Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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630 )1 5; ,1lÄ; ■hirtl:!3 f ' Yi S $ : Mi , ^li 0';l;| II . k. Hand zu geben, halte ich auch nicht für thunlich. Es wird also nichts anderes übrig bleiben, als sofort an die Lectüre der Bibel zu gehen, dieselbe von der ethischen und ästhetischen Seite zu behandeln, wo es geschehen kann, auch die populärsten Commentatoren heranzuziehen, und nur nebenbei auf gewisse grammatikalische Erscheinungen aufmerksam zu machen, und z. B. die Schüler besonders anzuleiten, aus der jeweiligen Form den Stamm des betreffenden Wortes herauszuchälen. Mehr wird wohl die Bibellectüre an den Mittelschulen nicht erreichen können. Einen Schatz von Worten wird der fleißige Schüler sicherlich auf diese Weise sich erwerben, und wenn er strebsam ist, wird dieser Unterricht ihm eine Basis sein, auf welcher er sich ein Gebäude unserer herrlichen hebräischen Sprache errichten kann. Gehen wir nun auf die Einzelheiten der Bibellectüre ein, so würden wir nach den gegebenen Gesichtspunkten etwa folgenden Lehrplan aufstellen: Das 1. Buch Mosis als ein Buch geschichtlichen Inhalts wäre zur Lectüre nicht geeignet; diesen haben die Schüler ohnehin kennen gelernt. Im 2. Buche wären vor Allem die Zehn Worte zu lesen, damit hätte der Gymnasiast zu beginnen, daran haben sich insbesondere die ethischen Gesetze, welche im 21. 22. 23. Kapitel dieses Buches enthalten sind, zu reihen. Um die Poesie der Bibel kennen zu lernen und zugleich aus liturgischen Bedürfnissen, schlösse sich daran das Lesen des Siegesgesanges am rothen Meere. Im 1. Cursus sollte auch aus dem 3. Buche Mosis das 19. Kapitel, natürlich immer mit richtiger Auswahl, gelesen werden. Das 4. Buch möchte ich wieder als streng historisch, als zur Lectüre ungeeignet, aus. schließen. Eine wahre Fundgrube aber für die Moral und den Ritus bildet das 5. Buch Mosis, und der erfahrene Lehrer wird an der Hand dieses Deuteronomium das ganze mosaische Sitteugesetz, aber auch den äußeren Gottesdienst der Juden, besonders die Feier der Festzeiten, seinen Schülern beizubringen trachten. Der väterliche Ton, in welchem das ganze Gesetz geschrieben ist, die Liebe und Milde, welche es durchweht, macht es für den Unterricht besonders geeignet. — Für die Stufe der 3. und 4. Klasse ist das Lesen des Buches der Sprüche ungemein passend. Nicht nur einen Schatz von wahrer, aus dem Leben geschöpfter Erfahrung, nicht nur eine Fundgrube frischer, der Geschichte des Einzelnen und des ganzen Volkes abgelauschter Lehren gewinnt der Schüler aus demselben, er lernt auch bei kluger Anleitung beim Lesen desselben denken, indem er den oft nicht ganz am Tage liegenden Gegensatz zwischen den Gliedern der Distichen heraus' zufinden trachten soll. Natürlich muß auch bei diesem Buche eine Auswahl vorgenommen werden, welche ja gerade hier nicht allzuschwer fallen dürfte. Die Psalmen müssen den Sprüchen folgen. An diesen Büchern soll der Schüler die beiden Hauptvertretungen der hebräischen Poesie, der didaktischen und lyrischen, kennen lernen. Aber auch ein praktisches Bediirfniß soll durch das Lesen der Psalmen erreicht werden: der Schüler lerne durch dieselben das Gebetbuch verstehen. Deshalb beschränke sich der Lehrer auf das Lesen der liturgischen Psalmen. Die ganze Innigkeit und Reinheit des Gottesgedankens, welche sie durchweht, die Großartigkeit und Einzigkeit der Naturanschauung, welche besonders der 104. Psalm in unerreichter Weise darstellt, das nie versiegende Gottesvertrauen, welches aus ihnen im hellen Jubel durchbricht, muß dem Schüler aus denselben klar werden. Was das Aeußerliche der Form anlangt, das was man Metrik zu nennen pflegt, so soll dem Schüler besonders das Eigenthümliche des Parallelismus der Glieder, wie ihn zuerst Herder erkannte, in allen seinen Einzelheiten gezeigt werden. Auch ist es hier nothwendig zum Zwecke der Concentration des Unterrichtes, auf verwandte Erscheinungen in anderen Dichtungen aufmerksam zu machen. Die Dichter aller Zeiten und aller Völker haben ja doch ähnlich gedacht, der verborgene Quell, aus dem sie schöpften, war ja immer die Allmutter Natur; ihr lauschten sie ihre Geheimnisse, ihr lauschten sie jene Erscheinungen ab, welche sie mit ihrer Phantasie hold verklärten. Auch die Propheten dürfen in der Bibellectüre nicht fehlen. Sie seien der obersten Stufe Vorbehalten. Ihren hohen Gedankenflug zu fassen, wie sie erhaben über dem Getriebe der Welt ihr Volk belehrten, strafend, ermahnend, aber auch tröstend für das „Ende der Zeiten" ein goldenes Friedensreich verkündeten, dies zu erfassen, ist nur dem gereifteren Schüler möglich. Der Prophetismus hat, wie wir schon sagten, bei anderen Völkern nichts Analoges, deshalb ist er so schwer zu verstehen. Der Lehrer beschränke sich also darauf, den Propheten aus seiner Zeit zu erklären, auf das Historische in seinen Beziehungen aufmerksam zu machen, und um auch praktische liturgische Zwecke zu verfolgen, besonders jene Kaz pitel aus den Propheten zu lesen, welche als Haphtoras j Anwendung in der Liturgie finden. Obenan, als für die; Schule besonders geeignet, stelle ich da den sogenannten Deu- ^ero-Jesaias (iä 68t Jesaias 40 — 66). Die allumfassende 'Liebe des Judenthums, dessen Universalität, dessen Bedeu-; tung für die ganze Menschheit, kann namentlich in unseren j Tagen, in welchen man das Schlagwort von der Engherzigj feit des jüdischen Nationalgottes ausgegeben hat, aus diesem Propheten erkannt und richtig verwerthet werden. — Was wir hier dargestellt und als Erforderniß einer geregelten Bibellectüre verlangt haben, zu erreichen, wäre nur möglich, wenn dem jüdischen Religionslehrer doch mehr Zeit und eine pädagogisch richtige Vertheilung der Stunden und Klaffen! gegönnt würde. Ich spreche hier von österreichischen Verhältnissen und will in einem folgenden Artikel zeigen, wie! es hier dem gewissenhaften Lehrer fast unmöglich gemacht | wird, nach den gegebenen Thatsachen das gesteckte Ziel zu ] erreichen.