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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-25 · Heft 43 (25.10.1888) · p. Seite 685

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 43 (25.10.1888)
Date
1888-10-25
Page
Seite 685 (sequence 13)
Language
German
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685 Rumänien. Zafsy, Ende September. Immerhin mag das neue Ministerium den Juden günstig gesinnt sein und die schweren Plagen, welche Johann Bratiano und sein Regiment über jene gebracht haben, mildern, so vermag es doch nicht viel, da Bratiano seine Grausamkeiten in Gesetzesform gebracht und durch seine Kammermehrheiten sanctioniren ließ. Das Ministerium müßte also erst diese Gesetze aufheben lassen, und es ist sehr fraglich, ob es sich zu solchen Schritten bewegen lassen wird und ob die Mehrheit der Volksvertreter ihm darin folgen würden. Die Lage hat sich also nur insofern gebessert, als der willkürlichen Tyrannei der Beamten ein Riegel vorgeschoben ist. — Einen großen Verlust haben unsere Glaubensgenossen durch den Tod des Herrn Jacob Neuschotz, eines höchst menschenfreundlichen Mannes, am 6. September erlitten. Er dehnte seine Wohlthätigkeit auf Dürftige aller Confessionen aus. Am meisten strebte er dahin, die Jugend gut unterrichten und ein Handwerk erlernen zu lassen. Er gründete ein Waisenhaus, wo auch verwahrloste Kinder beiderlei Geschlechts ausgenommen werden. Am Tage seines Leichenbegängnisses wurden 10,000 Francs an jüdische und christliche Arme vertheilt. Neuschotz soll mehr als vier Millionen Francs hinterlassen haben. Er vermachte, außer kleineren Legaten 20,000 Francs der rumänischen Academie von Bukarest, 30,000 Francs dem israelitischen Krankenhause und 25,000 Francs für den israelitischen Friedhof. Nun sollte man doch glauben, daß ein rumänischer Staat stolz sein müßte, einen solchen Bürger zu besitzen- Nun, drei Mal kam er um seine Naturalisation ein, drei Mal bewirkte Bratiano, daß sie ihm verweigert wurde. Dagegen besaß N. den österreichischen Adel, den Orden der eisernen Krone, den Stern von Rumänien und die Tacova von Serbien. — In Bottuschan wird unter der Leitung des unermüdlichen Hillel Kahane die früher bestandene Musterschule wieder eröffnet, und zwar mit Hilfe einer jährlichen Unterstützung von 8000 Francs der Alliance isr. univ. Amerika. Cleveland, int Sept. (Privatmitth.) Am 9. Juli d. I. wurde das neue prächtige Waisenhausgebäude auf das Feierlichste durch den Präsidenten Abraham Hart unter Assistenz mehrerer Rabbiner feierlichst eingeweiht. Bon welchem Belange dieses Orphan Asylum ist, wird man daraus entnehmen, daß im vergangenen Jahre die Zahl der Waisenkinder 310 war, entlassen wurden 52, neu ausgenommen 49, so daß gegenwärtig 307 Waisenkinder, nämlich 172 Knaben und 135 Mädchen in demselben erzogen werden. Die Organisation ist musterhaft, und ein tüchtiger Lehrkörper angestellt. Der Religionsunterricht wird in befriedigender Weise ertheilt, und besteht eine Confirmationsclasse, die gegenwärtig 39 Confirmanden zählt, 18 Knaben und 21 Mädchen. Ueber alles dies und die ganze Erziehungsweise enthält der soeben ausgegebene 20. Jahresbericht viele Bemerkungen, welche diejenigen sehr interessiren können, die der Waisenerziehung eine besondere Theilnahme schenken. Die Binder stammen aus allen Theilen der Union und kommen oft körperlich und geistig verwahrlost in der Anstalt an. Welch ein Segen, aus diesen tüchtige Menschen, nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu erziehen! — Auf das neue Gebäude wurden im verflossenen Jahre 96,000 Doll, aus dem Baufond und 6000 Doll, aus den laufenden Einnahmen gezahlt. Die letzteren betrugen 46,185 Doll., die Ausgaben 46,380 Doll., einschließlich jener 6000 Doll, für Baubedürfnisse. Die Kinder sind theils Ganz-, theils Halb-Waisen, 2 von verschiedenen Ehepaaren, 2, deren Väter im Jrrenhause weilen. Sie werden vom 5. bis 15. Lebensjahre ausgenommen. — So viel ich weiß, giebt es in der „alten Welt" kein jüdisches Waisenhaus von diesem Umfange, und doch kann dessen Größe nicht gegen den Nutzen eingewendet werden, da es zugleich in allen Theilen sorgfältig eingerichtet und gelettet ist. Fürwahr der Wohlthätigkeitssinn unter unseren amerikanischen Glaubensbrüdern ist ein außergewöhnlicher, und wenn es in religiöser Beziehung recht bunt hierzulande aussieht, so blüht dagegen die jüdische Wohlthätigkeit in zahllosen Instituten auf und die Opferwilligkeit für dieselben ist gewissermaßen unbeschränkt, Unwillkürlich denkt man an die Zustände aller Wohlthätigkeitsanstalten im östlichen Europa unter der Herrschaft der Orthodoxie und des Chassidismus und die Verkommenheit, die daselbst herrscht. Man wird dann über die Wirkung der Cultur und der Reform richtiger urtheilen. Bonn, 21. Oktober. (Notizen.) Man schreibt uns aus Offenbach a. M., 14. Oetober: Montag, den 8. c. verstarb dahier Herr Theodor Maynz, Stadtverordneter und israelitischer Gemeindevorsteher. Ein langer Zug Leidtragender, wie ihn unsere Stadt wohl selten sieht, folgte dem mit zahlreichen Blumen und Kränzen geschmückten Sarge und legte beredtes Zeugniß davon ab, welch hoher Achtung und Liebe sich der Verstorbene in allen Kreisen der Bevölkerung zu erfreuen hatte. Die Grabrede, welcher die Worte Davids: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe viel Freude und Wonne an dir gehabt!" zu Grunde lagen, hielt Herr Cantor Vogel. Im Namen der Stadtverordnetenversammlung widmete sodann Herr Oberbürgermeister Brink dem Entschlafenen für seine jederzeit opferwillige und treue Hingabe, sein rastloses und selbstloses Streben zum Wohle der Vaterstadt waren Worte des Abschiedes und des Dankes, ihn als leuchtendes Vorbild eines städtischen Ber-

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