Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1888)
- Date
- 1888-10-25
- Page
- Seite 683 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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683 bedürftigen ohne konfessionelle Beschränkung Vorgehen sehen. Ein solches Bild geht uns ans dem folgenden Bericht der „Voss. Ztg." hervor. „Nicht an letzter Stelle wirkt der nunmehr seit dreizehn Jahren bestehende, von der unverdrossen thätigen Frau Agnes Blumenfeld gegründete Verein zur Speisung armer Kinder und Nothleidender. Aus ganz unscheinbar kleinen Anfängen hat sich der Verein zu einer Bedeutung entwickelt, daß er in unserem freiwilligen Wohlthätigkeitshaushalt eine bemerkbare Stelle einnimmt. Im vorigen Winter konnte derselbe 850 Familien mit Nahrungs- und Erfrischungsmitteln aller Art versehen und außerdem in sehr vielen Fällen, wo es am Nothwendigsten fehlte, wollene Decken und Strohlagerstätten gewähren. Als ganz besonders segensreich erwiesen sich indessen die von dem Verein an die Rectoren vieler Gemeindeschulen überwiesenen Geldmittel zur Beschaffung von Frühstück für arme Kinder. Von den auf ungefähr 12,000 Mark sich belaufenden Gesammteinnahmen des Vereins wurden mehr als 2500 M. an 130 Gemeindeschulen verabfolgt. Die einzelnen Rectoren unterziehen sich den mit den Frühstücksvertheilungen verbundenen Mühen sehr willig. Gesunde Schüler und Schülerinnen erhalten gestrichene Butterbrode, während schwächlichen und kränklichen Weißbrod und warme Milch gereicht wird. Es wäre dem Vereine zu wünschen, daß ihm recht zahlreiche Beiträge zugewiesen wurden, damit er in die Lage gebracht würde, den immer größeren Anforderungen, die an ihn gestellt werden, zu genügen." Berlin, 16. October. Zur Bezeichnung der gegenwärtigen Situation wird folgender Artikel der „Franks. Ztg." dienen: Nachdem Graf Douglas in seiner bekannten Rede mit der Autorität, welche ihm die nähere Bekanntschaft mit dem Kaiser verleiht, sich gegen die Anschauung gewendet hat, als ob der Kaiser in kirchlicher und Politischer Beziehung mit der äußersten Rechten sympathisire und die antisemitischen Tendenzen des Herrn Stöcker begünstige, stellen sich conservative Organe, namentlich die „Kreuzzeitung", sehr verwundert darüber, daß es nöthig sei, den Kaiser gegen eine solche Annahme überhaupt in Schutz zu nehmen. Sie wollen es Plötzlich nicht gewesen sein, die den.früheren Prinzen Wilhelm in den Ruf gebracht haben, ihr Gesinnungsgenosse zu sei», und möchten diesen Ruf am liebsten für eine freisinnige Erfindung ausgeben. Die Herren haben ein kurzes Gedächtniß oder speculiren darauf, daß andere es haben. Es ist aber eine jdoch nicht wegzuleugnende Thatsache, daß in zahlreichen antisemitischen Versammlungen so deutlich, wie dies überhaupt nur möglich ist, Prinz Wilhelm noch zu Lebzeiten seines Vaters und Großvaters als die Hoffnung der Antisemiten gefeiert worden ist. Es sind auch kurz vor dem Tode Kaiser Friedrich's Flugblätter verbreitet worden, die ihn direct als antisemitischen Zukunftskaiser proclamirten. Es ist ferner nicht vergessen, daß Herr Stöcker in einer öffentlichen Versammlung die jetzige Kaiserin in ganz unzweideutiger Absicht als seine Freundin bezeichnet hat, und am letzten Sonntag erst wieder hat er sie in seinem Wahlkreise Herford in einer Missionsversammlung, die aber einer Wahlversammlung sehr ähnlich sah, wieder als seine besondere Gönnerin hingestellt. Alle Erörterungen der conservativen Presse während der Regierung der 99 Tage ließen unzweideutig erkennen, welchen Hoffnungen sich die äußerste Rechte mit Bezug auf den Thronfolger hingab. Die „Kreuzzeitung" speciell hat ihn in einem Artikel, den sie vergeblich später anders zu deuten versucht hat, als die „Zuchtruthe" für die Freisinnigen und ganz besonders für die Juden angekündigt. So weit ging ihre Ueberzeugung von der extremen Richtung des Thronfolgers und die Anspielung war so deutlich, daß, wie wir zufällig wissen, sie an der Stelle sehr unangenehm berührt hat, auf die sie berechnet war. Dasselbe konservative Organ hat auch später bald nach dem Regierungsantritt des Kaisers einen pathetischen Appell zur Lösung der Judenfrage an ihn gerichtet, der gar keinen Sinn gehabt hätte, wenn er nicht auf der Voraussetzung beruhte, daß der Kaiser antisemitischen Neigungen zum mindesten sehr zugänglich sei. Daß den Conservativen unter solchen Umständen die Darstellung des Grafen Douglas sehr unangenehm sein mußte, ist selbstverständlich. Sie hat auch unseres Wissens den Zweck gehabt. Es ist aber nicht schön von ihnen, daß sie jetzt zu leugnen suchen, was sie früher selbst verbreitet haben. — Jedenfalls liegt hierin eine Bestätigung dessen, was Graf Douglas gesagt. Jene antisemitischen Blätter wagen es nicht einmal, das Zeugniß des Grafen in Zweifel zu ziehen. Das ist so gut wie eine vollgültige Bestätigung. Nun, wir wissen sehr wohl und unsere Väter wußten es seit langer Zeit, daß es „Freunde Israels" und „Hasser Israels" (— rois' ztiin) giebt — aber es besteht zwischen beiden noch eine große Kluft, ausgefüllt von solchen, welche den Inden nicht besonders hold sind, aber denselben kein Recht verkümmern wollen und ihnen zukommen lassen, was ihnen auf Grund der Verfassung und des Gesetzes zukommt. Hiermit sind wir zufrieden, denn wir wollen in Staat und Gesellschaft nur in gleichem Maße Licht und Schatten haben, wie unsere übrigen Mitbürger. Frankfurt a. M., 17. Oktober. Von dein „Israelitischen Frauenverein" in Frankfurt wird Klage geführt gegen den Magistrat, weil Kläger, der an sein Haus an der Theobaldstraße einen Anbau errichten will, 382 M. 51 Pf. zu den Straßenkosten beitragen soll. Kläger behauptet, die Theobaldstraße sei eine vor Erlaß der Bauordnung von 1880 fertig gestellte, sog. historische Straße und er könne nicht nachträglich zu den Kosten herangezogen werden. Beklagter führt aus, die Straße sei noch nicht fertig gestellt und es 43*