Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1888)
- Date
- 1888-10-25
- Page
- Seite 676 (sequence 4)
- Language
- German
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676 sog. Araber, d. h. afrikanische Muselmanen stehen und sie , zum Aufstande bewogen haben. Diese Araber sollen durch die Europäer das Aufhören ihres Handels, insonders des Sklavenhandels befürchten. Die Eingeborenen selbst sollen es nicht ertragen wollen, daß der Sultan von Sansibar sie, ohne sie zu fragen, den Deutschen, Engländern und Franzosen abgetreten habe und außerdem will man wissen, daß die Beamten der deutschen ostafrikanischen Gesellschaft sich hart und herrisch gegen jene benommen haben. Alsbald geht nun durch die der afrikanischen Colonisation angehörigen oder ergebenen Blätter der Ruf: Hier müsse das deutsche Reich durch seine Marine und, wenn es nöthig sein wird, durch regelmäßige militärische Corps Rache üben und den Besitzstand der Gesellschaft sichern. Noch mehr, man ruft: Hier, wie in ganz Afrika stehen das Kreuz und der Halbmond sich gegenüber und der letztere müsse niedergeschlagen werden! ... Das fehlte noch dem letzten Viertel unseres Jahrhunderts, daß der religiöse Fanatismus in den Massen wieder entflammt und abermals Kreuzzüge ins Werk gesetzt werden! Daß zu diesem Ende Millionen über Millionen geopfert und deutsche Männer in das todtbringende Klima und in das unzugängliche Innere Afrikas geworfen werden! Allerdings stehen Christenheit und Islam einander gegenüber. Aber dieser Kampf hat doch den religiös-fanatischen Charakter verloren und gilt nur der staatlichen Macht. Nicht Religion gegen Religion, sondern Staaten gegen Staaten streiten hier. Wenn in vergangenen Jahrhunderten der Islam das Christenthum aus Asien und Afrika verdrängt, selbst europäische Länder, wie Griechenland, Sicilien, Spanien unterworfen und seine Heere bis vor die Thore von Wien geführt hatte: so hat sich dies völlig verändert. Bis auf den Winkel am Bosporus sind die Muselmanen aus Europa vertrieben, Nordafrika mit Ausnahme von Marokko und Tripolis ist den Europäern unterworfen, in Asien ist der Islam auf Syrien, Arabien und Persien beschränkt, während die Engländer Indien, die Russen Nord- und Centralasien in Besitz genommen. Was dem Islam an staatlicher Macht noch geblieben, verdankt dies nur der Rivalität der christlichen Großmächte, ist also nur eine Frage der Zeit. Anders sieht es allerdings im Innern Afrikas aus. Hier hat der Islam in den letzteren Zeiten außerordentliche Fortschritte gemacht, von Jahr zu Jahr zieht er die Negerstämme immer mehr an sich und bringt ihnen, wie Reisende verwundert berichten, seine Halbcultur zu, was für Neger schon immer etwas bedeutet. Im Sudan hat er bereits die europäische Herrschaft, welche sich Egyptens bedient hatte, wieder beseitigt; die europäischen Colonien, z. B. des Congostaates, sind theils schon vernichtet, theils in nächster Nähe bedroht. Hierzu kommen die außerordentlichen Schwierigkeiten, welche das Innere Afrikas für den Einmarsch beträchtlicher Haufen fast unmöglich machen. Neben dem tödtlichen Klima der Mangel an allen Straßen, so daß auf den Fußpfaden nur Mann hinter Mann marschiren kann, der Mangel an Transportmitteln und Lastthieren, so daß die Bagage nur von Trägern auf ihren Köpfen fortgeschafft werden kann, und endlich der Mangel an Lebensmitteln, der sofort eintritt, wenn die Eingeborenen feindlich gestimmt sind, das sind Feinde, welche alle Kräfte schnell aufzehren, abgesehen von den Angriffen der Eingeborenen. Wer klar und vorurtheilssrei die Dinge übersieht, der muß auf den Gedanken kommen, daß in diesen Aufständen der Eingebornen sich ein gewisser Bolksinstinct Bahn bricht, welcher fühlt, daß es sich um die Existenz handle. Was ist das Schicksal der Jndianerstämme geworden, die einst Amerika vom Norden bis zur Südspitze wohnten? Welches Schicksal steht den Eingebornen Neuseelands und Australiens bevor? In diese ungeheuren Länderstriche kamen die Europäer in dreifacher Weise. Zuerst die Conquistadoren mit den Waffen in der Hand, nach Gold und Edelsteinen suchend und die Rothhäute vertilgend. Daun die Ansiedler, welche die Indianer von Landschaft zu Landschaft austrieben und mit ahnen einen Vernichtungskrieg führten. Endlich der Handel, der jedoch wesentlich nur in Canada eindrang, um der werthvollen Thierfelle wegen. Aus den Factoreien wurden Forts, aus diesen militärische Herrschaft, vor der die sich widersetzenden Indianer nicht bestehen konnten. Alle diese Wege und hierzu die ersten Gaben der Cultur: Branntwein, Pocken und Schießpulver führten zu einem Ziele, zur allmählichen Ausrottung der Eingeborenen. Nun kann man nicht leugnen, daß diese weltgeschichtliche Thatsache für die Menschheit von den wohlthätigsten Folgen war. Wo einst geringzählige Jndianerstämme hausten und von Jagd und Fischerei lebten, da bestehen jetzt viel bewohnte mächtige Städte, viele Millionen arbeitsamer civilisirter Menschen auf gut bebauten Feldern und Plantagen und die übrigen Welttheile ziehen aus den Erzeugnissen vielfache Befriedigung ihrer Bedürfnisse. So forderte der welthistorische Proceß, welcher die fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechtes zum Zweck hat, die Aufopferung unbrauchbarer oder unbrauchbar gewordener Geschlechter und Volksstämme, und nur das, was sich in diesem Processe erhält, bezeugt damit seine Befähigung inmitten des fortschreitenden Völkermaterials mitzuleben und mitzuwirken. Diese große geschichtliche Erfahrung, welche sich schon in der Zertrümmerung des Alterthums und der antiken Völker durch die einer neuen Entwickelung fähigen, durch die Völkerwanderung herbeigeführten Volksstämme erwiesen hat, weist uns indirect auf die Erscheinung hin, daß der jüdische Stamm es wie kein anderer gleich ihm verstanden hat, seine Colonien in allen Theilen der Erdenwelt zu gründen und zu erhalten. Dies war in ihm schon Jahrhunderte vor dem Falle Jerusalems lebendig, und in dreimaligen Pulsen, in welchen die Römer die Juden aus dem Lande ihrer Väter gänzlich vertrieben, hatte er es