Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1888)
- Date
- 1888-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Tm-enthuilis Cm nn-irteiisches Organ fiir alles jüdische Jnlcreffc. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Uhilippsou in Donn. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 18. Oktober 1888. Nr. 42. Inhalt, Leitende Artikel: Einige Charakterzüge vom Tage. III. — Ein Vorschlag nwy' r,ü njn^. ~ Aus der vergleichenden Religionswissenschaft. V. — Ueber unseren Religions Unterricht an den Mittelschulen (Gymnasien) in Oesterreich. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Oppeln, Kassel, Marburg, Bartenstein, Leobschütz, Rawitsch. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Dänemark: Kopenhagen. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Beiträge zur ältesten Baugeschichte Frankfurts a. M. — Vermischtes. Bonn, 14. October. Einige Charaklerziige vom Tage. ui. In den Vordergrund der Tagesereignisse tritt für uns eine gewiß bedeutsame Charakterisirung des jetzt regierenden deutschen Kaisers und Königs von Preußen, Wilhelm II., aus dem Munde eines Mannes, den der Kaiser seines Vertrauens gewürdigt hat. Der Abg. Graf Dong las'hat in Aschersleben vor seinen Wühlern einen Bortrag gehalten, welchen die „Mgd. Ztg." nach seinem Wortlaute veröffentlicht. In demselben entwarf der Redner in großen Zügen ein Bild vom jetzigen Kaiser und König. Am Schlüsse sagt er: „Sie wissen, wie eine Versammlung, welche bei dem jetzigen Chef des Generalstabes, Grafen Waldersee, abgehalten wurde und an der der damalige Prinz Wilhelm Theil nahm, ausgebeutet wurde, um den Prinzen in der öffentlichen Meinung zu verdächtigen und ihn mit den politischen Parteibestrebungen hochkirchlicher Kreise, insbesondere mit denen des Hofpredigers Stöcker zu identificiren. Alle diese Versuche, dem Kaiser eine persönliche Stellungnahme zu Gunsten bestimmter Parteianschauungen zuzuschreiben, beruhen auf positiver Entstellung der Wahrheit. Mein verehrter Freund, der nationalliberale Abgeordnete v. Benda, welcher jener Versammlung beigewohnt, hat sich unmittelbar notirt, was ihm im Verlaufe derselben beimrkenswerth erschien. In diesen Notizen heißt es wörtlich: „Der Prinz hob ausdrücklich hervor, daß es sich für ihn um Bestrebungen handele, welche jedem einseitigen kirchlichen Standpunkte fern liegen." Das ist die authentische, nicht zu mißdeutende Widerlegung aller jener thörichten oder böswilligen Gerüchte. Das offene Gerede ist denn auch verstummt, namentlich, nachdem der Kaiser Friedrich die damalige Kronprinzessin, unsere erlauchte Kaiserin, durch eine besondere Kabinetsordre ermächtigt hatte, sich an die Spitze des Liebeswerkes zu stellen, das in jener Versammlung in seinen ersten Anfängen geplant worden war. Aber ich halte es doch gerade gegenüber den versteckten Angriffen, welche gegen unseren Kaiser aus Anlaß der damaligen Versammlung noch jetzt erhoben werden, für geboten, zu konstatiren, daß die Beziehungen, welche der Kaiser Wilhelm zu dem Hofprediger Stöcker unterhalten hat, nur sehr vorübergehende waren, die sich lediglich aus jene echt humanen, weil echt christlichen Bestrebungen behufs praktischer Hilfeleistung bei den unteren Klassen ihrer Nothlage gegenüber beschränkt haben, welche jeder christlich denkende und das Volk liebende Mann auf das Wärmste begrüßen muß und für die dem Hofprediger Stöcker rückhaltloser Dank und Anerkennung zu zollen ist. Darüber hinaus hat keine Verbindung mit dem Hofprediger Stöcker bestanden, und am wenigsten huldigt unser Kaiser den extremen politischen und confessionellen Parteianschauungen, welche man an den Namen dieses Abgeordneten zu knüpfen pflegt. Darüber besteht volle, unzweideutige Klarheit. Und wenn versucht worden ist, den Kaiser sogar mit der antisemitischen Bewegung in Verbindung zu bringen, so ist auch dies eine Dreistigkeit, der ich auf das Bestimm- 42 I