Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1888)
- Date
- 1888-10-11
- Page
- Seite 647 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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647 1887 enthält acht Vorträge, welche während der Ausstellung im Mai und Juni von Jos. Jacobs, Lucien Wolf, Walter Rye, Dr. C. Groß, Dr. H. Graetz, Rabb. Dr. H. Adler und Dr. Gaster gehalten wurden. Der Vortrag, welchen Dr. Graetz in deutscher Sprache gehalten und den I. Jacobs ins Englische übersetzt hat, behandelt historische Parallelen in der jüdischen Geschichte und schließt mit einem frommen Wunsche: Gründung einer jüdischen Akademie, der die Herausgabe einer „Encyklopädie des Talmud", eines „Corpus Historicorum Judaicorum“ und dergl. mehr zufallen würde. — Ein vorzüglicher Vortrag des Herrn Jos. Jacobs führt uns in die, in der Nähe des Marktes gelegene Judenstadt Londons vor der Vertreibung im Jahre 1290; die Londoner Judenstadt hatte eine Synagoge, die spätere Bakeweil Hall, und c. 25 Judenhäuser. Herr Jacobs macht uns auch mit dem socialen und religiösen Leben der damaligen aus c. 2000 Seelen bestehenden jüdischen Gemeinde Londons sowie mit den durch Reichthum und Gelehrsamkeit hervorragenden Familien derselben bekannt. Hieran schließt sich der Vortrag Walter Rye's über die vielen Verfolgungen der Juden in England — verging doch kaum ein Jahrzehnt, daß nicht in j irgend einer Stadt Englands die Juden unter falschen Anj klagen ausgeplündert, verfolgt, gemordet oder vertrieben wur-| den — und die ausführliche Arbeit des Dr. Charles Groß über die Handelsverhältnisse der Juden in England. Eine bisher dunkle Partie der englisch-jüdischen Geschichte, nämlich die Zeit von 1290 bis auf Menasse ben Israel, beleuchtet der an neuen Aufschlüssen reiche, auch besonders erschienene Vortrag des gelehrten Lucien Wolf; derselbe bemüht sich, nachzuweisen, daß sich noch nach der Vertreibung, unter Heinrich VIII. und Elisabeth Juden in England aufhielten. Die wenigen Aerzte und Gelehrte jüdischen Stammes, welche sich in dieser Zeit dort fanden, waren zum Christenthum bekehrt, so die Aerzte Fernando Lopes und Rodrigo Lopes, Tremellius oder Emanuel Jtalo, Philipp Ferdinand, ein getaufter Jude aus Polen. Jakob Barnett, der die Taufe nicht annehmen wollte, wurde des Landes verwiesen. Von großem Interesse ist der Bortrag des Dr. H. Adler über die Londoner Oberrabbiner. R. Moses ben Aron, der aus Berlin dorthin berufen wurde, und dem R. Uri Phöbus, ein geborener Breslauer, folgte, R. Hirsch-Berlin, der London bald wieder verließ und dessen Sohn R. Saul während eines kurzen Aufenthaltes in der Themsestadt einer Krankheit erlag, R. David Schiff, der Großonkel des gegenwärtigen Chief Rabbi, der 1765 aus Frankfurt a. M. berufen wurde, R. Moses Myers und R. Salomon Hirschell. Auch die jüdischen Gelehrten, welche bis 1290 in London bezw. England lebten, werden mehr oder weniger ausführlich behandelt, und ist es zu bedauern, daß der Verfasser nicht auch die Rabbiner oder Chachams der Londoner portugiesischen Gemeinde, wie Jakob Sasportas, Josua de Silva, Jakob Abendana, David Nieto u. A. m. in den Kreis seiner Untersuchung gezogen hat. — Dr. M. Gaster führt uns mit feinem Bortrage über die jüdischen Quellen der englischen Romancen von König Arthur und Merlin in die Sagenzeit, und Rev. Francis L. Cohen entwickelt historisch die synagogalen Gesänge. — No. 2 der „Publications“ ober: Hebrew Deeds1 of English Jews before 1290 enthält die auf die Juden in England vor ihrer Vertreibung bezüglichen hebräischen Documente, welche sich in der Westminster Abtei, im britischen Museum und anderen Archiven und Bibliotheken handschriftlich fanden und welche M. D. Davis mit großer Sorgfalt gesammelt und zum ersten Male zum Drucke befördert hat. Einige dieser Contracte waren schon früher veröffentlicht, so No. 115 von L. Dukes llewisb Ckronicle Bd. 16, No. 221, was M. Davis anzumerken vergessen hat. Diese Dritter, Kaufbriefe, Schuldverschreibungen, Quittungen, Verlobungs- Pakte, 208 an der Zahl, sind wichtige Beiträge zur Geschichte des innern Lebens der englischen Juden und ihrer geschäftlichen Beziehungen sowie zur Namenkunde der Juden überhaupt. Für pp ist S. 297 Dr zu lesen; David ben Deulecreffe ist sicherlich ein Verwandter des Abraham und Jsak de Deulecresse (S. 170 und 166). No. 3 Bibliotheca Anglo-Judaica, welche die Herren Jos. Jacobs und Lucien Wolf verfaßt haben und der eine gelehrte Studie über die handschriftlichen Quellen zur Geschichte der Juden in England vorangeht, ist mit staunenswerthem Fleiße gearbeitet und für Juden, die sich mit der Geschichte der englischen Juden beschäftigen, ein unentbehrlicher Führer. Durch die Veröffentlichung dieser werthvollen Schriften haben sich die Mitglieder des Comites der englisch-jüdischhistorischen Ausstellung, an deren Spitze der treffliche F. D. Mocatta steht, den Dank aller Freunde der jüdischen Wissenschaft erworben und hoffen wir, daß eine zweite Serie bald folgen möge. Dr. Kayserling. Deutschland. Berlin, 2. Oktober. (Privatmitth.) Wir haben schon erwähnt, daß die Wahlaufrufe der Nationalliberalen und der Freisinnigen einen Passus enthalten, welcher in entschied dener Weise jeden Versuch, die durch die Verfassung und die Landesgesetze gewährleistete volle Gleichberechtigung aller