Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1888)
- Date
- 1888-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Audenthums. Ein imPartciischks Organ sür alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteltährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson tu Donn. Expedition: Leipzig, Kospitalstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr, Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 9)i‘) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 25. Oktober 1888. Nr. 43. Inhalt. Leitende Artikel: Einige Charakterzüge vom Tage. IV. — Bilder aus dem Leben des Volkes Israel. — Die jüdischen Stabsofficiere. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt a. M., Mainz,Kassel, Marburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Rumänien: Jassy. — Amerika: Cleveland. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Lozare Isidor, Großrabbiner von Frankreich. — Vermischtes. ZciteMbe Clztißef. Bonn, 21. October. Einige Eharakterzuge vom Tage. IV. Ein Freund schreibt uns aus Venedig, wo er bei einem Aufenthalte vor vierzehn Jahren Schmutz und Verfall gefunden: „Wie ist hier Alles verändert! Alles reinlich, hergestellt und belebt. Ewiva l’Italia! Freiheit und die geeinigte Nation haben dies Wunder vollbracht!" Dies hat unserem alten Menschenherzen wohl gethan. Laufen doch gleiche Berichte aus Neapel und ganz besonders aus Rom ein, wo die Umgestaltung der Stadt schon die Klagen der romantischen Alterthumsfreunde hervorgerufen hat. Ueberall in Italien ist unter dem Einflüsse nationaler und freiheitlicher Entwickelung ein Aufschwung in Industrie, Handel und socialen Verhältnissen sehr bemerkbar. Allerdings wird es noch große Anstrengungen kosten, um die tiefen Schäden zu heilen, welche bte' despotische Fremdherrschaft in den italienischen Kleinstaaten Jahrhunderte hindurch verursacht hat. Aber wo ein so erfolgreicher Anfang gemacht worden, und wo König und Volk so tief empfinden, daß durch Einigkeit und freiheitlichen Geist die größten Erfolge erreicht werden können, kann man mit Recht auf die Erreichung hoher Ziele rechnen. In diesem Gefühle zerfällt man nicht in bitteren Parteizwist — wenn es auch immerhin Parteien giebt und geben muß, in kleinlichen Parteihaß, der nur auf Erreichung von Macht und Herrschaft ausgeht, ein Kampf, der die nationalen Kräfte fast erschöpfen würde. Deshalb hat bis heute in Italien ein Culturkampf nicht stattgefunden, obschon er hier gerade am nächsten liegt und fast unvermeidlich scheint. Denn selbst im Herzen vieler Clerikalen wiegt das Nationalgefühl vor. Ebenso wenig hat in Italien der Antisemitismus einen Boden gefunden, und zwei, drei Stimmen, die sich im Sinne desselben verlautbar gemacht, verstummten alsbald wieder, weil sie nirgends Anklang fanden. Auch um den Einfluß der Volksvertretung hat sich kein Kampf entwickelt, vielmehr läßt die große Mehrheit des Volkes der Regierung des menschenfreundlichen Humbert ebenso Gerechtigkeit wiederfahren, wie sie dem Könige Victor Emanuel gehuldigt hat, ohne dabei der Volksvertretung den ihr zukommenden Einfluß absprechen zu wollen. — Wenn wir die Geschichte der Völker in ihrem Verlaufe überblicken, so gewahren wir, daß in allen Nationen das Bestreben nach freien Institutionen lebendig war, daß aber der Begriff der Freiheit sich aus großer Beschränktheit heraus entwickeln mußte. In der antiken Welt war das Freiheitsstreben auf das Bürgergeschlecht beschränkt, während die große Masse unberechtigt blieb und von jenem willkürlich beherrscht ward. Im Mittelalter strebten die Lehnsherren, sich von der Herrschaft der Oberlehnsherren frei zu machen und sich souveräne Gewalt anzueignen, das übrige Volk als Unterthanen und Leibeigene zu behandeln. Als die Städte in die Höhe kamen, entwickelte sich auch hier ein Kampf nm die Freiheit und Selbstverwaltung, doch nur zu Gunsten entweder patrilzischer Familien oder der Zünfte und Gilden. In der 43