Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 631 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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631 %ei l'upiqypiac Wt. Deutschland. Berlin, 23. Septbr. (Privatmitth.) Es ist in dieser Zeitung schon oft ausgesprochen worden, daß die ganze antisemitische Bewegung von ihren Urhebern nur in Scene gesetzt worden, um für einige Personen, welche sonst keinen Anspruch und keine Popularität besaßen, ein Mandat für den Reichstag und den Landtag zu erlangen. Dies hat sich durch die Thatsachen hinlänglich erwiesen und erweist sich auch jetzt, denn, sobald eine Wahl vor sich gegangen, verstummt das antisemitische Lager und regt sich erst wieder, wenn es einen neuen Wahlkampf gilt. Man kann es doch selbst Stöcker nachsagen, daß er, sobald er ein Mandat erhalten hat, über die Juden schweigt. Daß dies für den Antisemitismus just kein Lob ist, braucht nicht gesagt zu werden. Es liegt da weder ein religiöses, noch ein sociales Element zu Grunde, sondern nur ein recht eigennütziges Motiv, das sich eine religiöse oder sociale Maske vorbindet. Andererseits zeugt es von der Blindheit derer, die jenen Agitatoren Gehör schenken, alte Borurtheile willig in sich wecken lassen und nun sogar eineHeldenthat vollbracht zu haben glauben, wenn sie für einen ihrer Führer ihre Stimme abgeben. Wahrscheinlich wird sich nun dasselbe Spiel bei den bevorstehenden Landtagswahlen wiederholen, und die „Kreuzzeitung" hebt denn auch ihr gewohntes Spiel in Hetzartikeln an, welche von Lug und Verleumdung strotzen. Diese Artikel zu bekämpfen, ihnen ihre Widersprüche und Verdrehungen nachzuweisen, kann an dieser Stelle um so weniger Aufgabe sein, als dies bei der „Kreuzzeitung" nicht das geringste hilft, der ja das Verlangen nach Wahrheit und Recht völlig fremd ist und die allein ihre Parteirücksichten und das verfolgt, was sie ihrer Partei für nützlich hält. Widerlegungen beachtet sie nicht und tritt immer wieder mit denselben Behauptungen hervor. Politische Blätter, wie die „Frkf. Z.", die „Freisinnige Z." u. a., nehmen natürlich den Kampf auf und wollen wir als jüngstes Beispiel folgende Sätze der ersteren entnehmen. Sie schreibt vom 21. Septbr.: „Die „Kreuzztg." schrieb dieser Tage in einem antisemitischen Hetzartikel wörtlich Folgendes: „Heute kann es nur Bosheit sein, wenn man den Kleingrundbesitzern und landwirthschaftlicheu Arbeitern vorredet, daß die Großgrundbesitzer und „Junker" ihre Feinde seien. Die Laudwirthschaft hat gegen einen ganz anderen Feind zu kämpfen . . . Gewisse Verhältnisse in Oesterreich, besonders aber in Ungarn, wo städtische jüdische Finanzbarone bereits ungeheure Territorien erworben haben, zeigen, wohin der Weg geht; allgemein ertönt die Klage, daß da gerade die „kleinen" Bauern die geschorenen Schafe sind." Statt jeder sonstigen Antwort setzen wir neben diese Auslassung folgende Sätze, welche die conservative „Schles. Ztg." soeben anläßlich des Todes des Fürsten Schwarzenberg veröffentlicht, jenes christlichen Magnaten, der den Armen der Stadt Wien — tausend Gulden vermachte: „Fürst Adolph Schwarzenberg konnte sich nie des Bewußtseins entäußern, daß die Bauernschaft und auch die Bürgerschaft der Städte innerhalb der Grenzen seines ausgedehnten Grundbesitzes sich zu ihm in einem Verhältnisse der Abhängigkeit und Unterthänigkeit befänden ... er ging bei der Vervollständigung und Abrundung seines Besitzes vielfach rücksichtslos auf Kosten des selbständigen bäuerlichen Grundbesitzes vor." Wir verzichten auf eine Antwort des frommen Berliner Blattes und auch auf die Hoffnung, daß dasselbe die Stelle aus dem Nachrufe der „Schles. Ztg." seinen Lesern mittheilt. Auch die unhaltbaren „Ergebnisse" der Wucherenquete des Vereins für Socialpolitik, welche eine sachverständige und wissenschaftliche Prüfung nicht aushalten können, was im Interesse der sachlichen Bekämpfung des Wuchers nur sehr zu bedauern ist, theilte ja die „Kreuzztg." dieser Tage ihren Lesern ganz kritiklos in majorem antisemitismi gloriam mit. Aber als Illustration dazu, wie der Antisemitismus „gemacht" wird, kann dies Pröbchen denn doch dienen." Herr Stöcker hat einmal wieder seine Wahrheitsliebe dargethan. Bekanntlich haben die vereinigten Berliner Kreissynoden — trotz der hohen Zeugnisse, welche dafür abgelegt worden — die Stöcker'sche Stadtmissson aus dem Grunde verworfen, weil sie auch politische Zwecke verfolge. Es wird nun berichtet: Hofprediger Stöcker hat am 21. d. im christlich-socialen Verein einen Vortrag über die Verhandlungen der Berliner Kreissynoden, betr. die Stadtmission, gehalten, in welchem er sich, nach dem Bericht der „Post", u. a. dahin äußerte: „Man macht der Stadtmission den Vorwurf politischer Thätigkeit, sehr mit Unrecht. In ganz Deutschland ist vielleicht Keiner, der so sehr wie ich, das kirchliche Leben von dem politischen losmachen will, der die Kirche frei machen will vom Staat." Derselbe Herr Stöcker aber hielt vor wenigen Wochen in dem deutschen Bürgerverein der Königstadt eine Rede, in der er sich, nach dem Bericht des „Reichsboten", also äußerte: „Wir stehen vor den kirchlichen Wahlen. Jeder politische Mensch ist auch ein religiöser Mensch. Unser König ist das Oberhaupt der evangelischen Landeskirche. Unsere Minister haben in kirchlichen Dingen sehr viel zu sagen. Es ist daher eine furchtbare Gedankenlosigkeit, uns zu sagen: wir sollen das Kirchliche und Politische durchaus trennen. Es ist überall zusammen, bei der Regierung und im Parlament. Man kann es gar nicht auseinanderhalten." Wann hat nun Herr Stöcker seine wahre Meinung ausgesprochen, am 21. September oder am 24. August?