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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-25 · Heft 43 (25.10.1888) · p. Seite 674

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 43 (25.10.1888)
Date
1888-10-25
Page
Seite 674 (sequence 2)
Language
German
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6U neuesten Zeit ward dies anders. Die Cultur, die Entwickelung des Verstandes und der materiellen Interessen brachten in den Völkern ein anderes Bewußtsein hervor, und der bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts überaus schwere Druck, den die bevorrechtigten Classen ausübten, weckte im Volke das Verlangen, sich von demselben zu befreien, ein Verlangen, das naturgemäß auch viele und bedeutsame Auswüchse hervorbrachte. Zunächst ging es darauf, dem modernen Staate als unerschütterliches Fundament den Grundsatz zu geben: alle Staatsangehörigen sind vor dem Gesetze gleich — womit die Vorrechte bevorzugter Kasten beseitigt werden sollten. Der jetzige Staat baut sich auf der gesammten Volksmasse auf; alle Forderungen des Staates, alle Pflichten gegen ihn werden in gleicher Weise an alle Staatsangehörigen gerichtet, die Wehrpflicht, die Steuerpflicht, der Gehorsam gegen das Gesetz, der Schulzwang u. s. w. — die natürliche Folge muß die Gleichheit vor dem Gesetze sein. Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Mit Leistungen einer gesonderten Classe kann der moderne Staat nichts anfangen. Andererseits giebt es nur wenige Staaten, die durch ihren geschichtlichen Aufbau nicht eine nach Abstammung und Confession gemischte Bevölkerung besäßen, theilweise in besonderen, zum Staate gehörigen Bezirken, theilweise auch örtlich unter einander ansässig. Der jetzige Staat muß daher von dieser Verschiedenheit der Abstammung und der Confession völlig absehen, wenn er nicht jeder Gerechtigkeit zuwider handeln und mit j eigener Hand Zwietracht und berechtigte Unzufriedenheit auf seinem eigenen Boden aussäen will. Das deutsche Reich bei seiner Begründung hat, wie schon der norddeutsche Bund, diesen Grundsatz der Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze nicht blos in Gesetzesform, sondern auch thalsächlich durch das allgemeine Stimmrecht anerkannt und verwirklicht. Sollte man es glauben, nach siebzehnjähriger Geltung und segensreichster Wirkung giebt es doch noch eine Partei im deutschen Reiche, welche die Beseitigung dieses Grundsatzes, die Rechtsbeschränkung bestimmter Classen in ihr Programm ausgenommen hat — worüber noch später — so daß andere Parteien die Ausrechterhaltung desselben auszusprechen sich gedrungen fühlen? — Zwei Gedanken waren es, welche sich bei der Begründung des deutschen Reiches als Motiv kundgaben: die Einigung der Nation und mit dieser die freiheitliche Entwickelung. „National" und „liberal" wurden die beiden Schlagwörter der Zeit, so daß eine große Partei, sie zu verbinden, den Namen „National-liberal" aunahm und unter dieser Devise eine längere Zeit in den Parlameuteu ausschlaggebend war. Mit der Zeit aber trat ein heftiger Parteikampf ein; antiliberale Fractionen machten den Liberalismus zu ihrem Gegensatz und suchten ihn in den Augen des Volkes zu verdächtigen. Andererseits sprachen sich die Parteien die Eigenschaft „national" gegenseitig ab, und es kam eine andere Bezeichnung auf: „reichsfeindlich", die sich die Parteien gegenseitig anhefteten. Was heißt eigentlich national? Die Abstammung bietet keinen sicheren Begriff dafür, denn von jeher hat eine Vermischung der Stämme stattgefunden. Wer kann sagen, wie viel wendisches oder slavisches Blut in den Adern der Deutschen fließt und umgekehrt; selbst von den Dänen und Franzosen kann dies gesagt werden, und schließlich auch vom „semitischen" Blute. Denn Tausende von Juden wurden zum Uebertritt gezwungen oder durch die Verhältnisse genöthigt; in allen Ständen, selbst in den höchsten Reichsämtern, finden wir Personen, deren Eltern oder Großeltern Juden waren, und wie viel verliert sich im Dunkel der Zeit! Der Wohnort spricht auch nichts Gewisses aus, denn in allen Welttheilen wohnen Deutsche, und das Geburtsland nicht, denn Tausende von Deutschen sind im Auslande geboren. Die einzige Bürgschaft für. die deutsche Nationalität ist und bleibt die Sprache, selbstverständlich nicht die erlernte, sondern die Muttersprache, die Familiensprache. Denn diese Sprache ist zugleich der Boden, aus welchem die deutsche Bildung, die deutsche Gesittungsart, der deutsche Geist heraus wächst. Tief gehende Forschungen haben hinlänglich dargethan, daß die Sprache durchaus kein äußerliches Symptom, kein zufälliges Product, sondern mit dem Geistesleben geworden und verwachsen ist dermaßen,!daß nicht blos die Geistesentwickelung die Sprache entwickelt, sondern auch die Sprache die Geistesentwickelung. Alle diejenigen deshalb gehören der Nationalität an, welche die deutsche Sprache als Muttersprache reden, in ihr unterrichtet und gebildet worden, in ihr denken und fühlen, in ihr leben. Mögen sich die Individuen noch so sehr eigenartig in ihrem Geiste gestalten: sie haben ein sie beherrschendes Gemeinsames, die nationale Sprache. Es war deshalb ein schwerer Mißbrauch der Bezeichnung national, als die Antisemiten die Juden als nicht national, ja als antinational bezeichneten oder vielmehr beschimpften, als sie dies zu ihrem Hauptargumente machten und damit eine Menge schwacher Köpfe blendeten. Versuchten sie es doch, in Deutschland wie in Oesterreich, ihre Partei als „deutsch-national" zu kennzeichnen und mit dieser Devise das „Antisemitisch" zu verdecken, ihren Haß und ihre staatsgefährlichen Bestrebungen mit derselben zu verhüllen. Die Vorgänge dieser und anderer Art haben es dann dahin gebracht, daß die Worte national, liberal und reichsfeindlich ihre Bedeutung verloren haben, wie selbst vor Kurzem ein gewissenhafter nationalliberaler Abgeordneter in einer öffentlichen Wählerversanunlung, wenn auch mit tiefem Bedauern, eingestand. Man kann, wenn man der Wahrheit die Ehre giebt, nicht verhehlen, daß derzeit durch alle diese Ereignisse eine große Verwirrung der Begriffe und Ansichten im deutschen Reiche herbeigeführt worden, eine Verwirrung, welche eine Erschlaffung im Geiste

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