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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-25 · Heft 43 (25.10.1888) · p. Seite 684

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 43 (25.10.1888)
Date
1888-10-25
Page
Seite 684 (sequence 12)
Language
German
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684 fehle insbesondere noch auf einer Seite das Trottoir. Es sei aber seither „Uebung" gewesen, in Fällen dieser Art die Straße als fertiggestellte im Sinne des Gesetzes nicht anzusehen. Diese Ansicht wurde nicht für begründet erachtet, demnach der fragliche Beschluß des Magistrats aufgehoben. Mainz, 16. October. Vor einigen Tagen verstarb hier der Weinhändler Herr Michael Kleemann, Israelit. Der Verstorbene hat in einem Testamente ca. eine Million Mark für wohlthätige und gemeinnützige Zwecke für hiesige Vereine und Corporationen hinterlassen. Das Nähere ist noch nicht bekannt geworden; nur weiß man bereits, daß er für die Mainzer Stadtarmen 30,000 M. bestimmt hat. Kassel, 12. October. Ein hier abgehaltener Parteitag der Conservativen in Hessen und Waldeck, der die Candidaten für die bevorstehendeu Landtagswahlen festsetzte, stellte dem Stadtkreis Kassel frei, Dr. Förster aus Berlin zu wählen. Hierin liegt eine Unentschiedenheit, welche zu der Hoffnung berechtigt, daß die Stadt Kassel diese Wahl nicht bethätigen werde. Marburg, 13. October. Der hiesige Wahlkreis wird bei den bevorstehenden Landtagswahlen ein interessantes Schauspiel bieten. Die Conservativen halten an ihrem bisherigen Abgeordneten, den sie mit Hilfe der Nationalliberalen durchgebracht hatten, Amtsgerichtsrath von Stierenberg fest. Die Nationalliberalen haben sich aber mit den Freiconservativen vereinigt und den Prof. vr. Paasche aufgestellt. Von beiden Parteien getrennt, wollen die Antisemiten vr. Winkler wählen. Bei dieser Sachlage wird es zu einer Stichwahl kommen und es ist immerhin möglich, daß der Antisemit siegt. Oesterreich-Ungarn. Wien, 19. October. (Privatmitth.) Unermüdlich sind die Antisemiten beeifert, die öffentliche Meinung mit sich zu beschäftigen und derselben ihre Existenz in Erinnerung zu bringen. Es ist ihnen hierbei gleichgültig, ob sie sich immer von neuen Niederlagen aussetzen. Man soll von ihnen sprechen, dies genügt ihnen. So haben sie in den niederösterreichischen Landtag wiederum einen Antrag auf Beschränkung der Eheschließung eingebracht. Derselbe wurde selbstverständlich abgelehnt. Demokratisch ist ein solcher Antrag gewiß nicht, und doch besteht eine Verbrüderung zwischen den hiesigen Antisemiten und Demokraten. Allein dies ist eben charakteristisch für unser hiesiges politisches Leben: keine dieser Parteien weiß eigentlich recht, was sie will; sie will eigentlich nur Lärm machen und den maßgebenden Kreisen und Behörden Verlegenheiten schaffen. Um Weiteres kümmern sie sich nicht und von Consequenz haben sie keine Ahnung. Pest, 11. October. (Privatmitth.) Der leitende Ausschuß und der Professoren - Körper des Landes - Rabbiner- Seminars machte heute unter Führung des Präsidenten M' Schweiger bei dem neuen Cultus- und Unterrichts-Minister Grafen A. Csaky ihre Aufwartung. Der Minister versicherte, daß er bestrebt sein werde, daß unter Wahrung der Interessen des Staates der Rechtskreis und die Autonomie der Confession bestehen könne. — Einen Tag früher war eine Deputation der Orthodoxen bei dem Minister erschienen. — Man berichtet uns aus Wien: Wieder ein Antisemit vor Gericht! Der frühere Secretär Schönerer's, Brückmayer, ein enragirter antisemitischer Agitator im Dienste seines Herrn, ein ehemaliger Gendarmerie-Wachtmeister wurde verhaftet. Derselbe ist beschuldigt, an den Bezirkshauptmann von Zwettl seit längerer Zeit Drohbriefe gerichtet zu haben. Frankreich. Paris, 19. Oktober. (Privatmitth.) Sie haben sich, und zwar mit Recht, für die von der französischen Regierung erlassene Beschränkung und Niederlassung interessirt, da das betr. Dekret auch viele unserer ausländischen Glaubensgenossen berührt. Ist es doch einmal das historische Geschick der Juden, öfters nach einem Lande der Zuflucht und des Schutzes suchen zu müssen! Von auswärtigen Regierungen ist in Bezug auf dieses Dekret nichts geschehen, und haben sie wohl auch hierzu keinen Rechtsgrund. Dagegen ist die französische Regierung von mehreren Gesandtschaften darauf aufmerksam gemacht worden, daß es noch große Staaten giebt, in welchen ein regelmäßiges Civilstandsregister nicht geführt wird, so daß es Personen, welche von dort stammen, gar nicht möglich ist, die von dem Dekret geforderten Papiere beizubringen. Ob die französische Regierung hiervon Notiz nimmt, ist abzuwarten: Jedenfalls ist die von dem Dekrete bestimmte vierwöchentliche Frist viel zu kurz gegriffen und wird von den französischen Beamten selbst vereitelt, die mit großer Langsamkeit in der Protokollirung vor sich gehen. Ja, der moderne Staat erfindet viele Mittel, den Menschen das Leben sauer zu machen, und die Zukunft hat viel wieder abzuschaffen, was die jüngste Zeit eingeführt hat. Paris, 17. Oktober. Das Ministerium hat im Cabinetsrathe beschlossen, die Wiederherstellung des Etats für das Rabbiner-Seminar in Paris zu beantragen. Ob es damit bei dieser Kammer durchdringen werde, ist fraglich. — Wenn neuerdings von dem Avancement von Officieren jüdischer Religion in der französischen Armee die Rede war, so findet Gleiches in der Justiz statt. Der General-Procurator in Riom, Berr, wurde zum Rath am Appelhof von Paris befördert, der Advokat Berr zum Procurator der Republik in Chateaudun u. A. Ist doch der Präsident des Cassationshofes, Herr Bedarrcdes, ein Jude. —

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