Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1888)
- Date
- 1888-10-18
- Page
- Seite 663 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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663 Das Buch von Levy für biblische Geschichte, herausgegeben von Badt, das an den hiesigen unteren Classen der Mittelschulen, d. h. Gymnasien und Realschulen, eingeführt ist, ist ein treffliches Handbuch, welches den Gegenstand so behandelt, wie wir ihn im ersten Artikel skizzirten. Auch des vortrefflichen Buches von Hecht-Kayserling ist hier Erwähnung zu thun. Wir werden trachten, diesem Lehrbuche an unseren Schulen Eingang zu verschaffen. Wir sind uns also dessen bewußt, daß es auch gute Bücher für unseren Unterrichtsgegenstand giebt, zu denen wir vor allem die ausgezeichnete Religionslehre Philippsons zählen müssen. Unsere Behauptung ging nur dahin, daß das belebende Wort, wie in jedem Gegenstände, so besonders in der Religionslehre niemals, auch nicht durch das vorzüglichste Buch verdrängt werden dürfe, vielmehr der Lehrer immer erläuternd, immer erklärend, belebend und anfeuernd wirken müsse. Nach dieser Abschweifung wollen wir unser Thema weiter behandeln. Wir wollen jetzt von der Stellung des Religionslehrers an unseren Mittelschulen, von den ihm zugewiesenen Stunden, kurz von mehr äußerlichen Dingen sprechen. Wie wichtig aber solche Aeußerlichkeiten für den gedeihlichen Fortgang des Unterrichts sind, wird jedermann leicht begreifen. In der Regel wird der Religionsunterricht an unseren Mittelschulen von den betreffenden Rabbinern ertheilt. In Brünn, Olmütz und anderen Städten Mährens, welche keinen Rabbiner haben, ebenso in der Reichshauptstadt Wien ertheilen denselben weltliche Lehrer, man verzeihe dieses nicht ganz passende Attribut. Die Rabbiner betrachten, wie nicht anders denkbar, den Religionsunterricht als ein meistens nicht sehr angenehmes Accidens ihres Amtes, das ihnen gewiß nicht immer jene Muße gewährt, welche für einen gedeihlichen Unterricht unbedingt nöthig ist. In jenen Städten nun, welche mehrere Mittelschulen haben, in denen die Zahl der mosaischen Schüler besonders groß ist, z. B. in Wien und Brünn, hat sich das Bedürfniß herausgestcllt, eigene Lehrkräfte für den Religionsunterricht heranzuziehen, welche meist academische Studien hinter sich und academische Grade erlangt haben. Ueber die Befähigung in Mähren, Religionsunterricht zu ertheilen, entscheidet das mährische Landes- Rabbinat, dessen Vertreter behördlich bestellter Prüfungs- Commissär und Jnspector des Religionsunterrichtes ist. Nun sollte man meinen, daß Männer, welche die academischen Studien absolvirten, Lehramtsprüfungen ablegten, Doctoren der Philosophie sind, tüchtige Kenntnisse in orientalischer Geschichte und Literatur haben, literarisch thätig sind, eine den andern Gymnasiallehrern ebenbürtige Stellung an unseren Mittelschulen bekleiden werden. Aber weit gefehlt — sie sichren den erhebenden Titel: Nebenlehrer, und bekunden schon durch diesen, daß sie eigentlich als höchst überflüssige Factoren betrachtet werden, daß sie mit dem Turnlehrer etwa in einer Reihe rangiren. Es ist eine ewige Schmach für uns Juden, die wir doch gemäß der allerhöchsten Entschließung auch unsere Vertreter im Landes-Schulrathe sitzen haben, daß wir noch nicht dahin gekommen sind, aus unseren Religionslehrern doch etwas mehr als — Nebenlehrer zu machen. Es sollte mit allen zu Gebote stehenden Mitteln dahin gestrebt werden, jenen mosaischen Religionslehrern, welche, qualificirt für ihr Amt, an von mosaischen Schülern stark besuchten Schulen wirken, den Titel eines k. k. Gymnasiallehrers zu verschaffen, mit welchem Titel aber auch die systemisirten Bezüge eines solchen Lehrers und dessen Rechte verbunden werden. Die Wiener mosaischen Religionslehrer, stark an Zahl und fest in ihrer Eintracht, haben sich schon einiges von dem hier Geforderten erwirkt und einflußreiche Männer baben sich ihrer angenommen. Auch wir in Mähren haben einflußreiche Männer, nur daß diese für alles mögliche ihren Einfluß geltend machen, aber beileibe nicht für das Judenthum und für die jüdische Religion. — Wie soll der Lehrer seine Autorität geltend machen, wenn er vom Schüler nur als Nebenlehrer betrachtet wird? Und wenn er schon durch das Gewicht seiner Persönlichkeit, durch die Fülle seiner Kenntnisse, durch seinen wahrhaft musterhaften Lebenswandel sich Ansehen zu verschaffen weiß, warum muß ihm dies durch die reine Aeußerlichkeit eines Titels erschwert werden? Würde sich dies eine andere Confession, welche ein so großes Schülermaterial stellt, auch gefallen lassen? Stellt doch an manchen Anstalten das Judenthum mehr als die Hälfte, an vielen die Hälfte und an sehr vielen ein Drittheil des Schülercontin- ' gentes auf! Auf keinem Gebiete aber zeigt sich leider der; crasseste Jndifferentismus so sehr im Judenthume, wie auf dem der Schule; uirgends auch haben wir eine so laxe Vertretung, wie auf diesem Boden, hier haben wir den Grundsatz des laissez aller, laissez faire ganz und voll acceptirt. Was nun die Unterrichtsstunden anlangt, die dem mosaischen Religionslehrer gewährt werden, so haben einsichtige Leiter von Anstalten dafür gesorgt, daß womöglich der mosaische Religionsunterricht zugleich mit dem aus der anderen Religion ertheilt werde. Das ist eine kluge Maßregel, die sich freilich nicht immer durchführen läßt und daher die Klagen über geradezu unpassende Stunden, in welchen von einer Aufmerksamkeit, von einer geistigen Regsamkeit des Schülers, der schon oft Latein, Geographie und Mathematik hat über sich ergehen lassen müssen, nicht die Rede sein kann. Doch dies läßt sich schwer ändern. Was soll man aber zu diesem pädagogischen Paradoxon sagen, wenn Schüler verschiedener Classen und wie es bis zu diesem Jahre, z. B. auch hier in Brünn war, Schüler verschiedener Anstalten zusammengezogen werden, um gemeinsam den Unterricht zu genießen? Daraus ergeben sich für den Lehrer geradezu unübersteigliche Hindernisse. Abgesehen davon» daß Schüler