Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1888)
- Date
- 1888-10-25
- Page
- Seite 678 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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678 Der Bericht stützt sich also auf einen alten Spruch, wie dies auch bei Lemech, Kanaan u. a. der Fall ist. In demselben wurde Nimrod als „gewaltiger Jäger" gepriesen — „vor dem Ewigen" bedeutet die höchste menschliche Tüchtigkeit — der sich um das Land durch Verminderung der Raubthiere sehr verdient gemacht. Es wird zugleich angedeutet, daß er hierdurch mit Hilfe der Genossen, die er um sich gesammelt, die Herrschaft im Lande erwarb. Schon dies konnte dem, asiatischer Despotie feindlich gesinnten Israeliten eine Scheu vor den „gewaltigen Jägern" einflößen. Noch mehr tritt diese aber in der Geschichte Esaus und Jakobs (1. Mos. 25. 27.) hervor. Da heißt es: „Die Knaben wurden groß, da ward Esau ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes (v. h. der die Felder durchstreift, um zu jagen), aber Jakob ein schlichter Mann, Zelte bewohnend." Da Esau wie Jakob als Stifter von Nationen auftraten, so müssen wir den Sinn noch tiefer erfassen und in der ganzen Erzählung dieser beiden Heroen die Unterscheidung zwischen einem Jagdvolke und einem Ackerbauvolke suchen, wie jenes Esau's Nachkommen, die das Gebirge Seir bewohnenden Edomiter, dieses dis Abkömmlinge Jakob's, die das Flachland bewohnenden Israeliten wurden. Der Streit zwischen den beiden Bölkerarten und die Verschiedenheit derselben spiegelt sich in den folgenden Erzählungen ab, und es gehört zu den landläufigen Mißverständnissen, daß man diese Erzählungen ganz und gar Persönlich auf Esau und Jakob bezogen hat, während sie im nationalen Sinne und auf die Geschichte der beiden Völker hätten bezogen werden sollen. Bon diesem Gesichtspunkte aus muß man zunächst den Bericht über die Erstgeburt verstehen, doch dies gehört nicht hieher. Isaak befiehlt dem Esau: „Nimm deine Waffen, deinen Köcher und deinen Bogen und geh aufs Feld und jage mir ein Wildpret." „Esau ging auf das Feld, ein Wildpret zu erjagen und heimzubringen." Es ist hier zu bemerken, daß nicht vom Jagen im Walde, sondern auf dem Felde die Rede ist, und daß die Waffen angegeben werden, mit welchen man die Thiere erjagte. Ganz besonders bedeutsam find die Segenssprüche Jsaak's. Isaak sprach zu Jakob: „Sieh, meines Sohnes Geruch ist wie Geruch des Feldes, das Gott gesegnet." Die letzten Worte bezeugen, daß Isaak das Feld nicht als ein Jagdgebiet, sondern als ertragssähigen Ackerboden, also von einem ackerbauenden Volke spricht und fährt deshalb fort: „Dir gebe Gott vom Thau des Himmels und von der Erde Fett und Fülle Korn und Most!" Es handelt sich also bei ihm um den Segen eines Volkes, das lediglich dem Ackerbau ergeben ist. Daß solche Völker mit der Zeit die Jagdvölker überwältigen, welche die festen Grenzen nicht berücksichtigen und Jagdzüge auf den Feldern der Ackerbauer ausführen, tritt bewußt hervor, denn Isaak fährt fort: „Dir werden Völker dienen und Stämme sich dir beugen; sei Herrscher deinen Brüdern!" Karg dagegen fällt der Segen für Esau aus, er lautet: „Sieh, ohne der Erde Fett sei deine Wohnung und ohne des Himmels Thau von oben; von deinem Schwerte sollst du leben und bist du dienstbar deinem Bruder, sei es doch, wenn du empor dich wiegelst, magst du sein Joch von deinem Nacken schütteln!" Bezeichnender kann das Wesen und Geschick eines Jägervolkes, das auf unfruchtbarem Gebirge haust, nicht geschildert werden. Da die Jagderträgnisse oft dürftig ausfallen, greift der Jäger zum Schwerte, zieht in die reichen Nachbarländer ein, um zu plündern. Das angegriffene Ackerbauvolk greift zu den Waffen und unterwirft das Jägervolk. Dieses rafft sich immer wieder empor, und der Kampf wird ein dauernder. Die Geschichte Israels und Edoms giebt dafür genügende Belege, bis zuletzt Edom doch unterliegt und, von Israel bezwungen, sich zum Judenthume bekennt. Anschaulicher aber kann die Gesinnung der Israeliten über Jagd und Jägervölker nicht gegeben werden, Das Gesetz konnte sich nur mit der Jagd der Thiere befassen, deren Fleisch es zu genießen gestattet. Da heißt es 3. Mos. 17, 13: „Wer ein Wildpret jagt oder einen Vogel, der gegessen werden darf, vergieße dessen Blut und bedecke es mit Erde." Jndeß lag auch die Jagd auf Raubthiere nahe, insonders aus Löwen, um diese unschädlich zu machen. So führt uns das Testament Jakob's 1. Mos. 49, 9 in der Ansprache an Juda ein treffliches Bild vor: „Ein junger Leu, steigst du vom Raub herauf: er streckt, er lagert sich wie Löwe und Löwin — wer möcht' empor ihn reizen?" Wir sehen da den Löwen, wie er vom Raube heraufsteigt und sich niederstreckt; die Beraubten sind seiner Spur gefolgt, aber sie wagen nicht, ihn anzugreifen. Dagegen wird uns von Simson und von David erzählt, wie sie auf Löwen und Bären stießen und diese tödteten. Richter 14, 5 berichtet: „Als sie kamen bis an die Weinberge von Timnata, siehe, da brüllte ein junger Löwe ihm entgegen. Da überkam ihn der Geist des Ewigen und er zerriß ihn, wie man ein Böcklein zerreißt, und nichts war in seiner Hand, d. h. er war unbewaffnet." David erzählt Saul (1. Sam. 17, 34): „Dein Knecht weidete die Schafe seines Vaters und es kam ein Löwe, auch (ein ander Mal) ein Bär und trug ein Lamm von der Heerde weg und ich ging ihm nach und schlug ihn und rettete das Lamm aus seinem Rachen, und als er sich erhob gegen mich, ergriff ich ihn beim Barte und erschlug ihn und tödtete ihn. Sowohl den Löwen als den Bären hat dein Knecht erschlagen." Ferner sprach David: „Der Ewige, der mich gerettet aus der Gewalt des Löwen und aus der Gewalt des Bären, er wird mich retten aus der Gewalt dieses Philisters." Da giebt uns nun der Prophet Ezechiel ein lebhaftes Bild von dem Raube des Löwen und wie er gejagt und gefangen wird (Kap. 19). Er vergleicht nämlich den König von Juda mit einem jungen Leu, der {