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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-18 · Heft 42 (18.10.1888) · p. Seite 664

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 42 (18.10.1888)
Date
1888-10-18
Page
Seite 664 (sequence 8)
Language
German
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664 verschiedener Altersstufen einen gemeinsamen Unterricht genießen, was ein psychologischer Nonsens ist, abgesehen von der Schwierigkeit, in einer solchen zusammengeschweißten Classe Disciplin aufrecht zu erhalten, kommt es auf diese Weise oft vor, daß ein Schüler manchmal dreimal denselben Stoff durchnimmt; während sein jüngerer Commilitone etwas ganz neues lernen muß, kann der ältere auf den Lorbeeren, die er in früheren Zeiten errungen, still und sehr friedlich ausruhen. — Wir könnten diesen Gegenstand nach von uns gesammelten Erfahrungen weiter ausführen; für diesmal wollen wir es bei den gemachten Bemerkungen bewenden lassen und nur darauf Hinweisen, daß alle diese Fehler, welche wir anführten, sich bessern ließen, wenn man, namentlich an von mosaischen Schülern stark besuchten Anstalten, dem mosaischen Religionslehrer jene Stellung einräumte, welche ihm vermöge seiner Qualification gebührt. Mögen doch jene unserer Vertreter, welche am Webstuhle unserer Zeit sitzen, nicht vergessen, daß es die Jugend ist und das Kostbarste unserer Güter, die Schule und die Religion, welcher sie sich annehmen müssen, soll nicht ein Geschlecht heranwachsen, von dem man wird mit den Worten unseres großen Propheten sagen müssen: „Es spricht zu Vater und Mutter, ich sah sie nicht und seine Brüder erkannte es nicht." (V. Mos. XXXIII, 8). — Zur Belebung des religiösen Geistes in unserer Jugend müssen wir mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln beitragen, auch durch den Gottesdienst; von diesem im nächsten Artikel. swacfyzicffaw. Deutschland. Berlin, 10. Okt. (Privatmitth.) Seitdem auch jüdische Finanziers unter dem „sanften Drucke" des Reichsbank-Präsidenten ihre bedeutenden Beiträge der Stadtmission des Herrn Stöcker, wenn auch unter dem Titel „Evangelischkirchlicher Hilfsverein" und mit der Devise „zu humanitären Zwecken" zu Gebote gestellt, und seitdem das Cartell zwischen den Conservativen und Nationalliberalen Berlins wegen der antisemitischen Candidaten zu den Landtagswahlen zum Bruch gekommen, tritt Stöcker mit seinem Judenhasse unumwunden wieder hervor und predigt in seinen christlich-socialen Versammlungen den Kampf gegen „die Soeialdemokraten und die Juden, gegen die er unversöhnlich sei", in heftigster Weise. Es ist dies ein Ausfluß seiner „christlichen Liebe und evangelischen Gläubigkeit." Es scheint, daß er sich in seinem Hofpredigeramte jetzt wieder ganz sicher fühlt. In seinem Organ „Der Reichsbote" ergießt er in jeder Nummer seinen Spott über die jüdischen Finanziers, die seinen Zwecken so große Summen geopfert haben und vergißt auch nicht eines gewissen „Hausjuden", der bei den letzten Reichstagswahlen eine so große Summe den Conservativen gezahlt hat. Er spricht so, daß es keinem Zweifel unterworfen sei, wie seine Stellung und seine Leitung im „Evangelisch-kirchlichen Hilfsverein" ganz dieselbe sei, wie sie in der Stadtmission gewesen, und daß das Geld der Finanziers nur „bedingungslos" angenommen worden. Dieser Vorgang ist so lehrreich nach Leiden Seiten hin, daß man seiner nicht so leicht vergessen soll. Vielleicht wirkt dieses Beispiel doch etwas auf die Folgezeit und auf etwaige andere ähnliche Vorgänge. — Was in der jüngsten Zeit dem unbefangeneren Theile des großen Publikums zu recht betrübendem Bewußtsein gekommen und bereits auch in einigen Organen der Tagespresse zum Ausdruck gelangte, ist die erschreckende sittliche Verwilderung der Tagespreffe. Sie hat sich in dem Parteizwiste und in Folge dessen in den Parteiorganen einen breiten Raum geschaffen. Die Parteien stehen sich nicht mehrbloß wegen Ansichten gegenüber und bekämpfen einander nicht mehr mit Gründen des Verstandes und der Volkswohlfahrt, sondern wie tödtliche Feinde, die zu gegenseitiger Vernichtung ins Feld ziehen. Erklärte doch z. B. die freiconservative „Post" jüngst die Conservativen, das Centrum, die Freisinnigen und die Socialdemokraten für eine Verbindung von „Reichsfeinden", die also auf den Untergang des deutschen Reiches hinarbeiten! Andrerseits tritt das Moment hervor, das selbst große Blätter, die sich Autorität zuschreiben, im Handumdrehen ganz entgegengesetzte Meinungen unverfroren und mit möglichster Energie aufstellen, vertheidigen und die Ansichten Anderer brandmarken. Die Veröffentlichung aus den kronprinzlichen Aufzeichnungen hat hierfür die sittlich empörendsten Beispiele gebracht. Dieselben Blätter, welche den einen Tag diese Aufzeichnungen und ihren Verfasser als höchste und edelste Ideale glorificirten, haben einige Tage später nach dem Erscheinen des Berichtes des Reichskanzlers nicht Worte genug finden könnncn, um jene Aufzeichnungen zu verdammen und das Andenken des verklärten Kaisers in den Schatten zu stellen. Fragen wir uns nach den Ursachen dieser Verwilderung, so können wir als dieselben den Cul- Lurkampf und den Antisemitismus bezeichnen. In diesen beiden traurigen Erscheinungen entfaltete sich eine Leidenschaftlichkeit, ein Haß, eine Mißachtung aller sittlichen Momente, der Wahrheitsliebe, der Gerechtigkeit und Humanität, daß sich daraus ein unseliger Zustand in den Geistern entwickeln mußte. Wann dieser Zustand aufhören, wann sich

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