Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1888)
- Date
- 1888-09-27
- Page
- Seite 619 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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619 Rußland. Lodz, 23. September. (Pnvatmitth.) Die vor Kurzen! erlassenen Vorschriften über die Chedarim, d. i. die hiesigen jüdischen Confessionsschulen, die wir in unserer letzten Correspondenz mittheilten, haben die entgegengesetztesten Empfindungen bei unfern Glaubensgenossen in Polen hervorgerufen. Die sog. Aufgeklärten sehen darin die Abschaffung großer Mißbräuche, während die Orthodoxen und Chassidim voll Schreckens sind und den Anfang des Endes darin erblicken. Jene glauben, daß damit endlich die ersten Lichtstrahlen in das traurige Erziehungswesen der polnischen Judenheit einziehen und Zur Beseitigung des chassidischen Aberglaubens dienen werden; die Orthodoxen hingegen sehen in dieser, doch so bescheidenen Reform des Unterrichts den Untergang des alten Judenthums. Sie und die Chassidim, ihre „Wunderrabbis" an der Spitze, arbeiten mit aller Energie, diese min nrra in ihrem Keime zu ersticken und sie nur als Vorschläge gelten zu lassen. Ihnen zur Seite stehen die Melamdim selbst, theils weil sie irgend eine Prüfung befürchten, theils weil sie besorgt sind, daß die Schulen nunmehr von litthauischen Melamdim besetzt würden. Allein diesmal scheint ihnen ihr Vorhaben nicht zu gelingen, was daraus hervorgeht, daß in hiesiger Stadt und Umgegend, wie in Raluta, Zgiersz, Orerkar, Lask u. a. nt. die Chedarim geschlossen worden sind. Allerdings droht dadurch den Melamdim der Verlust ihres bisherigen Erwerbes. Dagegen ist das Lamentiren der Orthodoxen ganz ungerechtfertigt, da in den gedachten Vorschriften nichts enthalten ist, was unserer religiösen Lehre entgegen wäre. Vielleicht etwa die ersten Punkte derselben, welche lauten: 2) Die Person, welche Melamed werden will, muß ein von der Obrigkeit bestätigtes Zeugniß des Rabbiners über die Kenntniß der hebräischen Sprache und Religionslehre besitzen; 3) ferner, ein Zeugniß der gerichtlichen Unbescholtenheit und guter Aufführung; 4) wie auch ein Protokoll der zuständigen Commission über die Tauglichkeit des Schullokals in sanitärer und hygienischer Beziehung. — Sollten etwa diese Punkte ihnen Anlaß zum Lamentiren gegeben haben? Sollten etwa diese Punkte, welche wahrlich Angesichts vieler gegenwärtig in Polen unterrichtender Melamdim, denen es weder ein vom Rabbiner, noch von der Polizei bestätigtes Zeugniß zu erlangen möglich ist, höchst wünschenswerth sind, sollten sie etwa ihnen diese Hartnäckigkeit, die sie jetzt zeigen, eingeimpft haben? Oder etwa die Anordnung, in Folge welcher Kinder vor fünf Jahren keine Schule besuchen dürfen? Aber diese entspricht ja vollkommen unserer Lehre!l) Und was nun ferner den auf 1) Diese Vorschrift entspricht zwar nur dem Jore deah des Joseph Karo, wo er in Hilchoth Melamdem n, hdV'D sagt: CTD'ODD zwei Stunden täglich festgesetzten Unterricht in der russischen Sprache anbelangt, so dürste diese Anordnung zur künftigen Verbesserung der Lage der Juden in Polen beitragen und die Mauer niederreißen, die unsere Voreltern um sich gezogen, und die trotz der großen Mühe und Anstrengung hochherziger, edler Personen, dieselbe zu entfernen, bis auf den heutigen Tag fortbesteht. Und so hoffen wir, daß diese Vorschriften nicht wenig zur Aufhellung des polnischen Judenthums beitragen werden; und wahrlich ist es Zeit, daß die Mauer, die der Fanatismus aufgebaut, von unserer Seite so weit wie möglich niedergerissen werde; daß es sich wieder geistig bei unsren polnischen Glaubensgenossen zu rühren beginne; daß auch sie endlich einsehen, daß ein Judenthum im chassidisch en oder streng orthodoxen Sinne in der Gegenwart pure Unmöglichkeit ist, und mögen sie nun anfangen, den gerechten Forderungen gerecht zu werden. Wir verlangen vorläufig keine Reform in das polnische Judenthum einzuführen, aber wir wollen mit aller Kraft danach streben, daß die Bildung auch unter den polnischen Juden heimisch werde; daß auch sie europäische Kleidung anziehen und alles Wissen in sich aufnehmen, was nicht dem echten, reinen Judaismus zuwider ist! Werfet ab, ihr polnischen Juden, die Borurtheile, macht euch frei von dem Fanatismus und Aberglauben, schafft ab das Sektenwesen! Zeigt euch als Menschen, und man wird euch als Menschen achten! — Hiervon scheint man aber noch weit entfernt zu sein, denn man hat wegen dieser Vorschriften ein Taanith ausgeschrieben und — allgemein gefastet! — Bonn, 30. Septbr. (Notizen). Am 2. Sept. wurde der ueuerwählte Rabbiner von St. Etienne, Herr Moses Netter, mit feierlichem Gottesdienst in sein Amt eingeführt. Sein Vorgänger, Herr Schuhl, ist Groß-Rabbiner von Vesoul geworden. Der Präfekt, der Bürgermeister, die Gerichtsherren ff. wohnten der Ceremonie bei. Der Groß-Rabbiner von Lyon, Herr Levy, leitete die Feierlichkeit. — Aus Wien wird gemeldet: I)r. Zuckerkandl, bisher ordentlicher Professor der Anatomie in Graz, wurde in gleicher Eigenschaft an die Wiener Universität berufen. — In Graz verschied den 12. b. M. der Docent der Musik an der Budapester Universität Dr. Max Schütz, der Sohn des Religionslehrers M. Schütz in Pest, im Alter von 36 Jahren. — Man schreibt uns aus Graz vom 14. Sept.: Gestern Nachmittags hat hier das Begräbniß des Herrn Df. Max Schütz stattgestm- .P'n □'D';dd ptf rnnD2> mpu'nn Dagegen aber fällt die von dem Talmud, siehe Baba-bathra 21, 1, festgesetzte Zeit ans 6 Jahre. Es heißt dort: 'i pD piiN Und in dem- .fepn xb rrw ny rbw 12 31 bux .r selben Sinne schreibt Maimonides in seinem Jad-Hachesaka: :imN vn 'i pD mnDi zn 2‘d n"n rro^n Derselben Ansicht sind die meisten Autoritäten. 39*