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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-04 · Heft 40 (4.10.1888) · p. Seite 627

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 40 (4.10.1888)
Date
1888-10-04
Page
Seite 627 (sequence 3)
Language
German
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627 unserer „unverfälscht nationalen" Agitatoren keine Grenzen,! und ihre Blättchen begrüßten die Thronbesteigung Kaiser Wilhelm des Zweiten als Anbruch einer „neuen Aera". Trotz aller Ablehnungen des deutschen Kaisers halten die hiesigen Antisemiten an ihrer vorgefaßten Ueberzeugung mit Zähigkeit fest, und so ist das Zusammengehen der beiden Gruppen erklärlich. Im Allgemeinen sei bemerkt, daß von nun an ein häufigeres Zusammengehen derselben zu gewärtigen ist. Einzeln können sie ihren „Actionen" keinen Nachdruck verleihen, und demzufolge scheinen sie es mit einem gemeinsamen Auftreten von Fall zu Fall versuchen zu wollen. Dies erhellt auch schon aus der Thatsache, daß beide Gruppen gemeinschaftliche Anstrengungen zur Gründung eines täglichen Blattes machen, welches in erster Linie „christlich" und erst dann „national" sein soll. Dieses „deutsche" oder „christliche" Tagblatt würde, wenn die Geldsammlungen im Gegensätze zu allen früheren Versuchen von Erfolg gekrönt wären, schon in allernächster Zeit zu erscheinen beginnen. Ein Zusammengehen der Wiener „Demokraten" und der Nationalen von der Richtung Sckönerer's im Abgeordnetenhause dürfte nicht zu Stande kommen, weil die Herren Pattai, Kreuzig u. s. w. auf ihre Wähler Rücksicht nehmen müssen, die wohl antisemitisch, aber nicht „unverfälscht national" vertreten sein wollen." Das ist ja schon längst bekannt und durch Thatsachen bewahrheitet, daß sich der österreichische Antisemitismus in das Gewand der exclusiven deutschen Nationalität gekleidet und auf diese Weise viele vermeintlich deutsch Gesinnte an sich gezogen hat. Es ist nun offenbar — was wir nicht zu beklagen haben — daß sie sich als Feinde der österreichischen Staatsidee bekundet haben, so daß jeder österreichische Deutsche sich dahin entscheiden muß, ob er in seinem nationalen Wahne zu dieser Clique gehören, oder als echter Deutsch-Oesterreicher dem österreichischen Staate treu bleiben wolle, und zwar gerade um das Deutschthum in Oesterreich hoch zu Hallen und vor dem Ansturm der übrigen Nationalitäten zu schützen. Jetzt aber schließen die sog. Demokraten sich der gedachten Partei an, verbinden sich mit ihr zu gemeinsamen Vorgehen. Ruft dies nun auch den entschiedenen Widerstand der Staatsregierung und aller gut gesinnten Oesterreicher um so mehr auf, so wächst doch immerhin die Kraft dieser antisemitisch - demokratischen Partei und könnte bei Wahlen eine größere Zahl ihrer Anhänger als bisher in die parlanrentarischen Körperschaften bringen. Wir müssen deshalb dem weiteren Gange unsere Aufmerksamkeit schenken. Ä.US der vergleichenden Religionswissenschaft. in. Wir können nicht umhin, es gewissermaßen auffällig zu finden, daß die neueren jüdischen Theologen den Islam, sein Wesen, seine Tendenzen und seine Ausgestaltung nur höchst selten zum Gegenstände ihrer Arbeiten machen. Er verdient dies nicht, theils weil er ja ebenso wie das Christenthum aus dem Boden des Judenthums erwachsen ist, theils weil sich ein sehr wichtiger Theil unseres nachtalmudischen Schriftthums unter der Einwirkung des Islams gebildet hat, uiib nicht wenige unserer Geistesheroen jener Periode mitten in der islamitischen Kultur und Literatur standen, sich auch der arabischen Sprache bedienten, wenn auch in hebräischer Quadratschrift. Es scheint uns nothwendig, neben dem Verhältniß, in welchem wir zum Christenthum und seiner Entwickelung stehen, auch das zum Islam, oder des Islams zum Judenthume zu eruiren und klarzulegen. Wir werden da auf Erscheinungen stoßen, die in den beiden Töchterreligionen viele Aehnlichkeiten miteinander aufweisen. Wir gestatten uns daher im Laufe dieser Artikel heute einige Blicke auf den Islam zu werfen, besonders auf die Grundlage desselben, den Koran Mohameds. — Der Koran ist ebenso wenig wie das Alte und das Neue Testament ein systematisches Lehrbuch. Verschieden von diesen aber, ist er eine Sammlung einzelner, von Mohamed bictirter —- denn er konnte weder lesen noch schreiben — Schriftstücke, ohne Zusammenhang, ohne einen sichtbaren Faden. Er dictirte sie, wie ihm die Begeisterung kam und wie er sie für die augenblickliche Lage erforderlich dachte. Eine der wichtigsten Suren ist die zweite, recht umfangreiche. In ihr sprach er nicht allein die Grundzüge seiner Gotteslehre und seiner sittlichen Ueberzeugung aus, sondern erging sich auch über einzelne Bestimmungen, die er als Gesetz angesehen wissen wollte, wie Speisegesetz. Feste, Fasten, Eherecht, besonders Ehescheidungen. Uns interessirt heute namentlich, was er über seinen Gottesbegriff, über Nächstenliebe und Gerechtigkeit in dieser Sure aussagt. Allerdings ist er sich hierin, namentlich hinsichtlich des Verhältnisses seiner Anhänger zur übrigen Menschheit, nicht treu geblieben. Aber die Grundzüge des Islams können wir doch aus dem gedachten Schriftstück herauslösen. Mohamed war ein gährender, man verzeihe den Ausdruck, sprudelnder Geist, der als echter Orientale eine starke Einbildungskraft mit politischer Selbstsucht und Leidenschaftlichkeit verband. Logische Folge, consequentes Denken und kunstgemäße Darstellung lagen ihm durchaus fern. Seine Rede wallt deshalb auf und nieder, und springt von einem Object zum anderen, jedoch immer mit einem festen Ziele im Auge. Sein Gedankenkreis ist eng, und er wiederholt deshalb sehr oft dieselbe Idee. Doch kam.neu uni nun zur Betrachtung dieser 40*

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