Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1888)
- Date
- 1888-10-11
- Page
- Seite 649 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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649 neu getrocknet, die Stadt in den Stand gesetzt hat, auch fürderhin in ausgiebiger Weise den Armen und Bedrängten beizustehen, unseren ferneren Dank auszusprechen, dafür, daß der lange gehegte Wunsch, unseren Kunststätten ein dauerndes, würdiges Heim zu schaffen, durch die Legate des Dahingeschiedenen einen tüchtigen Schritt vorwärts gekommen ist. Der Verblichene hat sich ein dauerndes Denkmal in unserer Stadt gegründet! Ehre sei seinem Andenken! Ich bitte Sie, sich zum Zeichen Ihres Dankes von Ihren Sitzen zu erheben". Diök Versammlung folgte dieser Aufforderung und trat alsdann in die Tagesordnung ein. Frankfurt a. M., 30. Sept. (Privatmitth.) Hier tagte seit dem 28. die „Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik". Unter den Mitgliedern befanden sich wieder viele Männer, welche auf national-öconomischem Gebiete sich eines wohlverdienten Rufes erfreuen. Der Verein hatte sich in den vorangegangenen Jahren viel mit dem ländlichen Wucher beschäftigt und eine Enqöte hierüber veranlaßt. Der Bericht dieser Enqutzte fiel in die Hände eines höheren landwirthschaftlichen Beamten, und dieser war offenbar von einer in hohen Kreisen jetzt obwaltenden Strömung nicht unberührt. Er gab eine bloße Zusammenstellung der längst bekannten allgemeinen Dinge, ohne jeden wissenschaftlichen Charakter, ohne statistische Unterlage, ohne tieferes Eingehen auf die wirthschaftlichen Verhältnisse. Hierüber fanden nun schon in der ersten Sitzung des Vereins lebhafte Verhandlungen statt, und der Berichterstatter mußte selbst die Mangelhaftigkeit seiner Arbeit anerkennen. Der Geh. Ober-Regierungsrath Dr. Thiel (Berlin) hob hervor, daß der Redaction der Enquete über den ländlichen Wucher der Vorwurf des Antisemitismus gemacht worden. Der Verein sei kein politischer Parteiverein, und deshalb mußte ihm jede antisemitische Bestrebung fern liegen, Dr. Schnapper-Arndt (Wiesbaden) sagte: Wenn man den Wucher bekämpfen wolle, dann dürfe ein Verein wie der gegenwärtige nicht die Leidenschaften aufreizen und nicht Unschuldige zu Mitschuldigen von Wucherern machen. Die Forschung müsse objectiv bleiben, und es hätten deshalb auch die Angegriffenen gehört werden müssen. Ministerialrath Buchenberger (Karlsruhe) ist ebenfalls der Meinung, daß es besser gewesen wäre, den Enquotebericht mit etwas weniger Leidenschaft abzufassen und die confessionelle Seite außer Acht zu lassen. So wurde die Beschuldigung des Berichtes, daß die Mehrzahl der ländlichen Wucherer Juden seien, nachdrücklich zurückgewiesen. Witten, 3. October. Ein von Dr. König im „Märk. Tagebl." zu Witten erlassener „Aufruf" theilt mit, daß die antisemitische Partei für die bevorstehenden Landtagswahlen in drei hessischen Wahlkreisen eigene Candidaten aufstellt, und zwar: Dr. Paul Förster, M. Liebermann v. Sonnenberg, sowie Dr. Vinckler. „Um die Kräfte nicht zu zersplittern, haben die antisemitischen Wahlcomitös der Provinz Westfalen auf Aufstellung eigener Candidaten verzichtet und die Wahlen in Hessen zu unterstützen beschlossen." (Da man in Westfalen keine Hoffnung hat, sagt man: man wolle seine Kräfte nicht zersplittern! Also Herr Böckel nicht wieder! An den Namen sieht man, daß die Antisemiten keinen Zuwachs haben — immer wieder die alten, so oft schon durchgefallenen Leute.) Laupheim, im Sept. Die hier erscheinende „Lauph. Ztg." brachte folgendes „Eingesandt": Das diesjährige Herbstmanöver in Bayern fiel mit den jüdischen Festtagen Rosch-Haschana (Neujahr) und Jom-Kippur (Versöhnungstag) zusammen. Es hat daber Herr Districtsrabbiner Bamberger in Würzburg an das hiesige Generalcommando die Bitte gestellt, die israel. Soldaten an den genannten Festtagen vom Dienste befreit zu lassen. Auch am Samstag, den 21. v. Mts., sollte dahier eine allgemeine Feuerwehrprobe abgehalten werden und veranlaßt von Hrn. Eduard Weil hat Hr. Rabbiner Kahn ein Gesuch an das K. Oberamt gerichtet, die Probe auf einen anderen Wochentag zu verlegen. Beiden Wünschen wurde aufs Bereitwilligste sofort Rechnung getragen. Hierauf ergeht sich der Einsender in Klagen darüber, daß so viele Juden sich um ihre Religion gar nicht mehr kümmern und deren Vorschriften unbeachtet lassen — gerechtfertigte Klagen, die aller Orten erhoben werden können. Oesterreich-Ungarn. Wien, 2. October. Wenn man geglaubt, daß die Antisemiten durch die Abfertigung, welche sie im niederösterreichischen Landtage vom Statthalter Possinger und der Abstimmung des gesummten Landtages gegen ihre drei Stimmen erfahren haben, von weiteren Schritten abgehalten würden, so hatte man sich geirrt. Durch Polizeiverordnung ist bei der Anwesenheit des Kaisers Wilhelm die Aushängung von schwarzrothgoldenen Fahnen untersagt worden. Hierüber richteten die Antisemiten in gedachtem Landtage abermals eine Interpellation an den Statthalter, der ihnen kurz die Antwort gab, daß diese Farben keinen realen Anhalt hätten und deshalb bei Feierlichkeiten nicht anzubringen wären. Jndeß gehen in der Stadt allerhand Gerüchte, daß die Antisemiten einen corporativen Aufzug planten. Da aber der Statthalter erklärt hat, jede derartige Demonstration energisch hintertreiben zu wollen, werden sie es wohl unterlassen. Eine Niederlage wäre ihnen gewiß. Hiernach fragen die Agitatoren allerdings nicht, denn sie bringen bei solchen Gelegenheiten ihre lieben Personen schnell in Sicherheit und lassen ihre bethörten Anhänger dafür büßen. Wollen sie doch nichts weiter, als sich immer von Neuem dem Publicum ins Gedächtniß bringen und demselben vorspiegeln, daß sie eine Macht besäßen. Nun, der Krug geht so lange zum Brunnen 4L