Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
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626 energischen Aeußeruugen gegen diesen aus dem Grunde seiner Seele gekommen. Auch hierin bietet er der Mit- und Nachwelt ein leuchtendes Borbild. — — Man kann es sich nicht verhehlen, daß der Antisemitismus in Wien und Umgegend viel stärkere und ausgedehntere Wurzeln gefaßt hat als in Berlin und Deutschland. Hier ist er in der That zu einem bloßen Wahlmanöver ein geschrumpft, das stets, wenn eine Wahl bevorsteht, sich in einer kleinen Partei abspielt, während die conservative Partei, von welcher wenigstens ein Theil antisemitisch gesinnt ist, sich dessen vor einer Wahl zu entäußern sucht, so daß sich die Radauantisemiten von ihr trennen und eigene Candidaten für sich aufstellen, die jedoch nur in einer äußerst geringen Zahl in einigen Provinzwinkeln ein Mandat ergattern. In Wien hingegen sind diese Leute stets regsam und thütig und dringen immer wieder in die Oeffentlichkeit vor, um nicht in Bergessenheit zu gerathen und ihren Anhang nicht zu verlieren. Es liegen hierfür zwei Vorfälle vor, von welchen der zweite nicht bedeutungslos ist. Mau berichtet aus Wien vom 22. September: „In der heutigen Sitzung des niederösterreichischen Landtages beantwortete der Statthalter die Interpellation der Antisemiten wegen angeblicher Uebergriffe der politischen Behörde in Zwettl und des Polizeibezirkes Wien am Tage des Strafantritts Schönerers und erklärte, das Einschreiten der Behörden sei unvermeidlich gewesen, weil man versuchte, eine Verherrlichung einer wegen Verbrechens verurtheilten Persönlichkeit durch Demonstrationen m den Gassen zu insceniren. Solche Exzesse könnten nirgends, am wenigsten in dem Staatswesen Oesterreichs geduldet werden, dessen Bevölkerung sich in privaten, wie insbesondere in öffentlichen Angelegenheiten im Allgemeinen von einem ausgebildeten Rechtssinne leiten lasse. Die Behörden hätten nur ihre Pflicht gethan; sie würden Tadel verdient haben, wenn sie nicht eingeschritten wären und sie würden auch künftig allen derartigen Demonstrationen mit gleicher und wenn nöthia sogar mit noch größerer Strenge eutgegeutreten, weil die Regierung entschlossen sei, solche übermüthigen Umtriebe nicht zu dulden. Eine besondere Verfügung anläßlich der Interpellation zu treffe», liege kein Anlaß vor, weil keine Beschwerde wegen Uebergriffe der Sicherheitsorgane au jenem Tage bei der Statthalterei eingebracht sei; andernfalls würde eine strenge, unparteiische Untersuchung und Ahndung die Folge gewesen sein." Hiermit waren die Antisemiten aufs Haupt geschlagen. Wenn sie gedachten, mit einem Haufen Janhagel der Behörde und der Rechtspflege Hohn sprechen zu dürfen und diesen ersten Versuch zu weiteren Störungen des öffentlichen Friedens benutzen zu können, so sind sie gründlich eines Besseren belehrt worden und wissen nun, daß ihren Ausschreitungen von Seiten der Regierullgsorgaue ein entschiedener Widerstand geleistet werde. — Der zweite Vorfall zeichnet sich am klarsten in folgender Correspondenz der „Boss. Z." ab: „In den hiesigen politischen Kreisen hat es unliebsames Aufsehen gemacht, daß die demokratisch-antisemitische Fraction des Gemeinderathes und die national-antisemitische Gruppe des niederösterreichischen Landtages in bisher nicht wahrgenommener Uebereinstimmung in diesen beiden Körperschaften Anträge stellten, welche eine corporative Betheiligung an dem Empfange des deutschen Kaisers bezweckten. Die allgemeine Verstimmung, welche diese fast gleichlautenden Anträge hervorgerufen haben, richtet ihre Spitze selbstverständlich weder gegen das Deutsche Reich, noch gegen die Person seines Herrschers, und entspringt einzig und allein nur der genauen Kenntniß dessen, was die Antragsteller im Sinne führen. Schon die Begründung der beiden Anträge zeigt deutlich, daß es sich um die Bethätigung eines Programmpunktes handelt, welcher von Schönerer vertreten wird und ungescheut die Unterordnung Oesterreichs in politischer wie wirthschaftlicher Beziehung unter Deutschland, einen Anschluß bis zum völligen Aufgeben der staatlichen Autorität fordert. Diese beiden Anträge setzten die Vorsitzenden des Gemeinderathes und des Landtages in größte Verlegenheit, indessen fanden sowohl Bürgermeister Uhl wie Landmarschall Graf Kinsky schließlich doch die Geistesgegenwart, Aufsehen zu vermeiden, sofortige Polemiken zu verhindern und die Schriftstücke schon bestehenden Ausschüssen zuzuweisen. Es wird wohl nicht verhindert werden können, daß es in den betreffenden Ausschüssen oder auch in der Vollversammlung zu unerquicklichen Debatten kommt, aber die Anträge selbst werden die ihnen gebührende Zurechtweisung erfahren, da es sick nicht um eine harmlose Ovation für den deutschen Herrscher, sondern nur um eine staatsfeindliche Demonstration handelt. Die Wiener Presse hat vielleicht des Guten zu viel gethan, indem sie das Treiben der vereinigten Antisemiten national-extremer und wienerisch-demokratischer Richtung in großen Leitartikeln ernst und breit besprochen hat. Das ist es ja, was die Herrschaften wollen; sie möchten Sensation machen und ihre Bedeutung erhöhen. Einige kurze verächtliche Bemerkungen hätten da wohl genügt, um den Standpunkt der Stadt Wien zu kennzeichnen gegenüber dem Auslande. Es ist eine auffallende Erscheinung, daß die demokratischen und die nationalen Elemente in dieser Frage eng verbunden mit einander vorgingen. Das Programm der wienerischen Antisemiten ist staatsfeindlich. Der einzige Berührungspunkt zwischen diesen beiden Gruppen ist der Antisemitismus, und gerade dieser Punkt war es, welcher diese sonst getrennt marschirenden Elemente zusammenführte. Seitdem sich die Berliner Antisemiten an die Person ihres Herrschers heranwagteu und demselben antiliberale und antisemitische Ueberzeugungen unterschoben, kannte der Enthusiasmus