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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-11 · Heft 41 (11.10.1888) · p. Seite 645

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 41 (11.10.1888)
Date
1888-10-11
Page
Seite 645 (sequence 5)
Language
German
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655 Äus der vergleichenden Religionswissenschaft. IV. Wir haben im vorigen Artikel den Gottesbegriff dargestellt, welchen Mohamed seinen Anhängern verkündete. Wir führten eine bedeutsame Stelle aus dem Koran an, welche seine Vorstellung von Gott prägnant zeichnet und zwar aus der mittleren Zeit seiner Prophetie, nämlich bald nach seiner Flucht aus Mekka nach Medina. Es zeigte sich dabei vollständig, daß dieser sein höchster Ausspruch ganz und gar aus Sätzen besteht, welche unserer heiligen Schrift entnomlnen sind. Nun wäre es aber eine irrthümliche Meinung, wenn man glaubte, daß diese Vorstellung von Gott bei Mohamed von Beginn an dieselbe gewesen, und daß er in derselben auch conseguent geblieben. Bei den Arabern herrschte vor Mohamed Pielgötterei. Wie sie selbst überliefern, fand bei ihnen die Anbetung der Gestirne, besonders der Sonne statt, wie sich denn auch Spuren dieser alten Religion bis in die Gegenwart bei den Beduinenstämmeu des inneren Arabiens erhalten haben. Neben der Sonne war es der Mond, den sie verehrten, und hieran knüpfte sich die Anbetung anderer Himmelskörper als niederer Götter; Genien, Stammidole, heilige Steine und Bäume, selbst einzelne Thiere, wie namentlich die Schlange, waren Gegenstände religiöser Verehrung. Anerkannter Weise aber verbreitete das schon in früher Zeit in Arabien eingedrungene Judenthum die Ablesung des Gottesbegriffes von jedem Zusammenhänge mit einem sichtbaren Symbole und ermöglichte die Ausbildung der Idee von einem einzigen höchsten Allah >). Einen noch entscheidenderen Einfluß übte das Judenthum im Süden Arabiens als im Norden der Halbinsel. Erscheint doch in den alten Genealogien und auf himjarischen Inschriften die hebräische Form „El". Doch nur schrittweise entwickelte sich die Gottesidee in Mohamed selbst, wie wir dies im Koran verfolgen können. In den ältesten Stücken erscheint ihm Allah nur als die höchste Person im Kreise einer zahlreichen Götter- und Genienversammlung. Er nennt ihn nicht Allah, sondern Rabb, Rabby „mein Herr" (z. B. Sure 96, 1—3). Später nennt er ihn den Herrn der Welten, den Herrn des Orients und des Occidents, den Ordner, „welcher Alles lenkt, welcher die Weide hervorbringt und verdorren läßt" (Sure 87, 1—5). So geht er vorwärts. Dennoch war er unsicher, sodaß er im Jahre 616 noch drei Göttinnen Lat, Ozza und Mansch anerkennt und uni ihre Fürsprache bei Allah betet. Bald aber widerrief er dies, und er betonte von nun an die monotheistische Lehre 1) Vgl. die treffliche Schrift: „Geschichte der herrschenden Ideen des Islams. Der Gottesbegriff, die Prophetie und Staatsidee. Von Alfred v. Kremer. (Leipzig, Brockhaus 1868.)" schärfer als früher: „Es giebt keinen Gott außer Allah, Alles vergeht außer ihm" (Sure 28, 88). Hierauf folgte wieder eine Epoche, wo christlicher Einfluß sich in überwiegender Weise bei ihm geltend machte. Er neigte sich der Trinität zu, sprach von einem Rühman als Erlöser. Diesen Namen entnahm er aus einer christlichen Liturgie. Ebenso redete er vom „heiligen Geiste". Er sah dies nach einiger /Zeit als einen Fehltritt an und verschmelzte den Rahman! und den heiligen Geist mit Allah unter der Entschuldigung „auf Gott passen alle schönen Namen" (Sure 17, 110). Bon hier ab entwickelt er fernerhin nur die Einheitslehre und verwarf alle übrigen Begriffe von Gott. — Jndeß hatte seine Lehre noch eine schwache Seite, nämlich über die Willensfreiheit des Menschen und die göttliche Voransbestimmung. Klar wurde sich Mohamed hierüber nicht. Wohl hatte er in seiner frühesten Periode das Empfinden, welches die Freiheit des menschlichen Willens fordert und anerkennt, und spricht sich dies auch im Koran aus, indem Mohamed die Verantwortlichkeit des Menschen und die Bestrafung und Belohnung wiederholt betont. Daun aber finden sich wieder Stellen wie „aber Ihr könnt nicht wollen, es sei denn, daß es Allah will, denn Allah ist wissend und weise. Er führt wen er will in seine Gnade ein; für die Ungerechten aber hat er eine peinliche Strafe bereitet." (Sure 76, 30. 31). So kam es, daß schon in den nächsten Jahrhunderten der Streit über die Prädestination (Vorausbestimmung) und die menschliche Willensfreiheit im islamitischen Lager auf's Heftigste entbrannte und zu vielen religiösen Seeten Anlaß bot. Der Leser weiß, daß unsere h. Schrift die Freiheit des menschlichen Willens auf allen Seiten verkündet. Schon dem ersten Menschenpaare wird die Freiheit zugesprochen, dem an dasselbe ergangenen Verbote Folge zu leisten oder nicht; dem Kain wird warnend zugerufen: „Die Sünde liegt vor der Thüre, du aber kannst über sie herrschen"; da er die Blutthat vollbracht, wird er zur Verantwortung und zur Strafe gezogen, und noch vor seinem Tode ruft Moses dem Volke wiederholt zu: „Ich lege dir vor Leben und Tod, das Gute und das Böse, den Segen und den Fluch, wähle das Leben." Hierüber kann also auf dem Boden des Judenthums kein Zweifel sein. Daß zugleich die göttliche Vorsehung und Vergeltung, die göttliche Weltordnung, die Lenkung der Geschicke, der Völker wie der Einzelnen, in der h. Schrift in nachdrücklichster Weise gelehrt wird, brauchen wir nicht zu betonen. Ganz anders ward im Islam die immer fester in ihm wurzelnde Lehre von der Prädestination. Gestützt auf verschiedene Stellen des Korans, kam man zu der Grundlehre, daß alle menschlichen Handlungen durch einen im Voraus erflossenen göttlichen Rathschluß endgültig geregelt seien, so daß der Mensch nichts daran zu ändern und aus sich heraus ( nichts zu wollen vermag. Allerdings kämpften hiergegen ver-

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