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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-04 · Heft 40 (4.10.1888) · p. Seite 632

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 40 (4.10.1888)
Date
1888-10-04
Page
Seite 632 (sequence 8)
Language
German
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632 Berlin, im September. Unter dem Titel „Die sanften Judenhetzer" enthält -die „Freisinnige Zeitung" einen sehr charakterisirenden Artikel, welchen wir hier zur Beurtheilung der gegenwärtigen Zustände wiedergeben und für spätere Zeit aufbewahren wollen. Er lautet: Es giebt Radauantisemiten und sanfte Judenhetzer. Beide Richtungen glauben jetzt ihre Zeit wieder gekommen. Beide Richtungen jubelten dem Hofhistoriographen Herrn v. Treitschke zu, als derselbe jüngst sich erfrechte, das scharfe Urtheil des Kaisers Friedrich gegen die Antisemiten auf den durch politisches Stillleben des Kronprinzen verursachten Mangel einer mit der Zeit fortgeschrittenen Geistesbildung znrückzuführen. Bei der Ersatzwahl im 6. Reichswahlkreise waren die Radauantisemiten durch die Partei Förster und die sanften Judenhetzer durch die Partei Holtz vertreten. In der Kartellpresse sind beide Richtungen scharf erkennbar vertreten: der Radauantisemitismus beispielsweise durch die „Kreuzztg.", den „Reichsboten" und die „Staatsbürgerztg." in Berlin, die sanften Judcnhetzer durch die „Post", das „Deutsche Tageblatt" in Berlin und die „Schlesische Zeitg." in Breslau. Tie gefährlicheren Feinde der Gleichberechtigung, des socialen Friedens und der bürgerlichen Eintracht sind die sonsten Judenhetzer, nicht chie Radauantisemiten. Die letzteren, also die Förster, Böckel, Liebermann von Sonnenberg, werden nur als die Trommelschläger vorgeschickt; sie haben die Aufgabe, die sog. Judenfrage im Feuer zu halten, die Leidenschaften aufzuregen und den eigentlichen Aufgaben des Antisemitismus vorzuarbeiten. Die andere Richtung der Judenhetzer marschirt hinterher. Die „Schles. Ztg." und das „Deutsche Tageblatt" druckten den neuen Hetzartikel der „Kreuzztg." vollständig ab. Die schüchternen Einschränkungen und Vorbehalte, welche die Redaktionen selbst dazu machten, glichen nur schwachen Wassertropfen im vergiftenden Fuselgemisch. Kein Blatt berichtet über antisemitische Versammlungen und die darin gehaltenen Hetzreden so ausführlich wie die „Post". Haben die Vorderleute es einmal in einzelnen Fällen zu arg getrieben, so wird denselben ein sanfter Tadel zu Theil. In der Hauptsache aber wird das Treiben jener entschuldigt mit dem Verhalten der Juden. Die „Judenblätter" sind dann allemal das Karnickel, welches angefangen hat. Die „Schles. Ztg." versuchte unlängst auszuführen, daß die neue antisemitische Bewegung nur dadurch in Fluß gekommen sei, daß „die Judenblätter Berlins und Wiens" über den Erlaß Kaiser Friedrichs für die Gleichberechtigung aller religiösen Richtungen im Staatsleben ein Jubelgeschrei hätten ertönen lassen. Indem sich Blätter wie die „Post", die „Schles. Ztg." und das „Deutsche Tgbl." verwahren gegen Ausführungen der Radauantisemiten, welche „den Stempel der Uebertreibung an der Stirn tragen", geben sie gleichzeitig stets gerade unter dem Schein der Unparteilichkeit dem Antisemitismus neue Nahrung, indem sie „unseren jüdischen Mitbürgern" als Rasse oder Religionspartei gemeinschädliche Eigenschaften zuschreiben. „Die jüdischen Mitbürger" mißbrauchten, so schreibt das „Deutsche Tageblatt", „die Stellung, die sie auf Grund ihrer hervorragendsten Eigenschaften erworben haben, gewohnheitsmäßig ebenso gern, wie sie sich beharrlich weigern, diejenigen ihrer Stammeseigenthümlichkeiten den Forderungen der Zeit zum Opfer zu bringen, welche ihrem Aufgehen in der nationalen Gemeinschaft am meisten widersprechen." Ebenso spricht die „Post" von „wirklich vorhandenen Mißständen", von „vorhandenen Uebelständen", von der früheren „Wucherfreiheit". Die Radauantisemiten machen durch die Art, wie sie gegen das Judenthum im einzelnen Borwürfe erheben und begründen, die Widerlegung leicht, die sanften Judenhetzer verdächtigen im Allgemeinen, so daß sich Jeder im einzelnen dabei denken kann, was er will. Eine thatsächliche Widerlegung ist ausgeschlossen, weil die allgemeine Behauptung nirgend an Thatsachen anknüpft. Die sanften Judenhetzer verwahren sich, wie die „Schles. Ztg-", gegen die „ungemessenen Bahnen" einer Agitation, welche, wie die „Kreuzzeitungs"-Artikel, die Emancipation der Juden rückgängig machen will. Die „Schles. Ztg." aber tritt selbst unumwunden ein für die bekannten Forderungen jener durch Liebermann von Sonnenberg im Jahre 1881 inscenirten Petitionen, in denen u. a. der Ausschluß der Juden von allen obrigkeitlichen Stellungen gefordert war. Die „Schles. Ztg." weiß sehr wohl, daß, wenn erst einmal der Boden der Gleichberechtigung an einem Punkte thatsächlich verlassen ist, die weitere Ausbildung einer Ausnahmestellung für die Juden alsdann keine Grenzen mehr kennte. Die „Post" und das „Deutsche Tagebl." verwahren sich gegen die weitgehenden Ziele der Radauantisemiten, drohen aber versteckt damit, daß, wenn die Juden uicht „den wirklich vorhandenen Mißständen" abhelfen und damit dem Antisemitismus „die wirksamsten Agitationsmittel entziehen", die Bewegung auch noch weiter vorgedrängt werden würde. Die sanften Judenhetzer verwahren sich auch gegen eine besondere antisemitische Partei. Natürlich, sie wollen die antisemitische Agitation unmittelbar nutzbar machen im Dienst der conservativen Parteien oder der Kartellbrüderschaft. Ja sie gehen so weit, und dahin spitzt sich ihre Taktik am deutlichsten zu, die Juden selbst aufzufordern, sich ihrer politischen Richtung anzuschließen. Die Radauantisemiten werde» dabei gewissermaßen als Schreübild hingestellt für den Fall, daß die Juden sich gelüsten lassen sollten, die politischen Parteien zu unterstützen, welche die Gleichberechtigung aller Confessionen auf ihre Fahne geschrieben haben und für dieselbe rückhaltslos eintreten. Ei» beliebter Spöttvers der Radauantisemiten lautet bekanntlich:

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