen, aber der Islam blieb Lieger und unter seiner Herrschaft legte sich der Frieden über dieses Land. Doch das Land verödete und Jerusalem verfiel. Aber es besteht doch noch und bewahrt seine uralte Würde, und wenn erst der Türke aus seinen Grenzen verdrängt sein wird, geht auch Jerusalem sicherlich einer neuen Blüthe entgegen. Und was ist es denn, was Jerusalem trotz seiner gegenwärtigen Geringfügigkeit im Bewußtsein der Menschenwelt aufrecht und hoch erhält? Das, was schon der Prophet verkündete: „Denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort des Ewigen von Jerusalem!" (Micha 4, 2.) Wir brauchen keine geschichtlichen Studien zu machen, um zu erweisen, daß das Wort des Propheten ganz und vollständig in Erfüllung gegangen. Denn was selbst der Koran an Wahrem und Erhabenem enthält, sind nur Worte, die den Büchern unserer hl. Schrift entlehnt sind. Und diese Lehre und dieses Gotteswort hat Jerusalem niemals durch die Waffen, durch Zwang oder durch Verlockung verbreitet oder zu verbreiten gesucht, sondern abermals im Sinne des Propheten nur der Macht der Wahrheit, der Erkenntnis der Ueberzeugung vertraut. (Jes. 42, 3.) Nicht wie von Rom zogen aus Jerusalem die Legionen, um die Völker zu unterwerfen, die Nationen in den Staub zu treten; nicht wie aus Rom ergossen sich Bannflüche und Anathemata über die Herrscher und Völker, die sich dem Willen der obersten Kirchenfürsten nicht beugen wollten, nicht von Jerusalem aus wurden die Völker gegen einander zum Kriege geführt, die Staaten zerrüttet, die Scheiterhaufen angezündet. Jerusalem war immer nur die Stadt der Idee, der religiösen und sittlichen Idee, der reinen religiösen Heiligung; und ist es deshalb längst nicht mehr ein Mittelpunkt der weltlichen Entwickelung der Menschen, so bleibt es doch immerdar die Stätte und das Symbol der religiösen Lehre, ohne welche das Menschenthum nicht gedacht werden kann. — Jüngst hat der bayerische Unterrichtsminister Herr von Lutz angeordnet, daß das Simultanseminar in Würzburg aufgehoben werde. Nicht minder wurden und werden in Preußen unter, dem Ministerium des Herrn von Goßler die Simultanschulen, welche vor etwas mehr als einem Jahrzehnt vom Minister Falk, nicht immer ohne einen „sanften Druck", den besonders jüdische Gemeinden zu empfinden hatten, hergestellt wurden, wieder aufgehoben und in Confessionsschulen verwandelt. So haben in diesen Tagen die Stadtverordneten zu Myslowitz die Aufhebung ihrer Simultanschule so lange abgelehnt, als nicht der Staat die Mehrkosten für Anstellung eines katholischen, protestantischen und jüdischen Rektors übernähme. Viel weiter geht das gegenwärtige clericale Ministerium in Belgien, welches, so weit es dies vermag, die von der liberalen Regierung mit so großen Opfern errichteten Gemeindeschulen, mit Opfern, welche namentlich für die prächtigen Schulgebäude große Lasten erforderten, wodurch schließlich die liberale Regierung gestürzt ward, in clericale Schulen umgewandelt. Gerade das Gegentheil geschieht in Frankreich, wo die radieale Kammer unter Leitung der Unterrichtsmiuister die Schulen nicht blos antielerical, sondern antireligiös gemacht haben, sodaß nicht einmal die Schulräume für den von jeder Confessiou gestellten Religionsunterricht zu verwenden gestattet wird. Wer diese Vorgänge überschaut, muß folgern, daß nicht einmal in den kultivirtesten Staaten eine sichere und klare Ansicht über die Schule und ihre Tendenzen vorhanden ist, daß auch die Schule den Parteien und ihrem Zwiste anheim gefallen, und daß gerade wegen dieser Parteiungen die Schule keine befestigte Stellung erlangen kann. Was uns betrifft, so können wir der Simultanschule nur dann von unserem Standpunkte aus eine Berechtigung zuschreiben, wenn sie wirklich und vollständig simultan ist, d. h. wenn in ven Lehrkörper je nach ihrer Tüchtigkeit katholische, protestantische und jüdische Lehrer ans-