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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-18 · Heft 42 (18.10.1888) · p. Seite 666

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 42 (18.10.1888)
Date
1888-10-18
Page
Seite 666 (sequence 10)
Language
German
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665 reute und Händler sind, so daß bei ihnen die Gelegenheit und Veranlassung zu betrügerischen Manipulationen eine viel größere ist. Dadurch vermindert sich aber ihre Betheiligung an den übrigen Delicten in bedeutendem Maße. — Wie weit unter den streng orthodoxen Evangelischen der Antisemitismus Platz gefunden, ersieht man aus folgendem Vorgänge. Aus einer Wählerversammlung der St. Marien-Gemeinde berichten conservative Blätter Folgendes: „Der Vorsitzende, Prediger Prof. Scholz, machte bezüglich der Wahlen zum Gemeindekirchenrath und zur Gemeindekirchenvertretung u. a. die Mittheilung, daß sich nur 280 von 1100 Wahlberechtigten in die Wählerliste hätten eintragen lassen. Diese Thatsache, überhaupt die Gleichgiltig- Teit gegenüber den Wahlen, wurde von einem der Anwesenden auf einen Umstand zurückgeführt, der in der Gemeinde „Anstoß" erregt habe, der Umstand nämlich, daß in dem neuen Predigerhause eine Wohnung von einem Juden (!) bewohnt werde. Redner beklagte diese Erscheinung unter lautem Beifall der Versammlung in scharfen Ausdrücken (!). Bon Seiten der Gemeindekörperschaften wurde hierauf erwidert, daß der betreffende jüdische Miether schon 11 Jahre im alten Predigerhaus gewohnt und bei der öffentlichen Ausbietung der neuen Wohnung am meisten geboten habe. Dieses Verfahren wurde aber aus der Versammlung heraus und unter abermaligem Beifall der letzteren scharf verurtheilt. Man hätte lieber für einen geringeren Preis die Wohnung an eine christliche Familie überlassen sollen." — Daß das gegenwärtige preußische Cultusministerium nicht aus orthodox kirchlichen Gesichtspunkten handelt, dafür liegt ein neuer Beweis vor, indem es den gelehrten, scharfsinnigen, aber hyperkritischen Prof. Dr. Wellhausen als Lehrer der alttestamentlichen Exegese an die Universität Güttingen berufen hat. Das Ministerium geht also von dem Grundsatz aus, daß die Wissenschaft frei sein müsse und daß diese gegen wissenschaftliche Auswüchse das Heilmittel in sich selbst trägt. Wie sehr die Hammerstein-Stöcker'sche Richtung hierdurch chocquirt wird und sich zurückgedrängt fühlt, ist selbstverständlich. Ueberhaupt gewahrt man gegenwärtig in den der Regierung nahe stehenden Preßorganen eine Abwehr gegen die „Stöckerei und Muckerei". So haben z. B. die Verhandlungen des Vereins für Socialpolitik, in welchen die antisemitische Richtung in dem Enquötebericht über den ländlichen Wucher verurtheilt wurde, einen nachhaltigen Eindruck gemacht, und die betr. Organe wehren sich im Namen der Freiconservativen und Nationalliberalen gegen jede Voraussetzung antisemitischer Gesinnung. Berlin, 12. Oktober. Der Reichsbankpräsident von Dechend hat jetzt auch an eine große Zahl anderer Berliner Banlfirmen eine Aufforderung zu Zeichnungen für den Berliner Lokalverein für die Stadtmission des Herrn Stöcker^ (Evangelisch-kirchlicher Hilfsverein) ergehen lassen. Die Aufforderung wurde in Form einer Kurrende umhergetragen. Auch auf dieser Kurrende finden sich Firmen, deren Inhaber theilweise Juden sind. Wie man weiter berichtet, wurden ansehnliche Beträge gezeichnet. Breslau, 8. Octob. (Privatmitth.) Bor zwei Jahren bildete sich hier ein „Frauenverein der Lessing-Loge", welcher außer anderen Unterstützungen sich zur Aufgabe stellte, schwächliche Kinder armer jüdischer Eltern in die Feriencolonie zu schicken. In diesem Sommer sandte der Verein zwanzig Kinder unter Begleitung einer geprüften Lehrerin und einer Kindergärtnerin in die Feriencolonie, nachdem er diese Kinder mit angemessener Kleidung versehen hatte. Außerdem wurden zwei Kinder auf ärztliches Anrathen in andere Heilstätten geschickt. Sämmtlich kamen die Schützlinge gekräftigt und in bestem Gesundheitszustand zurück. Trotz der rituellen Berpstegung, die den Kindern angedieh, stellt sich die Gesammtausgabe nur wenig theurer, als die der städtischen Feriencolonien. Einschließlich der Anschaffung der nöthigen Kleidungsstücke und der Gehälter der begleitenden Lehrerinnen und der Reisespesen wurden 1199 M., also per Kopf 54,50 M. verausgabt. Außerdem leistete der Verein an Unterstützungen 265 M. und behielt noch an Vermögen 1013,60 M. Das Interesse der Damen für den Verein wird noch durch wöchentliche freie Zusammenkünfte in den Logenräumen erhöht, und so können wir wohl dem Vereine einen dauernden Bestand Voraussagen, wie denn auch der Thätigkeit der Vorsteherinnen der herzlichste Dank gespendet werden muß. Der Zweck des Vereins ist von den anerkanntesten hygieinischen Autoritäten genugsam gerühmt und durch die Praxis glänzend bewährt worden. Armen Kindern dieselbe Segnung zu verschaffen, die den Kindern begüterter Eltern durch die Gunst des Geschickes gewährt ist, gehört gewiß zu den wohlthätigsten Werken. Ein gesundes und kräftiges Geschlecht zu erziehen, ist für die Individuen wie für die ganze Gesellschaft eine höchst wichtige Aufgabe. Möge deshalb das Beispiel der Breslauer Frauen an recht vielen Orten Nacheiferung finden. Oppeln, im Oktober. Aus den öffentlichen Blättern kennt man den genialen und merkwürdigen Emin Pascha, der einzige von der egyptischen Regierung im Sudan einge setzte Gouverneur, welcher sich erhalten hat, jetzt aber von den feindlichen Sudanesen umlagert ist. Zu seinem Entsätze sind mehrere Expeditionen in Bildung begriffen, nachdem die unter Führung von Stanley gescheitert zu sein scheint. Ueber die Abstammung dieses Mannes, der sich auch auf dem Gebiete der afrikanischen Forschungen ausgezeichnet hat, hat sich ein Streit erhoben. Es galt für gewiß, daß derselbe ein Jude sei, bis sich andere Stimmen erhoben, welche ihn für den Sprößling einer alten evangelischen Familie ausgaben. Hierüber wird nun aus zuverlässiger Quelle Folgendes berichtet:

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