Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1888)
- Date
- 1888-09-27
- Page
- Seite 622 (sequence 14)
- Language
- German
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622 tct wurde. Omar durchwandelte mehrere Stadttheile, wobei er den Patriarchen bei der Hand nahm und sich vertraulich mit ihm unterhielt. Als die Stunde des Gebets gekommen war, Zog er sich auf die Stufen des orientalischen Porticus der Constantinkirche zurück, da er fürchtete, daß wenn er in der Kirche selbst bete, sich die Muselmänner derselben bemächtigen würden, um daraus eine Moschee zu machen." — Anders im Jahre 1009. In den verflossenen fünftehalb Jahrhunderten hatten sich in der mohamedanischen wie in der christlichen Welt die Sitten verwildert. Die Araber waren in jener aus der Vorherrschaft verdrängt. Barbarische Horden, die Seldschucken, Sarazenen, endlich die Türken waren nach Vorderasien gefluthet und hatten die Herrschaft an sich gerissen. Sie bedrückten die Christen, namentlich an den heiligen Stätten derselben und mißhandelten die Pilger. Es entwickelte sich ein Weltkampf zwischen der abendländischen Christenheit und dem morgenländischen Islam. Gewaltige Schaaren von Kreuzfahrern drangen in Syrien ein. Ihr Ziel war Jerusalem. Sie umlagerten und erstürmten die durch starke sarazenische Besatzung und die mohamedanische Bevölkerung tapfer vertheidigle Stadt. Zwei Brüder aus Flandern, Ludolf und Engelbert, überstiegen zuerst die Mauern. Wir geben die Schilderung, wie sie Friedr. v. Raumer in seiner „Geschichte der Hohenstaufen" entwirft: „Ihnen folgten aus dem oberen Stockwerke herbeieilend, Herzog Gottfried und Eustathius, sein Bruder, dann viele Ritter uub geringere Pilger. Man sprengte das Stephansthor, mit dem Rufe „Gott will es, Gott hilft uns!" stürzten die Christen unaufhaltsam in die Straßen. Unterdessen war der Graf von Toulouse an der andern Seite der Stadt, auf das äußerste bedrängt und sein Thurm so beschädigt worden, daß ihn Keiner mehr zu besteigen wagte. In diesem Augenblicke der höchsten Gefahr erhielten aber die Türken Nachricht von dem Siege des Herzogs und schnell versprachen sie dem Grafen die Uebergabe des Thurnies David gegen künftige Lösung und sicheres Geleit bis Askalon. Raimund bewilligte ihre Forderungen, erfuhr aber später wegen dieser löblichen Milde den ungerechten Tadel der Kreuzfahrer. Mit solcher Eile drangen nunmehr auch die Provenzalen in die Stadt, daß sechzehn von ihnen im Zionsthore erdrückt wurden. Unkundig der Straßen gelangte Tankred fechtend bis zur Kirche des heiligen Grabes, hörte erstaunt das „Herr erbarme dich unser!" singen, fand hier die jerusalemischen Christen versammelt und gab ihnen eine Wache zum Schutze gegen etwaige Anfälle der Sarazenen. Aber schon retteten diese sich fliehend von den Straßen in die Häuser, vor Allem an zehntausend in den Tempel und dessen von Mauern eingeschlosfenen Bezirk. Auch dahin drangen die Christen. „Alle sind Frevler und Heiligthumsschänder, kein Einziger! werde verschont!" so riefen das Volk, die Fürsten und die Geistlichen; und man metzelte, bis das Blut die Treppen des Tempels hinabfloß, bis der Dunst der Leichname selbst die Sieger betäubte und forttrieb. Doch bemächtigten sie sich vorher mit gieriger Hast der großen Tempelschätze, welche einen dauernden Reichthum hätten begründen können, wenn gewaltsamen Erwerbern die Geschicklichkeit des Erhaltens nicht allemal, zur Strafe ihrer Frevel, versagt wäre. Von dem Tempel eilte man zur Synagoge, wohin sich die Juden gerettet hatten; sie wurden verbrannt. Aufgehäuft lagen jetzt die Leichen selbst in den abgelegensten Straßen, schrecklich war das Geschrei der Verwundeten, furchtbar der Anblick der einzelnen, zerstreut umher geworfenen menschlichen Glieder; dennoch kehrte höhere Besinnung noch immer nicht zurück! Es war schon früher, zur Mehrung der Grausamkeit und des Eigennutzes, der Grundsatz angenommen und vor der Eroberung Jerusalems nochmals ausdrücklich bestätigt worden, daß Jeder eigenthümlich behalten sollte, was er in Besitz nähme. Deshalb theilten sich die Kreuzfahrer nach Auseinandersprengung der größeren Massen ihrer Feinde in einzelne kleinere Raubhorden. Kein Haus blieb unerbrochen, Greise und Weiber, Hausgesinde und Kinder wurden nicht blos getödlet, sondern mit wilder Grausamkeit verhöhnt oder gemartert. Man zwang Einige von den Thürmen hinabzuspringen; man warf Andere zu den Fenstern hinaus, daß sie mit gebrochenem Genick auf der Straße lagen; man riß die Kinder von den Brüsten der Mütter und schleuderte sie gegen die Wände oder Thürpfosten, daß das Gehirn umherspritzte; man verbrannte mehrere an langsamem Feuer; man schnitt Anderen mit wilder Gier den Leib auf, um zu sehen, ob sie nicht Gold oder andere Kostbarkeiten der Rettung wegen verschluckt hätten. Von 40,000, oder wie morgenländische Geschichtsschreiber melden, von 70,000 Sarazenen, blieben nicht so viele am Leben, als erforderlich waren, ihre Glaubensgenossen zu beerdigen. Arme Christen mußten nachher bei diesem Geschäft Hülfe leisten, und viele Leichname wurden verbrannt, theils damit sich nicht bei längerer Zögerung ansteckende Krankheiten erzeugen möchten, theils weil man hoffte, selbst in der Asche noch Kostbarkeiten zu finden. Endlich war nichts mehr zu morden und zu plündern; da reinigten sich die Pilger vom Blute, entblößten Haupt und Füße und zogen unter Lobgesängen zur Leidens- und Auferstehungskirche." Daß durch solche Vorgänge die Erbitterung zwischen den kämpfenden Parteien aufs Höchste gesteigert, und das h. Land mit Leichen und Trümmern bedeckt ward, so daß es einem gewaltigen Kirchhofe glich und zur Wüste ward, ist einsichtlich. Die Türken insonders waren es, welche mit fanatischer Wuth gegen alle Andersgläubigen vorgingen und ein Gegenbild von der oben geschilderten Erstürmung Jerusalems