Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 635 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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635 Zöglinge in 6 Stunden wöchentlich. Derselbe erstreckt sich auf Uebersetzen und Erklären des Pentateuchs und ausgewählter Psalmen, sowie geeigneter Stellen des Raschieommentars zum Pentateuch, ferner auf hebräische Sprachlehre, biblische und nachbiblische Geschichte und systematische Religionslehre. Außerdem ertheilte Herr Stiftsrabbiner Weil hier in wöchentlich 2 Stunden Unterricht in der Mischnah und im Schulchan-Aruch. In den zur Bersehung des Cantorats erforderlichen Kenntnissen und practischen Fertigkeiten unterrichteten Herr Obercantor Rubin 1 Stunde und Herr Cantor Reichenberger 2 Stunden wöchentlich. Die Einnahmen betrugen 28,974 M., die Ausgaben 5000 M., so daß am 1. Januar 1888 ein Restvermögen von 23,693 M. verblieb. Zur Deckung der Ausgaben mußte ein Theil der gesammelten Capitalien in Anspruch genommen werden, und um so nachdrücklicher wendet sich der Verwaltungsrath an alle Israeliten Badens, für diese wohlthätige Anstalt, durch welche ein tüchtiger Lehrerstand ermöglicht wird, mit gewohnter Opferwilligkeit beizutragen. Wir hoffen, daß dieser Aufruf seine Wirkung nicht verfehlen wird, und daß besonders die Gemeinden einen regelmäßigen Beitrag auf ihren Etat nehmen werde. Witten, 23. Septbr. Eine Antisemitenversammlung, welche von 5 bis 600 Personen besucht war, fand am Sonntag in Witten statt. Dr. König verherrlichte den Ritter Georg von Schönerer und nannte dessen Verurtheilung zu Kerkerstrafe wegen des brutalen Einbruchs in das Redactivnslokal eines Wiener Blattes einen Justizmord, Dr. König schimpfte alsdann auf Oesterreich. Die Verurtheilung des Herrn von Schönerer zeige, daß man sich auf Oesterreich im Falle der Noth nicht recht verlassen könne. Man müsse das internationale Judenthum, diesen Feind, der am Mark des Volkes zehre, entschieden bekämpfen. Dr. König forderte alsdann zu Geldbeiträgen auf, denn in der Provinz Hessen- Nassau würden bei der Landtagswahl die beiden Führer der Antisemiten Liebermann von Sonnenberg und Dr. Winkler kandidiren. Kaiserslautern, 24. September. (Privatmitth.) Auch noch in der Gegenwart ist es für die jüdische Religionsgenossenschaft von erheblicher Wichtigkeit, wenn ihr der Souverän des Landes in Person eine willkommene Aufmerksamkeit zuwendet und auf diese Weise unumwunden erklärt, wie er ihre Gleichberechtigung im Staate anerkenne. Es war deshalb eine erhebende Ehrenbezeugung für die hiesige Gemeinde, daß seine königliche Hoheit der Prinzregent während seines verhältnißmäßig kurzen Aufenthaltes in hiesiger Stadt die Synagoge mit seinem Besuche beehrte. „Als der Wagen, in dem S. K. Hoheit saß, sich dem Portale der Synagoge näherte, ging der Rabbiner, Herr Dr. Landsberg, begleitet von den Gemeindevertretern, dem hohen Gast entgegen und begrüßte ihn mit folgenden Worten: „Allerdurchlauchtigster Prinz und Prinzregent! Allergnädigster Regent und Herr! Wie der königliche Sänger einst, so rufen auch wir in diesem für die isr. Gemeinde hiesiger Stadt so bedeutsamen Momente aus der Tiefe unseres Herzens: „Gesegnet im Namen Gottes, der jetzt hier einzieht!" Drei Jahre sind verflossen, seitdem Ew. Königl. Hoheit unserer Gemeinde die hohe Ehre gegönnt, dieses zur Zeit im Bau begriffene Gebäude zu betreten. Inzwischen waren wir in der glücklichen Lage, dieses herrliche Gotteshaus durch Gottes Hilfe, durch die Hilfe der hohen königlichen und städtischen Behörden und vor Allem auch durch die außerordentlich große Opferfreudigkeit der Gemeindemitglieder dem zu weihen, dem wir hier in Gemeinschaft und Andacht anrufen und zu dem wir allsabbathlich beten für das Leben und die Gesundheit unseres erhabenen Regenten, der im Namen S. Majestät unseres Königs und Herrn mit so sicheren Händen das Staatsruder lenket. Gestatten nun Königl. Hoheit, daß ich jetzt, da wir diesen seltenen Moment feiern, im Geiste unserer Religion das Wort der heiligen Schrift ausspreche, das Gott einst seinem Knechte entboten und das an Ew. Königl. Hoheit sich erfülle, das Wort: „Es segne Dich der Herr u. s. w. Amen!" — Der Prinzregent dankte dem Sprecher in herzlicher Weise und ließ sich von ihm und der Gemeindevertretung in die Synagoge und vor die geöffnete Loge unter Orgelklang führen, richtete mehrere Fragen an den Rabbiner und verabschiedete sich mit nochmaligem Danke. Der Rabbiner wurde zum Diner befohlen, zu welchem er sich auch dankbarlichst einstellte. Es ist natürlich, daß die Gemeinde sich durch diesen Vorgang sehr gehoben fühlt. Oesterreich-Ungarn. Wien, 19. Sept. (Privatmitth.) Es freut mich, Ihnen mittheilen zu können, daß Herr Dr. Emil Zuckerkandel (Israelit), bisher Professor der Anatomie an der Universität zu Graz, zum Professor der Anatomie, und zwar als Ordinarius, an der hiesigen Universität ernannt wurde. Die Facultät hatte ihn, obschon er bereits zahlreiche Beweise als bedeutender Lehrer und Gelehrter seines Faches gegeben, ans confessionellen Gründen secundo loco vorgeschlagen; der Minister v. Gautsch jedoch befürwortete, in Berücksichtigung der herorragenden Qualifieation Znckerkandels, dessen Ernennung, die der Kaiser genehmigte. Herr Michael Mach, Vorsteher der hiesigen Gemeinde, spendete zur Erinnerung an seine Tochter und an seinen Schwiegersohn, die beim Theaterbrande in Paris umkamen, in Gemeinschaft mit der Mutter des Schwiegersohnes ein 40*