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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-11 · Heft 41 (11.10.1888) · p. Seite 655

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 41 (11.10.1888)
Date
1888-10-11
Page
Seite 655 (sequence 15)
Language
German
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655 Reisender wie in neueren Werken statt Bene-Israel die schwarzen Juden (Kalo). Im Mittelalter herrschte zeitweise große Spaltung und heftige Fehde zwischen weißen und schwarzen Juden; heute kann nur mehr von einem Rasiengegensatze zwischen den beiden Gruppen gesprochen werden. Unter der andauernden Berührung der Malabarjuden mit den Handelsstädten in Vorderasien hielten diese an ihren Religionsgebräuchen fest und gestatteten Hindnsitten weniger Eingang. Anders an der Konkanküste; hier kam den Bene- Israel unter der Jahrhunderte langen Vereinsamung die Kenntniß des mosaischen Gesetzes abhanden. Nicht weiter zurück als zwei Jahrhunderte liegt ihre Zurückgewinnung zu dem alten Glauben durch die Bemühungen eines arabischen Rabbi; im Verständniß der Religionsbücher haben es aber die Bene-Israel auch heute nicht weiter gebracht als zu einem Herleiern der Gebete im Hebräischen, ohne die Worte zu verstehen, und ihre Lebensgewohnheiten blieben — wie wir im folgenden sehen werden — stark durchsetzt mit indischen Gebräuchen. Im Aeußern ist der Bene-Israel vom Marathastamme der Hindus wenig zu unterscheiden: seine Hautfarbe ist etwas heller und der Gesichtsausdruck geweckter. Der Körperbau ist kräftig und die Größe etwas über mittel.! Die Augen sind dunkelbraun, die Haare schwarz, übrigens I bis auf zwei Locken über jedem Ohre abrasirt. Männer j tragen Schnurrbart und einen kurz gehaltenen Vollbart. Die! Frauen sind auffallend hell, zuweilen schimmert Roth auf! den Wangen; die Nasen sind stets gerade, die Lippen dünn. Gleich den Hinduweibern wird das Haar am Hinterkopfe zum Knoten geschürzt und geringem Haarwuchs durch Ein-; flechten falscher Haare abgeholfen. Blumen sind ständigerj Kopfschmuck. Die Frau wird gut gehalten und in Familienj angelegenheiten zu Rathe gezogen. Muttersprache ist Marathi, jedoch mit besonderer Aussprache — so wird r ersetzt durch l — und unter Beimengung arabischer Worte. Gebete werden hebräisch auswendig gelernt und hergesagt. — Der Anzug ist halb mohamedanisch, halb Hindu, immer aber sauber. Die jüngeren Familienglieder tragen Kleider nach englischer Form. Im Essen hält sich der Bem-Jsrael streng an die mosaischen Vorschriften; die Thiere werden geschächtet, die inneren Organe untersucht und alles Blut vor dem Kochen ausgepreßt. Die Vorschrift der Mesusah wird streng eingehalten. Wenn eine Thora unbrauchbar geworden, wird sie unter Trauerfeierlichkeiten begraben. Sie halten an den maimonidischen 13 Glaubensartikeln fest. Ueberhaupt sind ihre religiösen Gebräuche ganz dem orthodoxen Jndenthum entsprechend. Ganz wie bei den Indern werden schon die Kinder nach Auswahl der Eltern mit einander getraut, die Ehe selbst bleibt noch einige Jahre aufgeschoben. Die Trauungsceremonien haben viel Eigenthümliches, in den Hauptformen gleichen sie dem Ceremoniell der europäischen Juden. Bei der Beschneidung wird auch bei ihnen ein Stuhl für den Propheten Elijah hingestellt. Auch die Leichenfeierlichkeiten sind ziemlich dieselben; in dem ausgeschanfelten Grabe wird die Leiche ohne Sarg, aber in weiße leinene Gewänder gekleidet, auf die Erde gelegt und mit Erde zugedeckt. Die Trauerzeit wird streng eingehalten. — Die Beni-Jsrael bilden eigene Gemeinden, die früher staatliche Rechte ausübten. Das Amt des Gemeindevorstehers (Mukadam) ist erblich. Die Beschäftigung der Beni-Jseael ist eine rein bürgerliche. Man trifft sie in der Armee als Soldaten und Musiker, in Bureaus und auf Comptoirs; die große Mehrzahl nährt sich aber von Gewerben, vornehmlich der Bereitung und dem Handel in Oel, dann in Landwirthschaft. Für Schulbildung zeigen die Juden Sinn. In der Stadt Bombay, wo sie fast ausschließlich die eng zusammengebauten Geschäftsviertel bewohnten, können zwei Drittel derselben die örtliche und die indische Sprache lesen und schreiben; auf dem Lande hat sich das Verhältniß von zwanzig auf vierzig Procent gehoben. Entsprechend dieser höheren Bildung und einer sie auszeichnenden Emsigkeit und Geschäftsgewandtheit sind die Einkommensverhältnisse günstig. Eigentliche Arme sind eine große Seltenheit; Grundvermögen und Mobilien werthet bei minder Bemittelten tausend Mark, das Fünffache im Mittelstände, und in jeder Gemeinde sind einzelne Familien, deren Vermögen sich der Schätzung entzieht. Die eingeborenen Israeliten gehören deshalb in Indien der aufstrebendsten Gruppe der Bevölkerung an. Anzeigen. Verlag von Gustav Engel in Leipzig. Zum Semesterwechsel werden folgende an vielen Orten bereits eingeführte Schulbücher bestens empfohlen: Aub, Grundlage zum Unterricht in der mosaischen Religion, kart. M. 1,20. Hecht-Kayserling, Handbuch der israelitischen Geschichte, gebunden. M. 1,80. Lebt», ChaldäischesWörterbuch überd. Dar- Philippson, Die fünf Bücher Mosis für gumim re. Eleg. Halbfrzbd. geb. M. 12. , Schule und Hans. eleg. brosch. M. —,S0. Liebling n. Jacobsohn, Israelit. Schulu. Gemeindegesantzbnch. geb. M. 2,40. Weilt, Lehr-«. Uebungsbuch der hebräischen Sprache, kart. M. 1,20.

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