Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1888)
- Date
- 1888-10-11
- Page
- Seite 654 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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654 in Indien selbst angestellt worden, stützt, und aus welchem wir hier Einiges mittheilen wollen. Mit Recht bemerkt der Verfasser im Eingänge seines Artikels: „Zu einer Besprechung der jüdischen Colonien in Indien berechtigt nicht ihre Zahl, denn die dort ansässigen Bekenner des Judenthums beziffern sich insgesammt auf nur 12,000, sondern Alter und Eigenart der jüdischen Gemeinden an der Westküste der Halbinsel. Hier sind in der Präsidentschaft Bombay allein 9023 Juden angesiedelt; an der Malabarküste sitzen in den Staaten Kotschin und Travankar deren noch 1370, so daß für das ganze übrige weite indische Kaiserreich nur noch 1616 verbleiben; hiervon entfallen 986 auf die Reichshauptstadt Kalkutta, die drittgrößte Stadt und den Hauptseeplatz des östlichen Indiens; Madras mit über 400,000 Einwohnern zählt deren keinen einzigen. Die aus Europa und Amerika zugewanderten Israeliten machen in ganz Indien nicht acht Procent der jüdischen Bevölkerung aus; dagegen sind die Gemeinden in der Präsidentschaft Bombay eine sehr alte Anlage". — Die alten Juden in Indien nennen sich Bene- Israel, der Indier nennt sie Jahudi und sie hören sich gern Schanwar Teli d. i. Samstags-Oelpresser nennen, weil die meisten sich mit der Bereitung und dem Handel von Oel beschäftigen, aber Samstags nichts verkaufen. Nach ihren Ueberlieferungen sind sie nach Indien sowohl über Aden, wie über den persischen Golf gekommen. Finden sich doch auch in Maskat Juden, mit dem Beinamen Bene-Israel, was für ihre Herkunft aus Babylon spricht. Aber nicht minder ist für ihre arabische Abstammung der arabische Gesichtsausdruck, das Vorkommen arabischer Worte in ihrer Sprache und der Vorzug geltend zu machen, welchen sie noch heute Schriftgelehrten aus Arabien geben. Aus ihren eigenen Ueberlieferungen ergiebt sich Folgendes: In Aden sollen sich Nachkommen der von Darius Hystaspes (521 bis 485 v. Ehr.) aus Aegypten nach Hodschas fortgeführtcn Juden seßhaft gemacht haben. In ganz Süvarabien gelangte jüdischer Einfluß im ersten vorchristlichen Jahrhundert zur Macht; damals trat ein König der Himjariten zum Judenthum über. Unter seinen Nachfolgern erfolgten zahlreiche Uebertritte zum Christen - thum. Im sechsten Jahrhundert war Dhu Nawas König; dieser wurde gegen seine christlichen Uuterthanen grausam, die nun den abessinifchen König Elis Ban zu Hilfe riefen und mit ihm die Himjariten vertrieben. Nun verfolgte Elias Ban seinerseits die Juden. Dies wurde der erste Anlaß zur Massenauswanderung der Juden nach Ostindien; die bald darauf erfolgende Aufrichtung des Islam in Südarabien drängte zu weiterer Uebersiedelung. In Babylon nahmen die Reste der uralten Colonien, die dorthin 722 über Assyrien, dann 597 durch Nebukadnezar verpflanzt worden waren, vom sechsten vorchristlichen bis in das dritte christliche Jahrhundert eine geachtete Stellung ein und verlegten sich in dieser Zeit mit Erfolg auf die Gewinnung neuer Anhänger; besonders günstig war ihnen das erste Jahrhundert der neuen Zeitrechnung, denn die religiöse Erregung, welche damals alle Welt ergriffen hatte, konnte am alten Persien um so weniger spurlos vorübergehen, als uralte Ueberlieferungen in den persischen Büchern für diese Zeit tiefgreifende politische und religiöse Umwälzungen vorhergesagt hatten. Wir sehen in Babylon 17 nach Ehr. zwei Juden zu Inhabern der Gewalt sich emporschwingen, 50 nach Ehr. tritt der Partherkönig Jzates zum Judenthum über. Ungünstiger werden den Juden ihres Reiches die Sahaniden gestimmt; unter dieser Dynastie beginnt ihr Niedergang. Zunächst erkaufen sich die Juden Duldung ihrer Religionsgebräuche durch reiche Geschenke; unter Schapur I. werden sie zu Empörern und ihrer 12,000 werden niedergemetzelt; dann kommt ein Aufflackern zu neuem Ansehen, und zur Zeit der Abfassung des babylonischen Textes des Gemarateiles des Talmud (427). Durch Rabbi Ashi standen die Juden am Hofe und unter dem Volke von Babylon in hohem Ansehen. Unmittelbar darauf leiden die Juden unter Christenverfolgungen; wir sehen sie später an der Seite von Empörern, und dies Verhalten bringt über sie im Beginn des sechsten Jahrhunderts den Zorn des Königs Kobad I. Damals begann gemeindeweise die Auswanderung nach Indiens Westküste. In Südindien an der Malabarküste hatten sich wohl schon im Beginn der gew. Ztr. jüdische Geschäftsleute angesiedelt, ganze Gemeinden wanderten in Konkau ein. Hier kam nach der Ueberlieferung vor jetzt 1400 Jahren auf der Rhede von Stegarn im heutigen Distrikte Kolaba ein Auswanderungsschiff voll Juden an, kenterte aber beim Einfahren in die Lagune, die sich damals noch hinter der Stadt ausbreitete, und nur sieben Paare retteten sich ans Land. Es folgten weitere Schiffe; ihr nördlichstes Ziel war der Golf von Bombay, das südlichste der Staat Kotschin; am zahlreichsten sitzen sie heute noch in den Distrikten Kolaba und Thana; von ersterem zogen sie sich nach dem Innern und bilden insbesondere in Puna größere geachtete Gemeinden. Vom Beginne ihrer Ankunft an suchten die Juden sich zu den Machthabern gut zu stellen und gingen nur zu weit in der Anlehnung an die Sitten der Eingeborenen. Es begreift sich, daß die neuen Ansiedler ihre Frauen aus den Eingeborenen nahmen; nur in Kotschin waren einige Familien unter den sich fortsetzenden Handelsbeziehungen mit den Südarabischen Glaubensgenossen in der bevorzugten Lage, für ihre Kinder Frauen aus Arabien und Mesopotamien zu beziehen. Diese Juden heißen weiße Juden (Gora), zählen nach wenigen Familien und sind ausschließlich an der Malabarküste anzutreffeu. Die anderen Juden nehmen durch die fortgesetzte Mischung mit den Eingeborenen deren Farbe und Gesichtszüge an nnd heißen in Berichten mittelalterlicher