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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-25 · Heft 43 (25.10.1888) · p. Seite 675

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 43 (25.10.1888)
Date
1888-10-25
Page
Seite 675 (sequence 3)
Language
German
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675 des Volkes nach sich ziehen muß. Doch es ist nicht unsere Sache, hierauf näher einzugehen, da wir nur den Gang der Dinge in seinen Umrissen zeigen wollten. Daß die conservative Partei in Preußen den Antisemitismus, d. h. die Beseitigung der Gleichberechtigung aus Verfassung und Gesetz auf ihre Fahne geschrieben, wird von ihr unzweideutig ausgesprochen. In einer conservativen Wählerversammlung im ersten Berliner Landtagswahlkreise am 9. d. sagte ein Herr Bailleu, Staatsarchivar und Stadtverordneter u. A.: „Ein Nationalliberaler hat an die Vertreter der conservativen Bewegung die Frage gerichtet: „Sind Sie denn Antisemiten?" Diese Frage bewies, daß wir auf den Antisemitismus verzichten sollten. Das würde für uns aber einen Selbstmord bedeuten. Wie wollten wir uns noch conservativ nennen, wenn die Leute, welche ihre Erziehung in Polen, Galizien u. s. w. genossen, ferner wie in den letzten sechs Monaten die Waldersee-Versammlung, und unsere christlichen Bestrebungen in den Schmutz ziehen dürfen." (Beifall.) Deutlicher kann man nicht sprechen. Jndeß macht es sich bemerklich, daß in der conservativen Partei selbst eine zwiefache Strömung vorhanden ist, welche immerhin zu einer Spaltung der Extremen und Gemäßigten in dieser Partei führen kann. Aus diesem Grunde scheinen zwei bisherige Führer derselben bewogen worden zu sein, kein Mandat mehr für den Landtag anzunehmen, von Minnigerode und von Rauchhaupt, beide entschiedene Antisemiten. Bis jetzt haben sich auch die Freiconservativen von den Conservativen getrennt, und nichts gleicht der Leidenschaftlichkeit, mit welcher Stöcker in einer christlich-socialen Versammlung gegen die freiconservative „Post" gedonnert hat, die freilich schon mehrere Male von „Stöckerei und Muckerei" gesprochen hat. Er hat sie für seine Anhänger in die Acht erklärt, sich aber wohl gehütet, sie zur verjudeten Presse zu rechnen, wozu sie eben gar keinen Anhalt giebt, jedenfalls beweisend, daß eine der Judenfreundlichkeit sehr fern stehende Zeitung auch antistöckerisch sein kann. — Wenn Herr Bailleu — ein echt germanischer Name! — den Antisemitismus damit motivirt, daß die Juden das Christenthum schmäheten, so ist dies das Argument, welches j Stöcker seit zehn Jahren wiederholt und das den Mittelalterlichen Anschuldigungen, mit welchen der Fanatismus desi Pöbels gegen die Juden aufgereizt werden sollte, gleicht! wie ein Ei dem anderen. Da diesem aber die Beweise immer ■ mehr abgehen, so thut er auch keine Wirkung mehr. In! der That hat der Particularismus seit 1871 im deutschen Reiche keinen Boden mehr gewonnen, vielmehr von Tag zu! Tag verloren, und nur noch in der conservativen Partei wird! eine particularistische Richtung genährt. Denn was anderes ist das Bestreben derselben, den Fundamentalgrundsatz des deutschen Reiches, die Gleichheit vor. dem Gesetze zu beseitigen, das allgemeine Stimmrecht zu verdrängen, die Steuerlast ungleich zu vertheilen, gewiffen Kasten wieder Vorrechte zu ver-. schaffen, den Jntereffenkampf zn nähren, die Religionsfreiheit nachdrücklich zu beschränken u. s. w.? Dies ist der wahre Particularismus, der die Nation zu spalten und einzelne Parteien zu begünstigen und mit Vorrechten auszustatten sucht. Und mit welchem Rechte nennt sie sich konservativ, d. h. erhaltend, da sie Verfassung und Gesetz umzustürzen trachtet? — Wie dem auch sei, gewiß ist, daß der Antisemitismus in Berlin oder die sog. „Berliner Bewegung" in Zer- und Verfall gerathen ist. Hat sich bereits die weniger kirchliche Radaufraction von der Stöcker'schen getrennt, so hat sich die Stöcker'sche Partei selbst gespalten. Stöcker ist gegen das Cartell, weil dies gegen ihn ist; Cremer ist für das Cartell und Stöcker ist in der Versammlung seiner Anhänger gegen Cremer losgefahren. Dieser hat nun im „Deutschen Tageblatt" eine lange Absage an Herrn Stöcker veröffentlicht. In dieser beklagt sich Cremer, daß Stöcker „einen langjährigen treuen Mitarbeiter der Verachtung und dem Gespötts einer aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzten Volksmenge Preis gegeben habe." Ein bedeutsames Zugeständniß, und doch hat Cremer sich solcher „aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzten Versammlung" bedient, um sich in die Höhe zu bringen. Er bedroht Stöcker „dasselbe Experiment auf seine, „Stöcker's", Unkosten zu wiederholen." Er sei es gewesen, der Stöcker mit Hintansetzung seiner eigenen Person aus schlimmer Situation gerettet habe. Er behauptet: „die „alte" Berliner Bewegung ist tobt?! Glaubt Herr Stöcker wirklich, daß sich in seiner Person die gesammte Berliner Bewegung concentrirt? Oder meint er vielleicht, daß das, was man seit 1881 gemeinlich die „Ber- | liner Bewegung" nennt, ausschließlich von ihm ins Leben! gerufen oder von ihm allein bis auf den heutigen Tag in! Fluß erhalten worden sei? ... ." Nun in seiner jüngsten i Rede sagte Stöcker auch: „Er wolle sich unter den Trümmern | der Berliner Bewegung begraben lassen." Bei solchen Ausj laffungert und Streitigkeiten der antisemitischen Agitatoren j wird man den Niedergang des Berliner Antisemitismus nicht! verkennen mögen. Dies mag auch der Grund sein, warum jbte Kreuzzeitung, um den Antisemitismus zu retten, ihre l Hetzartikel mit heftigster Leidenschaftlichkeit wieder angefangen, j und der Theil der Conservativen, der zur Kreuzzeitung schwört, sich als antisemitisch erklärt hat. Man kann nun nicht wissen, ob kurz vor den Wahlen die Spaltung der Conservativen wieder zugekleistert wird; aber sobald die Action beginnen soll, wird die Spaltung sich wieder aufdccken.- Aus den deutschen Colonien an der ostafrikanischen Küste kommen traurige Nachrichten. Die Bewohner des Innern haben sich in Masse erhoben, die Deutschen angegriffen, getödtet oder vertrieben. Hinter diesen Negerstärmnen sollen 43*

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