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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-11 · Heft 41 (11.10.1888) · p. Seite 652

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 41 (11.10.1888)
Date
1888-10-11
Page
Seite 652 (sequence 12)
Language
German
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652 Ieuitte 1 on. Lazare Isidor, Großrabbiner von Frankreich. Von Leon Kahn. (Nach dem Arch. isr.) Lazare Isidor war zu Lixheim (Dep. Meurthe) am 18. Juli 1813 geboren. Er verlor seinen Vater im zartesten Alter. Seine Mutter heirathete in zweiter Ehe Herrn Jsaac Cahn und zog nach Jngviller. Aber die Lasten waren groß, die Familie zahlreich, die Einnahmen mehr als bescheiden. Isidor mußte bald das mütterliche Haus verlassen, um dem Gatten seiner Mutter nicht zur Last Zu fallen. Er enfernte sich nicht ohne Bedauern. Diese Trennung änderte wenigstens nicht die Gefühle Isidors für seinen Stiefvater. Er ließ ihm im Gegentheil volle Gerechtigkeit widerfahren und erklärte, daß derselbe ebenso gut und besorgt für ihn war, als wenn er sein eigenes Kind gewesen. Isidor war 14 Jahr alt, als er Jngviller verließ. Er ging nach Metz, wo er während vier Jahre die theologischen Studien fortsetzte, mit denen er seit seiner Kindheit sich beschäftigt und welche er von dieser Zeit an (1827) mit dem sich bewußten Eifer betrieb, eines Tages in würdiger Weise die Funktionen eines Rabbiners auszuüben, wenn er jemals das Glück haben sollte, zu einem solchen berufen zu werden. Aber bald waren die geringen Mittel erschöpft, welche sein Vater ihm hinterlassen hatte, und es kam der Tag, wo er nicht ohne Angst der Zukunft entgegensah. Er besuchte damals die talmudische Schule, nahm dort einigen Unterricht im Griechischen, Lateinischen und in der Geographie und besuchte auch den Handelskursus. Ueberall erhielt er bei den Prüfungen, wenn nicht einen Preis, so doch wenigstens ein gutes Zeugniß. Seine Lehrer erklären alle, daß „er stets Eifer zeigte, sich zu unterrichten", daß er ihrem Unterrichte mit vielem Erfolge beiwohnte; einige sogar „rühmen sich", ihn zum Schüler zu haben, und „empfehlen ihn dem Wohlwollen der Menschenfreunde". Diese Talmudschule war am 15. November 1820 von dem Consistorium zu Metz in der Absicht gegründet worden, den umfassenden Unterricht in der Religion zu organisiren. Dieser Unterricht war sehr elementar. Außer der hebräischen Grammatik, die Interpretation des Pentateuchs und der Propheten, den Talmud mit den Commentaren, jeden Tag eine Stunde, der Unterricht über die Principien der französischen Sprache und nach zwei Studienjahren wurde man zu der „Klasse für die Arithmetik" zugelassen. Die Gründung dieser Schule war seit langer Zeit der Gegenstand der Wünsche der angesehenstell Israeliten. Sie füllte zwar eine Lücke aus, denn sie strebte die Specialftudien zu regeln, die bis dahin nur nach dem Dafürhalten oder dem Geschmacke jedes Einzelnen betrieben worden. Indessen entsprach sie nur unvollkommen den anerkannten Bedürfnissen, denn indem sie aus persönlicher Initiative entstand, konnte sie den jungen Leuten, welche aus ihr hervorgingen, um sich dem Rabbinate zu widmen, weder das Prestige noch die officielle Autorität geben. Dies war so klar, daß das Centralconsistorium durch königlichen Befehl vom 20. August 1823 beauftragt wurde, die Formalitäten festzustellen, welche die Rabbinatsaspiranten zu erfüllen hatten. Besondere Umstände verhinderten es bis zum Jahre 1827, dieses Reglement auszuarbeiten, und, gemäß den Wünschen, welche oft seit 1816 von allen Collegien der französischen israelitischen Notablen ausgesprochen worden — und besonders von den von Paris — entwarf es zu gleicher Zeit den Plan einer theologischen Centralschule. Dieser Plan wurde von dem Cultusminister vollständig gebilligt, der durch Erlaß vom 20. August 1829 die Errichtung einer Central-Rabbinerschule zu Metz gestattete. Dort finden wir Herrn Isidor im Jahre 1830 wieder. Die Consistorien hatten das Recht zum Stipendium zuzulassen: aus dem Niederrhein und dem Oberrhein je zwei Schüler; aus Nancy, Metz, Paris, Bordeaux und Marseille je einen. Aber das Consistorium der Seine konnte in Paris keinen Candidaten staden, der die erforderlichen Bedingungen in sich vereinte, um in die Schule von Metz einzutreten. Es beklagte sich beim Centralconsistorium und fügte nicht ohne Bitterkeit hinzu: „Ihre rabbinische Schule, der Gegenstand so vielen Verlangens, ist eine glanzende Utopie". Die Consistorien waren nicht gezwungen, ihre Candidaten aus den jungen Leuten ihres Kreises zu nehmen; und aus welcher Gegend der Schüler auch genommen wurde, blieb er nichtsdestoweniger der Stipendiat des Kreises, der ihn ausgewählt hatte. Indessen waren sechs Monate vergangen und das Consistorium hatte immer noch nicht in Paris einen Candidaten gefunden, der die erforderlichen Bedingungen in sich vereinte. Da stellte sich Isidor vor. Am 16. Dezember wurde er vom Consistorium als Schüler des Kreises Paris für die Rabbinerschule gewählt, wo er ein Jahr früher nur als externer Schüler ausgenommen werden konnte, weil er damals das für das Internat nöthige Alter noch nicht besaß. Sein höchster Wunsch war erfüllt. In einem Briefe vom 26. December 1830 spricht er seine Freude aus über .diese glückliche Nachricht: „Diese Ehre, diese Wohlthat", sagt! er, „flößt mir die lebhafteste Dankbarkeit ein, welche ich vor! Allem Ihnen ausdrücken muß". Er versichert dem Consistoj riunt seines energischesten Wollens sich zu unterrichten und,! indem er einen Blick auf den ungeheuren Weg wirft, den

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