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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-18 · Heft 42 (18.10.1888) · p. Seite 659

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 42 (18.10.1888)
Date
1888-10-18
Page
Seite 659 (sequence 3)
Language
German
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659 welche seit einiger Zeit in den meisten eivilisirten Staaten zu Tage tritt, nämlich die Einwanderung und Niederlassung von Ausländern zu beschränken oder ganz zu beseitigen. In einer Zeit, wo durch die außerordentlich erleichterten Verbindungsmittel und durch die nie dagewesene Entwickelung der Industrie und des Handels, die Verquickung aller materiellen Interessen und durch den geistigen Verkehr aller Nationen ein festes Band um alle Glieder der großen Völkerfamilie geschlungen wird, ist diese feindselige Richtung einer Nation gegen die andere hinsichtlich der Aufnahme in ihrem Territorium sehr auffällig und bedrohlich. Hat man sich bewogen gefühlt, durch gewaltige Militärmacht und durch Anlegung von Festungsgürteln jede Nation gegen die Angriffe einer anderen zu schützen, so greifen die Einwanderungsverbote noch viel tiefer ein, da sie nicht bloß den Frieden gegen Angreifer schützen, sondern persönlichen Verkehr, den friedlichen Austausch von Individuen zu verhindern trachten. Es wäre erklärlich, wenn man die Einwanderung von Personen, die Zugleich mittellos und arbeitsunfähig sind, oder auch von verkommenen und verbrecherischen Subjekten verhindern wollte — aber etwas ganz anderes ist es, wenn man in Preußen gewissen fremden Nationalitäten nicht blos die Niederlassung verweigert, sondern die Angehörigen derselben, welche auch ihre Stellung, Beschäftigung und finanzielle Lage sei, ausweist; wenn man in Frankreich ein Dekret erläßt, durch welches es zahlreichen Fremden unmöglich wird, sich daselbst dauernd aufzuhalten; wenn in Amerika die mannigfaltigsten Anträge zur Verhinderung der Einwanderung bei den gesetzgeberischen Körpern einlaufen. Durch nichts wird die Verbindung unter den Nationen, die gegenseitige Einwirkung auf die Abschleifung nationaler Einseitigkeiten mehr in Frage gestellt, und statt des Bewußtseins der Zusammengehörigkeit aller Völkerschaften zum gegenseitigen Austausch von Intelligenz, Thätigkeit und überschüssigen Arbeitskräften, welche bis jetzt auf den Fortgang der Cultur innerlich und äußerlich so segensreich gewirkt hat, die Feindseligkeit, die Antipathien der Völker unter einander aufs Aeußerste geschärft. Man kann deshalb diese Tendenz nicht genug bekämpfen, da sie Zustände Hervorbringen wird, welche jeder Nation, die derselben nachhaltig fröhnt, den größten Nachtheil selbst bereitet. Wien, 2. October. Mn Vorschlag ntpjp ~d njn^. Bo» Dr. G. Wolf. | Es läßt sich nicht angebeu oder berechnen, wie groß der i materielle und moralische Schaden und Nachtheil ist, den „die Schmach des 19. Jahrhunderts",der Antisemitismus, den Juden und dem Judenthum zugefügt hat. Noch bedenklicher und gefährlicher als dieser Schaden und Nachtheil aber ist es, meiner Meinung nach, daß der Antisemitismus förmlich die Luft verpestet hat. Ich, beispielsweise, stehe seit Jahren in geselligem, freundlichem und freundschaftlichem Verkehre mit Christen. In letzterer Zeit jedoch habe ich mich veranlaßt gesehen, mich zurückzuziehen, da ich nicht weiß, ob nicht vielleicht der eine oder der andere meiner Bekannten und Freunde inzwischen Antisemit geworden sei. Um so weniger lasse ich mich herbei, neue Bekanntschaften zu machen. Andrerseits habe ich mich auch schon wiederholt getäuscht. Ich hielt manches für Antisemitismus und überzeugte mich nachträglich, daß ich mich geirrt hatte. Und wie mir, so ergeht es vielen Andern. Mit einem Worte: man hat die Unbefangenheit im Verkehre mit Christen verloren. Doch bei all dem Mißgeschicke, das uns betroffen, haben wir noch für die sichtbare Gnade Gottes, die über uns waltet, zu danken. In Deutschland standen und stehen an der Spitze der antisemitischen Partei manche Personen, die mit dem Strafrichter wegen gemeiner Verbrechen in Conflict geriethen, und der Herr Hofprediger Stöcker wurde vor Gericht der Unwahrheit geziehen. Bei uns in Oesterreich wieder sind die Antisemiten vaterlandslos oder Landespreisgeber, da sie bar jedes patriotischen Gefühles sind, abgesehen davon, daß auch mehrere derselben ebenfalls mit der Strafbehörde in unangenehme Collisionen geriethen. Es entsteht aber die Frage: was nun? Soll man die Dinge gehen lassen, wie sie eben gehen und dem lieben Gott die Sache anheimstellen, respective abwarten bis die Pest vorüber ist, denn thatsächlich haben nicht nur die besseren, sondern auch die vernünftigeren Christen mit derselben nichts zu thun, da sie zu keinem Ziele führt; — oder wäre es nicht angezeigt, daß wir Juden uns ansraffen und etwas thun, und was? Wüßte ich nun ein Mittel, wie dem Nebel abzuhelfen, so würde ich wahrlich nicht austehen, dasselbe anzugeben, aber ich glaube denn doch einen Weg bezeichnen zu können, der zum Ziele führen dürfte. Wie bekannt, haben Gelehrte ihre Tage: es giebt Philologen-, Naturforscher-, Aerzte-, Juristentage re., dasselbe ist bei Kauf- und Geschäftsleuten, bei Fabrikanten u. s. w. der Fall. Es giebt ferner einen Protestantentag, jüngst war eine Katholikenversammlung in Deutschland, und demnächst werden wir einen Katholikentag hier in Wien haben. Wie wäre es nun, wenn ein Judentag abgehalten würde und zwar einer zunächst in Deutschland und einer in Oesterreich-Ungarn? Es würde sich dabei selbstverständlich nicht um irgend welcheDemonstrationen handeln; sondern darum, wie wir uns unserer Haut wehren und vertheidigen sollen. Ich hege die Ueberzeugung, daß ebenso wenig wie die angeführten „Tage" 42*

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