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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-27 · Heft 39 (27.9.1888) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 39 (27.9.1888)
Date
1888-09-27
Page
Seite 617 (sequence 9)
Language
German
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617 scheint. Er hebt als das Hinderniß, einen Ausgleich zwischen Judenthum und Christenthum herzustellen, die Zerissenheit der christlichen Welt in so viele Kirchen und Secten hervor, von denen jede sich im alleinigen Besitz der Wahrheit dünkt. Seine Schlußsätze lauten folgendermaßen: „Mit der scharfen Ausbildung der confessionellen Gegensätze sind wir jetzt in eine rückläufige Bewegung hineingerathen, deren Anfänge allerdings schon in der alten Konzilientheologie liegen. Israel soll uns lehren, den Einfluß der griechischen Philosophie aus unserer Dogmenbildung zu entfernen und auf dem Grunde der biblischen Geschichte das gemeinsam-Christliche zu suchen mit echter Toleranz gegen abweichende Formulirungen. Vergessen wir doch nicht, daß der Materialismus der Hauptfeind ist, den wir zu bekämpfen haben, den wir aber nicht besiegen können, wenn wir uns.in schroffen Gegensatz gegen alle Bildungselemente unserer Zeit stellen. Da bieten sich uns nun aber zwei Bundesgenossen an, die Semiten und Buddhisten. Können wir zweifelhaft sein, welchen wir wählen? Es ist eine Lebensfrage für das Christenthum, mit dem gebildeten Judenthum Fühlung zu behalten. Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung ein längerer Aufsatz in der „Revue des deux Mondes“: Le Bouddhisme en Occident im Heft vom 15. Juli, S. 341—372. Da finden )id) ausführliche Mittheilungen über die 1872 gegründete „theosophische Gesellschaft", die ihre Hauptsitze in New-Aork und Madras hat, sich aber jetzt über ganz Europa ausbreitet. Auch diese Gesellschaft steht in diametralem Gegensatz zum Materialismus, indem sie „Wahrheit und Liebe" zu ihrem Wahlspruch macht, aber auch zur „semitischen Welt", von deren „persönlichem Gott" sie sich lossagt. Dieser Glaube aber eben wie die Idee der Vorsehung wurzeln im Alten Testament. So haben wir Veranlassung genug, die Wahrheitsmomente in derjenigen jüdischen Theologie aufzusuchen, die nicht mehr durch Rabbinische Traditionen behindert und deswegen auch geneigt ist, alte Vorurtheile gßgen das Neue Testament aufzugeben. Ueberdies sind ja der starre Monotheismus und die einseitige Betonung der Transcendenz bei den Juden durch den Einfluß der Spinozistischen Philosophie gebrochen. — Das Zusammenwohnen mit den Juden stellt an uns die immer wieder sich erneuernde Gewissensfrage, ob nicht die Grundideen des Christenthums, Wahrheit und Liebe (und sie sind es trotz der theosophischen Gesellschaft) durch Confessionalismus und Dogmatismus beeinträchtigt werden, ob nicht immer wieder der Mehltau eines bloßen Führwahrhaltens sich über den echt lutherischen Glaubensbegriff ausbreitet und die Ursache wird, daß die Liebe bei vielen erkaltet. Wichtiger als die Lehre ist aber immer das Leben; wenn die Christen christlich leben, hört die Judenfrage von selbst auf." — Von diesen Sätzen fällt uns nur die Phrase auf: „Ueberdies sind ja der starre Monotheismus und die einseitige Betonung der Transscendenz bei den Juden durch den Einfluß der Spinozistischen Philosophie gebrochen." Dies kann der Verfasser doch nur von seinem Studirtische aus gesagt haben. Auf Judenthum und Juden hat die Spinozistische Philosophie keinen Einfluß geübt, so wenig wie einst die Philonische. Die Masse versteht davon nichts und für die gelehrten Theologen ist der Spinozismus, theils weil er der Grundanschauung des Judenthums widerspricht, theils weil er durch die Weiterentwickelung der Philosophie überwunden ist, nichts als eine bedeutende philosophische Phase, die in der Geschichte des philosophischen Denkens eine hervorragende Stelle einnimmt, aber einen entscheidenden Character vom gegenwärtigen Standpunkt ans so wenig besitzt wie ihre Vorgängerinnen und Nachfolgerinnen. Wahrscheinlich hat sich Herr Gerber durch einige spinozistische Anwaudlungen Auerbachs in mehreren seiner größeren Romanen verleiten lassen, auf einen „Bruch" durch den Spinozismus bei den Juden zu folgern. Ein integrirendes Element war der letztere auch > in Auerbachs Wesen nicht, wozu dessen ganze Persönlichkeit auch gar nicht eignete. Neuere jüdische Schriftsteller machen gern aus Spinoza einen aufrichtigen Juden, nicht aber aus diesem einen Spinozisten. Königsberg, 16. September. Der kürzlich hier ver-! storbene Geh. Eommerzienrath Simon hat der „K. H. Ztg."! zufolge in seinem Testamente nachstehende Legate ausgesetzt: 1) der Stadt Königsberg 500,000 Mk., und zwar 100,000 Mk. für das Siechenhaus, 300,000Mk. zu dauernden Wohlthätigkeitsanstalten und 100,000 Mk. für Kunstinstitute, 2) der jüdischen Gemeinde 200,000 Mk., 3) dem israelitischen Waisenhause 100,000 Mk., 4) der israelitischen wohlthätigen Gesellschaft 30,000 Mk., dem israelitischen Unterstützungsverein 10,000 Mk., dem israelitischen Begräbnißverein 10,000 Mk., der israelitischeu weiblichen Armenpflege 10,000 Mk., dem israelitischen Wöchnerinnenverein 10,000 Mk., 5) dem Vorsteheramt der Kaufmannschaft a. zu einer Moritz Simon-Stiftung 100,000 Mk., b. zur confessionslosen Stiftung 10,000 Mk., 6) dem Krankenhause der Barherzigkeit 15.000 Mk., 7) dem Blindeninstitut 15,000 Mk., 8) dem Taubstummeninstitut 15,000 Mk., 9) a. der Epileptischen Anstalt 5000 Mk., b. der Arbeiterkolonie Carlshof 5000 Mk., 10) dem Armenunterstützungsverein 5000 Mk.,.ll) dem Hilfsverein für städtische Armenpflege 5000 Mk., 12) der Universität 10,000 Mk., 13) den Königsberger Gymnasien 10,000 Mk., 14) den Mittel- und Volksschulen zu gleichen Theilen 20,000 Mk., 15) dem Verein für verschämte Arme 5000 Mk. Königsberg i. Pr., 16. Septbr. Die Beerdigung des Geheimen Commerzienrathes Moritz Simon, welche heute Mittag stattfand, gestaltete sich zu einer öffentlichen Kund- 39

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