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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-27 · Heft 39 (27.9.1888) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 39 (27.9.1888)
Date
1888-09-27
Page
Seite 618 (sequence 10)
Language
German
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618 gebung, an welcher der größte Theil der hiesigen Einwohnerschaft theilnahm. Vom Trauerhanse bis zu dem nahezu eine halbe Stunde entfernten alten israelitischen Friedhofe, waren die Straßen polizeilich abgesperrt. Sogar die Trambahn hatte ihren Dienst eingestellt. Aus beiden Seiten der Straßen bildeten viele Tausende Spalier. Um 1 Uhr begann die Todten-Feier. Der große Festsaal des Simon'schen Hauses war in eine Trauerhalle umgestaltet. Der einfache Sarg war mit Hunderten von Blumenspenden überdeckt. Anwesend waren der Oberpräsident und die übrigen hohen Civil- und Militärbeamten, die Bürgermeister, die Vorsteherschaft der Kaufleute, Vertreter vieler Corporationen, zahlreiche Freunde von auswärts u. s. w. In einer kurzen markigen Rede schilderte der Rabbiner vr. Bamberger die großen Verdienste des Verstorbenen um die Provinz und die Stadt Königsberg, die sein Andenken für alle Zeiten hoch halten würden. Nach einem Chorgesang setzte sich bald der Trauerzug in Bewegung. Dem einfachen Leichenwagen voran fuhren vier große, mit Blumen und Kränzen überladene Wagen. Die Zahl der folgenden Leidtragenden war eine endlose. Auf dem Friedhofe hielt Dr. Bamberger abermals eine kurze Ansprache, worauf der Sarg unter Gesang in die schöne Familiengruft beigesetzt wurde, welche der Verstorbene — gewissermaßen in Vorahnung seines nahen Todes — kürzlich hatte Herstellen lassen. Mehr als 300 der prachtvollsten Kränze und andere Blumenspenden wurden auf das Grab niedergelegt. Die Theilnahme an dem raschen Hinscheiden des in Ostpreußen hochverehrten Mannes ist eine allgemeine. Wie man sich erzählt, hat Moritz Simon iu seinem Testamente gegen 1*/-2 Millionen Mark zu wohlthätigen und gemeinnützigen Stiftungen ausgesetzt. (Frkf. Z.) Oesterreich-Ungarn. Pest, 16. Sept. (Privatmitth.) Im Schuljahre 1886/87 betrug in Niederösterreich die Zahl der volksschulpflichtigen conscribirten Kinder 270,851. Davon waren der Confession nach 259,738 katholisch, 1517 protestantisch, 4642 jüdisch und 43 confessionslos. Im Schuljahre 1886/87 gab es in der Hauptstadt Ungarns 60,179 schulpflichtige Kinder (im Alter von 6 bis 15 Jahren). Von denselben genossen 11,900 keinen Schulunterricht. Der Religion nach waren von den schulbesuchenden Kindern 29,662 römisch-katholisch, 45 griechisch-katholisch, 174 griechisch-orientalisch, 17 nnitarisch, 5054 protestantisch und 13,324 jüdisch. Hieraus geht hervor, daß von der israelitischen Jugend nur sehr wenige Kinder die Schule nicht besuchen. Frankreich. Paris, 17. Sept. (Privatmitth.) Gestern verschied in j Montmorency der Großrabbiner von Frankreich, Hr. Lazare! lIsidor. Er hat ein Alter von 75 Jahren erreicht und 'war seit Jahren sehr leidend; weshalb er auch jährlich verschiedene deutsche Bäder besuchte. Während der Amtszeit seines Vorgängers, des sel. Ulmann, war er Großrabbiner von Paris. Er zeichnete sich durch seine Fürsorge für das Schulwesen und für alle wohlthätigen Bestrebungen aus. ' Schlicht und einfach, von wahrhaft religiösen und Menschen« freundlichen Gefühlen beseelt, war auch seine Rede stets klar und warm, jedoch ohne Schwung und künstlerische Form.; So füllte er in der Reihe der Großrabbiner von Frankreich - seit dem Ritter Colonna eine würdige Stelle aus. - Paris, 18. Sept. Morgen wird der Großrabbiner von Frankreich, Lazarus Isidor, Officier der Ehrenlegion, der! vorgestern im Alter von 75 Jahren in Montmorency geworben ist, auf dem Ptzre-Lachaise beerdigt werden. Die ' jüdischen Gemeinden der ganzen Republik werden zur Beisetzung dieses verdienstvollen Mannes Delegirte senden, und man erzählt sich, daß das Leichengefolge, welches den Papst der jüdischen Kirche in Frankreich auf seinem letzten Gange begleiten soll, so zahlreich sein wird, wie wenige andere,! welche nach dem Riesenkirchhofe pilgerten. Lazarus Isidor; wurde im Jahre 1813 im Elsaß geboren und besuchte die > Schule in Metz. Mit 24 Jahren wurde er Rabbiner von 'Pfalzburg. Im Jahre 1847 wurde er von den Delegirten der Consistorien zum Graßrabbiner von Paris erwählt, im Jahre 1866 nach dem Tode des Großrabbiners Salomon Ulmann wurde er Großrabbiner des Centralconsistoriums von Frankreich. In seiner 22jährigen Leitung der jüdischen Gemeinden Frankreichs hat er eine große Reihe von Wohlthätigkeitsanstallen ins Leben gerufen und mit wahrem Liberalismus und großer Hochherzigkeit seines Amtes gewaltet. Freilich hatte er nicht mit so großen Hindernissen zu kämpfen, wie sie ein Mann iu seiner Stellung bei unseren heutigen Zuständen in Deutschland zu überwinden haben würde. Alle Gesellschaftskreise, auch die bigottesten Katholiken des Faubourg Saint-Germain rechneten es sich zur Ehre, ihn als Gast begrüßen zu können. In den letzten Tagen des Kaiserreichs ernannte ihn Napoleon III. zum Senator. Er that dies in Folge eines Beschlusses des Ministerrathes, der bestimmte, daß fortan der Großrabbiner von Frankreich wie der Erzbischof von Paris ein hierarchisches Recht auf einen Sessel im Senat haben solle. Dieser Beschluß erlangte natürlich nach der Begründung der Republik keine Gesetzeskraft. Aber der Großrabbiner von Frankreich fand in der allgemeinen Achtung, die man ihm überall entgegenbrachte, reichliche Entschädigung. In der Synagoge in der Rue de la Victoire wird morgen um 10 Uhr ein Trauergottesdienst abgehalten werden, bei welchem der Großrabbiner von Paris, Zadoc Kahn, eine Gedächtnißrede halten wird. Der Letztere wird als Nachfolger des Verstorbenen genannt.

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