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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-18 · Heft 42 (18.10.1888) · p. Seite 658

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 42 (18.10.1888)
Date
1888-10-18
Page
Seite 658 (sequence 2)
Language
German
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658 teste entgentreten kann. Der Kaiser ist sich bewußt, daß er auch in dieser Beziehung auf einer höheren Warte steht, als auf der Zinne der Partei, und daß die Preußen jüdischen Glaubens so gut seine Ilnterthanen sind, wie die christlichen Preußen. Hieraus ergiebt sich, daß er ihnen, in gleicher Weise, wie diesen, allezeit seinen königlichen Schutz gewähren wird und gewähren will. Ich darf in dieser Beziehung auf eine der „Berl. Börsenztg." von vertrauenswürdiger Seite zugegangcne Mittheilung Bezug nehmen. Danach hat der Kaiser gelegentlich einer Unterredung ähnliche Anschauungen geäußert wie: „Ich kenne nur Vaterlandsfreunde und Gegner unserer gesunden Entwickelung. Niemand wird Mir zutrauen, das Rad der Zeit zurückschraubcn zu wollen. Im Gegentheil, es ist der Hohenzollern Stolz, über das zugleich edelste und gereifteste wie gesittetste Volk zu regieren. Und in dieses Lob schließe Ich Alldeutschlaud ein. Unsere ganze Gesetzgebung ist von humanen Grundanschauungen diktirt. Wer dies verkennt und die Geister gegeneinander hetzt, gehöre er welcher Richtung immer an, hat auf Meinen Beifall nicht zu rechnen. Es giebt wahrlich Ernsteres zu thun." Ich kann versichern, daß Se. Majestät, nachdem er diese ihm zugeschriebene Aeußerung gelesen hatte, zwar bemerkt hat, er entsinne sich der Worte nicht mehr, aber er nehme keinen Anstand, sich zu der darin ausgedrückten Auffassung zu bekennen." — An der Richtigkeit dieser Mitlheilungen ist nicht zu zweifeln, und lverden deshalb diese Worte beruhigend wirken.— Zn der, auch im Obigen von Graf Douglas erwähnten Versammlung bei dem Grafen Waldersee gesellte sich bekanntlich zu gleichem Zwecke eine solche bei demReichsbank-Prüsidenten von Dechend, nämlich um Geldbeiträge für die Stadtmission zu erhalten. Unter den Versammelten, die auf die persönliche Einladung des Reichsbank-Präsidenten gekommen, befanden sich auch die Vertreter von jüdischen Bankfirmen (doch nichtBleichröder). Man zeichnete zusammen 130,000 M. Allerdings trägt das Institut, für welches man zeichnete, jetzt einen anderen Namen, den des „Evangelisch-kirchlichen Hilfsvereins", auch ist es richtig, daß Stöcker zum „engeren Ausschüsse" dieses Vereins nicht gehört. Demungeachtet liegt die Leitung vorzugsweise in den Händen Stöckers, der zu den Berathungen des Ausschusses über die Verwendung der vorhandenen Mittel als „Rathgcber" zugezogen wird. Ganz besonders werden die Geldmittel zur Besoldung von Stadtmissionären verwendet. Wer hieran noch zweifeln möchte, der braucht nur die Aeußerungen der „Krcuzzeitung" und des „Stöckerschen Reichsboten" zu lesen. Sie gießen ihren Spott über die jüdischen Finanziers aus, welche die Geldopfer gebracht. Stöcker selbst sagt, daß es gar nicht darauf ankomme, von wem das Geld herrühre; nur dürfe man nicht wähnen, daß man sich Be-! dingungen gefallen lasse; unter Bedingungen hätte man das; Geld nicht angenommen. Da nun dieser Vater des Berliner Antisemitismus als einen seiner Zwecke „die Bekämpfung des Judenthums" offen bekennt und es sich voraussetzen läßt, daß die Stadtmissionäre auch diesem Zwecke ihres Dirigenten dienen, so können sich jene jüdischen Finanziers sagen, daß sie auch für diesen Zweck Beiträge geliefert haben. Der Vorgang hat, wie man auch aus den Tagesblättern ersehen kann, großes Aufsehen erregt, und man knüpft daran mehrfache Fragen. Z. B.: würden wohl katholische Finanziers, wenn sie für einen solchen specifisch evangelischen Zweck berufen worden, Beiträge gezeichnet haben? Oder würden dieselben Finanziers, wenn ebenso für ein jüdisches Seminar gesammelt werden sollte, erschienen sein? Wir haben dies ja bei der Gründung der Hochschule für die jüdische Wissenschaft erlebt. Dann fragt man auch: wie wird es werden, wenn nach dem Beispiel des Reichsbank-Präsidenten auch andere Männer in einflußreicher Stellung diese benutzten, um unter „dem sanften Druck "Versammlungen zu ähnlichen Zwecken zu veranstalten?... Genug, der Vorgang ist nach vielen Seiten hin lehrreich. Jedenfalls muß Stöcker an die „Verjudung", die er stets im Munde führt, selbst nicht recht glauben, sonst müßte er doch vorausfetzen, daß die Juden durch ihre Beiträge auf seine Stadtmission Einfluß gewinnen müßten, und in der That scheinen die Artikel des „Reichsboten" eine solche Beängstigung zu verrathen, da er immer wieder darauf zurückkommt, daß er sich Bedingungen nicht gefallen lasse. Nun, schließlich werden die Thatsachen das Urtheil feststellen. — Innerhalb der Kartellparteien richten die bevorstehenden Wahlen eine nicht geringe Verwirrung an. Die Nationalliberalen haben sich in Berlin von den Conservativen getrennt, weil diese Stöcker als ihren Candidaten nicht aufgeben wollen. Die letzteren wollten darin nachgeben, daß Stöcker, statt im ersten, im vierten Wahlbezirke aufgestellt werde. Aber auch dies verweigerten die Nationalliberalen, weil sie nur „gemäßigte" Conseroative als Candidaten haben wollten. Deshalb die Trennung. Aber auch unter den Conservativen selbst ist die Einheit nicht vorhanden, da viele derselben ebenfalls nur für „Gemäßigte" stimmen wollen, und dazu gehöre» die entschiedenen Antisemiten gewiß nicht. Aber auch in Hessen, namentlich in Marburg, stehen die „gemäßigten" Conservativen den Antisemiten gegenüber. Die letzteren wollen den bisherigen conservativen Abgeordneten beseitigen und stelle» drei Antisemiten auf. (Siehe weiter unten.) Die nächste Zeit wird über diese inneren Processe der Parteien weiteren Aufschluß bringen. Gewiß würde uns an dieser Stelle dieses ganze Parteiwesen nicht interessiren, wenn cs sich nicht darum handelte, in wie weit der Antisemitismus die conservative Partei beherrsche oder nicht. — Wir haben jene Tendenz mit Aufmerksamkeit verfolgt,

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