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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-11 · Heft 41 (11.10.1888) · p. Seite 648

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 41 (11.10.1888)
Date
1888-10-11
Page
Seite 648 (sequence 8)
Language
German
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648 Coufessionen und Klassen der Bevölkerung anzutasten, zurückweist. Die „Danziger Zeitung" veröffentlicht soeben den Wahlaufruf der Freisinnigen Westpreußens, und auch dieser enthält einen solchen Passus. Ist dies erfreulich, um so mehr als sich bei solcher Opposition die conservative Partei besinnen wird, Anträge der bezichtigten Art einzubringen, so kann man sich doch nicht verhehlen, daß es bedauernswerth ist, wenn noch in unsrer Zeit, nach beinah vierzigjähriger Geltung der preußischen Verfassung, man sich genöthigt sieht, derartige Sätze in den Wahlaufrufen zu proklamiren. Gewiß sollte dieser Grundpfeiler des modernen Staates nicht mehr in Frage stehen, kein Gegenstand des Parteihaders mehr sein und als selbstverständlich ganz unberührt bleiben. Da es nun einmal so ist, müssen wir den Parteiführern danken, daß sie sich unumwunden darüber erklären. — Die Berliner Conservativen haben sich über die aufj zustellenden Candidaten mit den Nationalliberalen nicht ver-! ständigen können. Jene halten an Stöcker als Wahlcandi-j baten fest, obschon dieser wiederholt bei früheren Wahlen! durchgefallen ist. Die Nationälliberalen wollen aber diesen! Candidaten durchaus nicht annehmen. Ob dieser Vorgang j weitere Folgen innerhalb der conservativen Partei haben werde, ist abzuwarten. — Die „Franks. Z." bringt von Berlin unter dem 27. Sept. folgenden Artikel: In einem mit „Hofprediger Stöcker" Unterzeichneten Artikel des „Deutschen Bolksblatts", desOrgans der Christlich-Socialen, werden vor Beginn eines neuen Quartals „alle Mann auf Deck" gerufen. Es ist bezeichnend, daß Herr Stöcker den Artikel in feiner Eigenschaft als Hofprediger unterzeichnet und den Titel seines geistlichen Amtes voranstellt. Herr Stöcker will sich offenbar damit den Anschein geben, als wenn er im Namen des kaiserlichen Hofes dazu aufruft, auf das „Deutsche Volksblatt" zu abonniren. Besonders geärgert hat den Hofprediger Stöcker die Aeußerung in dem Tagebuch Kaiser Friedrichs, daß die „Volkszeitung" den Nagel auf den Kopf treffe. Der Hofprediger, der während der Regierungszeit Kaiser Friedrichs am Hofe desselben weder predigen noch sich sehen lassen durfte, erdreistet sich, unter Erwähnung des Tagebuchs dem Verewigten vorzuhalten, daß jenes Blatt „die Königstreue und das Christenthum auf den Kopf treffe". Unter dem neuen Monarchen, so schreibt Herr Stöcker, muß neue Kraft, Opferfreudigkeit, Vaterlandsliebe, sociale Begeisterung unsere Reihen erfüllen. Nach den übrigen Schimpfereien gegen die Socialisten und den Fortschritt klagt Herr Stöcker wie folgt: „Auf Seite der nationalen Parteien sind die Dinge nicht in Ordnung. Die sogenannten Extremen sollen an die Wand gedrückt, die starken Forderungen in der Social- und Kirchenpolitik zurückgedrängt werden. Wer die Verhältnisse unseres öffentlichen Lebens kennt, der weiß, daß es solche Extremen gar nicht giebt. Man nennt nur die gesinnungstüchtigen Männer mit diesem Fremdwort, um sie zu verdächtigen. In erster Linie werden wir Christlich-Socialen zu dieser Schaar gerechnet. Wir machen uns eine Ehre daraus und möchten um keinen Preis zu den halben gehören." Was die Judenhetze betrifft, so thut das Stöcker'sche Organ Herrn Richter Folgendes kund: „Immer abwarten, man muß die Medicin bekanntlich stets zur rechten Stunde eingeben." An anderer Stelle heißt es, über die Judenfreundschaft habe Einer gesagt: „Für diejenigen Deutschen, welche gegen ihr eigenes Fleisch und Blut die Partei des Judenthums nehmen, können wir nur zwei Empfindungen haben: Mitleid, wenn es Dummköpfe, und Verachtung, wenn es erkaufte Judensöldner sind." — Die conservative Parteileitung in Berlin läßt Herrn Sröcker trotz des Beschlusses der Nationalliberalen, das Cartell zu kündigen, nicht fallen. Die „Conserv. Corr." behauptet daß Herr Stöcker nichts weniger als „extrem" ist, und räth, den Nationalliberalen noch einmal die Gründe ihrer „unverständlichen Gegnerschaft gerade gegen diesen Conservativen" zu prüfen. Für den zu erwartenden Mißerfolg bei den Berliner Wahlen macht die „Conserv. Corr." bereits die Mittel- Parteien verantwortlich. Berlin, 3. October. Die „Boss. Ztg." berichtet: Der Reichsbank-Präsident v. Dechend hatte heute Vormittag die Vertreter der hervorragenden hiesigen Bankinstitute und Bankfirmen zu sich eingeladen und therlte denselben mit, daß ihm von Allerhöchster Seite die Anregung zugegangen sei, zu einem Fonds für humanitäre Zwecke die Unterstützung der Finanzwelt nachzusuchen. Zu einem solchen Fonds, welcher der Kaiserin zur Verfügung gestellt werden soll, erfolgten alsdann auch nicht unerhebliche Zeichnungen. Demnächst soll der Erlaß eines allgemeinen Aufrufes ergehen. Wie verlautet, hat es sich ursprünglich um eine Unterstützung der inneren Stadtwission gehandelt, und zwar soll ausdrücklich betont worden sein, daß die Beseitigung des Herrn Stöcker aus der Stadtmission auf alle Fälle erfolgen solle. Unter diesem Gesichtspunkte allein ist es erklärlich, daß die zum großen Theil von jüdischen Persönlichkeiten geleiteten Firmen sich haben bestimmen lassen, namhafte Beiträge und zwar „zu Humanitären Zwecken" zu zeichnen. Königsberg i. P., 27. Sept. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurde das Schreiben der Testamentsexekutoren des verstorbenen Geh. Commerzienraths Moritz Simon verlesen, nach welchem, wie bereits mitgetheilt, der Stadt M. 500,000 zu verschiedenen wohlthätigen und gemeinnützigen Zwecken vermacht werden. Stadtverordneten-Vorsteher Weller knüpfte an die Verlesung des Schreibens folgende Worte: „Es ist uns Herzenssache, unseren Dank auszusprechen, daß der Verstorbene, der im Leben so viele Thrä-

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