Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1888)
- Date
- 1888-10-25
- Page
- Seite 677 (sequence 5)
- Language
- German
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677 zu verwirklichen. Nach einem einfachen Schema gründete der Mische Stamm seine Colonien, indem er in diesen eine Synagoge, eine Schule und einen Friedhof herstellte und um diese seine religiöse und bürgerliche Existenz befestigte. Hierin stand ihm wie von Natur aus eine Eigenschaft zur Seite, die nur wenige andere Völkerschaften besitzen, nämlich in allen Zonen und Climaten sich acclimatisiren zu können, in Sibirien wie in den tropischen Ländern, und in ihnen fruchtbar zu bleiben — was z. B. den europäischen Völkern mit geringen Ausnahmen, z. B. Siciliern und Maltesern, abgeht. — Bei alledem wird man wohl bezweifeln können, daß es auf die Dauer der europäischen Suprematie unbenommen bleiben werde, auch im Innern Afrikas allmählich Platz zu greifen und ihre Herrschaft immer weiter auszudehnen. Auf jede Niederlage wird eine größere Anstrengung folgen und dieser es gelingen, eine Landschaft nach der anderen sich zu unterwerfen. Gewagte Unternehmungen, welche von einem Küstenstriche aus alsbald von ungeheuren Räumen des Innern Besitz ergreifen wollen, müssen scheitern, und erst größerer Machtentfaltung wird es gelingen, größere Ziele zu erreichen. Silder aus dem Leben des Volkes Israel. Es gehört zu den Aufgaben des gegenwärtigen Geschlechtes, die Geschichte des Volkes Israel immer mehr aufzüklären und in das Wesen und in den Geist dieses Volkes einzudringen, welches, nach Außen hin unbedeutend, in seinem Innern den großen Proceß der Erkenntniß für sich und für alle Völker vollbrachte, durch welchen der Gottesbegriff mit seinen ethischen Consequenzen von den phantastischen Gebilden äußerer Wahrnehmungen in den Erscheinungen der Natur für immer geschieden wurde. Jenes richtige Berständniß wird aber nicht bloß durch die Betrachtung der Geschicke dieses Volkes, auch nicht bloß durch die immer tiefere Auffassung seiner Urkunden und literarischen Denkmäler gefördert, sondern auch durch die eingehende Betrachtung seiner Sitten und Lebensweisen und der in diesen obwaltenden Verhältnisse. Hier kommen freilich Dinge zu näherer Erwägung, auf welche in früheren Jahrhunderten die Gelehrten und Forscher unsres Volkes kein Gewicht legten, ja die sie selbst als eitle Dinge bei Seite schoben; selbst solche, die mehr ein negatives als positives Resultat bieten. Denn selbst in den letzteren liegen Aufschlüsse, die zur Erklärung der Eigenart beitragen. Wir hoffen daher, daß unsre Leser solchen Bildern einiges Interesse abgewinnen. 1. Die Jagd in Bibel und Talmud. Im jüngsten Hefte (Juli bis September 1888) der Revue äes Rtuäss jllivss veröffentlicht Herr M. Jastrow einen Artikel „Jagdscenen im Talmud", welcher derNatur der Sache nach nur von geringem Umfange ausfallen konnte. Wir erweitern die Betrachtung dieses Gegenstandes, indem wir zuerst auf die Bücher der h. Schrift eingehen, insofern sie uns Anhaltspunkte dafür bieten. Man hat gesagt, daß das Volk Israel kein besonderer Freund der Jagd war. Es ist dies aus mehreren Gründen erklärlich. In einem so sorgfältig angebauten und für Ackerbau und Viehzucht aufs Emsigste benutzten Lande, das noch dazu in gleichen Familienloosen auf das ganze Volk vertheilt war, konnte der Jagd kein großer Spielraum gegönnt sein. Große Gütercomplexe waren in ihm nicht vorhanden und durch das Gesetz unmöglich gemacht. Jedermann hatte deshalb mit Flur und Vieh genugsam zu schaffen, um die Bedürfnisse der Familie zu befriedigen. Hierzu kam auch psychologisch die im Volke und durch das Gesetz geforderte Menschenfreundlichkeit gegen die Thiere, welche jede Mißhandlung derselben, jede überflüssige Verursachung von Schmerzen und Leiden für die Thiere möglichst vermied. Ein Volk, dem im Namen Gottes eingeschärft war, Thiere ungleicher Art nicht zusammenzuspannen, dem Ochsen beim Dreschen das Maul nicht zu verbinden, Mutter und Junge von den Vögeln nicht zugleich zu nehmen, selbst das Böcklein nicht in der Milch der Mutter zu kochen, die Hausthiere zu besorgen, bevor man sich zu Tische setze u. dgl., konnte an der Jagd keine besondere Freude haben, noch weniger aus ihr einen Lebensberuf machen. Wie sollten bei ihm Treibjagden, Parforcejagden oder derartige Thierhetzen aufkommen? Endlich konnte die Jagd in einem Lande, wo es der Wälder nur wenige, nur auf den Gipfeln der Gebirge, so wie im Grenzgebirge des Libanon gab, nicht viel Gelegenheit finden. Die Jagd hat einen zwiefachen Zweck; entweder geht sie darauf aus, eßbare Thiere für den Tisch zu liefern, oder schädliche und gefährliche Thiere auszurotten. Für den ersten Zweck trat das Gesetz hindernd ein, da nur wenige Arten der Jagdthiere zum Verzehren gestattet waren und nur dann verzehrt werden durften, wenn sie geschlachtet worden. Der zweite Zweck lag näher, denn in der alten Zeit gab es Löwen, Bären und Wölfe, Schakale und Füchse im Lande, und die Gefahren, die diese den Menschen bereiteten, waren oft sehr bedränglich. Wird doch unter den Plagen, mit denen das Volk bedroht wird, die lleberhandnahme der Raubthiere aufgeführt, wogegen als Segnung die Vertreibung derselben aus den Marken des Landes verheißen wird. Zu solcher Jagd mußte allerdings auch der Israelit genöthigt sein. Sehen wir nun, was wir in den heiligen Büchern hierüber finden. Jedermann weiß, daß 1. Mos. 10, 8 von Nimrod gesagt wird: „Dieser fing an, ein Herrscher zu sein im Lande; er war ein gewaltiger Jäger vor dem Ewigen, darum spricht man: wie Nimrod ein gewaltiger Jäger vor dem Ewigen." «b