Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-11 · Heft 41 (11.10.1888) · p. Seite 646

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 41 (11.10.1888)
Date
1888-10-11
Page
Seite 646 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227759--45668-3265195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

646 schiedene Secten an. Es entstand die Religionsphilosophie des Islams, theils eine mystische, theils eine rationalistische, welche letztere besonders durch die Motaziliten vertreten wurde. Sie stellten anstatt der Prädestination die Präscienz, d. h. das Vorauswissen Gottes" der von dem Menschen nach seiner Wahl vollbrachten Handlungen, welches die göttliche Vorausbestimmung und die menschliche Willensfreiheit in Einklang brachte, aus. In dieser Weise suchten auch die jüdischen Religionsphilosophen das Problem zu lösen. Allein alle diese philosophisch gearteten Secten wurden von der islamitischen Orthodoxie besiegt und unterdrückt. — Einen anderen Gegenstand heftigster Sectirerei bildeten die zahlreichen und oft auffälligen Anthropomorphismen im Koran. Zu diesen kamen noch einige als echt anerkannte Traditionen, welche von der noch äußerst rohen Gottesidee Mohameds und seiner nächsten Nachfolger zeugen. Mohamed sprach: „Ich sah meinen Herrn (Gott) als einen bartlosen Jüngling mit gekräuseltem Haar und reichlichem Haarwuchs, er hatte zwei goldene Sandalen an den Füßen." Oder: „Er (Gott) legte seine Hand auf meine Schulter, so daß ich die Kälte seiner Fingerspitzen empfand." Hierüber nun der mit Bitterkeit geführte Streit. Die Einen legten diese phantastischen, des Gottesbegriffes unwürdigen Ausdrücke mystisch aus, die anderen suchten die sonderbarsten Gedanken darin, die Orthodoxie jedoch gab nur die buchstäbliche Auffassung zu, so daß sich schon im zweiten Jahrhundert des Islams verschiedene Traditionsgelehrte zu der Ansicht bekannten, daß Gott Gestalt und Glieder habe, l) — Ein gleicher Kampf entbrannte über die im Koran Gott zugeschriebeuen Eigenschaften (Attribute). Eine ausgiebige Scholastik entwickelte sich, ganz so wie später die mittelalterliche christliche Scholastik. Aber, wie gesagt, die Orthodoxie besiegte alle ihre Gegner und führte zu der Erstarrung, unter welcher der Islam seit Jahrhunderten unverändert, ohne Leben und Bewegung liegt. Wir haben deshalb im Islam eine feste Glaubensform, welche folgende Glaubenssätze aufstellt: 1) die Anerkennung des Koran als des letzten und vollkommenen Buches göttlicher Offenbarung; 2) den Glauben an die Einheit Gottes, ausdrücklich gegenüber dem arabischen Götzendienst und der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit; 3) den Glauben an Mohamed als den letzten und größten der Propheten; 4) den Glauben an die Weltenregierung durch Gott und die Vorausbestimmung aller menschlichen Schicksale und Handlungen; 5) der Glaube an die Existenz des Teufels, der guten und bösen Geister; 6) der Glaube an die Auferstehung von den Todten und an das jüngste Gericht; 7) der Glaube an das Paradies und die Hölle; 8) die Anerkennung 1) Kremer führt hierfür an: Mokatil I Solo im an; Sharestany I. 158, 215. Mawäldf, p. 17. der Eigenschaften Gottes und endlich bei den Sunniten die Erbfolge der Jmame und die Gültigkeit der Tradition^). — Es ist Jedermann leicht, hieraus die Momente zu erkennen, in welchen die Lehre von Gott im Islam und im Judenthume übereinstimmen und welche jener aus diesem geschöpft, so wie diejenigen, in welchen der Islam einen abseitigen Weg eingeschlagen und zu den nachhaltigsten Differenzen gekommen ist. Das Hauptmoment klaffender Verschiedenheit bildet die Prädestinationslehre des Islams, welche Gott als ein finsteres, absolutistisches, ja despotisches Wesen darstellt, das nach seiner Willkür Gnade ertheilt und zum Heile und der Glückseligkeit führt, durch Ungnade zum Verderben und zur Hölle; die den Menschen zu einem willenlosen Automaten herabwürdigt, der im Kampfe siegt oder unterliegt nach einer von ihm selbst ganz unabhängigen Gewalt. Von Liebe und Gerechtigkeit verschwindet hier in der Vorstellung des orthodoxen Islams aus Gott jede Spur, so viel auch sonst von den islamitischen Gottesgelehrteu Redensarten, wohlklingende Phrasen erlassen werden. Es war dies eine Erbschaft des arabischen Heidenthums, der Anbetung der Gestirne, welche unabänderlich das Geschick der Menschen bestimmen. Auch hier also eine Verschmelzung des Judenthums mit heidnischen Elementen. Unter der Herrschaft dieses Fatalismus stellte sich aber nothwendig ein weiterer tiefgehender Mangel ein, nämlich daß jedes Sittlichkeitsprincip fehlen mußte. War der Mensch der Willensfreiheit und der Verantwortlichkeit enthoben, so bestand für diesen Automaten nur die passive Ergebung, nur der leidende Gehorsam, und nicht Pflicht und Recht, sondern nur das Gesetz war für ihn vorhanden. Was wir Sittenlehre nennen, gehört dem Islam in das Rechtsgebiet. Doch hierüber in einem anderen Artikel. Literarischer Wochenbericht. Pest, den 30. September 1888. Die englisch-jüdischhistorische Ausstellung, welche im April v. I. in Albert-Hall in London eröffnet wurde, hat das Verdienst, das Interesse für die englisch-jüdische Geschichte neu geweckt und durch Vorträge über dieselbe, mehr aber noch durch die von ihr veranstalteten Publicationen wesentlich gefördert zu haben. Durch die „Euhlications of the A.nglo-Jewish Historical Exhibition U1 welche in drei stattlichen Bänden vorliegen (Eonäon. Ot'üce ot' the „Jewisli Chronicle“, 1888), hat die jüdische Wissenschaft eine sehr schätzbare Bereicherung erfahren. No. 1. Die „Publications“ mit dem besondern Titel: Papers read at the Anglo - Jewish Historical Exhibition, 2) Vgl. das Moslemische Recht aus den Quellen dargestellt von R. v. Tornauw (Leipzig, Dyk, 1855.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.