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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-27 · Heft 39 (27.9.1888) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 39 (27.9.1888)
Date
1888-09-27
Page
Seite 616 (sequence 8)
Language
German
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616 diesem Anlaß war auch Rabbiner Dr. Perles erschienen und betonte in seiner Ansprache, daß sich der Jubilar durch sein Wirken im Geiste des Friedens und der Versöhnlichkeit über die Kreise der kaiholischen Gläubigen hinaus Verehrung erworben habe. Der Erzbischof dankte aufs Freundlichste, sprach von seinem regen Interesse für hebräische Sprache und Literatur, von der Zusammengehörigkeit des Judenthums und Christenthums und schloß mit den Worten: „Unsere Meister und Lehrer waren ja Israeliten, und so lassen Sie uns denn auch ferner in Frieden Zusammengehen." Köln, 18. Septbr. (Privatmitth.) Mit Befriedigung refcriren wir über den höchst günstigen Fortgang, welchen der von Rabb. Dr. Wedelt in Düsseldorf begründete und mit so vieler Bemühung und Ausdauer in die Höhe gebrachte „Verein zur Beförderung der Handwerke unter den Juden" nimmt, der bereits über 70 Lehrlinge nnterstützt und leitet, z. B. auch zur Fortbildungsschule anhält. Hier in Köln, wo der Vorsitzende des Gcmeindevorstaudes de Jong auch Mitglied des Vereinsausschusses ist, zählen wir bereits über 200 Mitglieder, sodaß dem Vereine von hier jährlich über 1700 Mark zufließcn. Jüngst waren auch die Herren Wedell und de Jong in Bonn, um mit Hilfe des Rechtsanwalt Levi einen Zweigverein zu gründen, was ihnen auch gelang. Wir halten die Bildung solcher Zweigvereine in kleineren Gemeinden mit dem Anschluß an einen Centralverein für sehr nützlich. Solchen kleinen Vereinen fehlen oft Mittel, Lehrmeister und Lehrlinge, und sie gehen darüber ihrem Verfall entgegen. Im Anschluß an einen Centralverein fällt dies hinweg, da sowohl die Verwendung ihrer Mittel als auch die Gelegenheit hierfür durch den Hauptverein geboten wird. Es ist eigenthümlich, daß die Idee der Vereinigung der Gemeinden einer ganzen Provinz zu gemeinsamen Zwecken noch immer wenig zur Ausführung kommt und schon deshalb ist das hier gegebene Beispiel von Nutzen. Aus Schlesien, 16. Sept. (Privatmitth.) In einer Zeit, in welcher eine gewisse Classe von Menschen, für die mir die wahre Bezeichnung fehlt, wieder einmal ihr Haupt erhebt und alles verdrängen möchte, was nicht in ihren Kram paßt, ist es besonders wohlthuend, von jeder Handlung Notiz zu nehmen, aus welcher hervorgeht, daß der Geist des Menschen trotz der Hemmschuhe, die ihm aufgezwängt werden, doch immer vorwärts geht, daß die Guten und Edlen geräuschlos wirken und nicht aussterben. Ich bin gewiß, wenn es keine Hetzer gäbe, wenn nicht die mit Stöcken, mit Hammer und mit Stein und mit einer guten Zunge bewaffneten Volksbeglücker wären, die die Menge durch die Macht ihrer Beredsamkeit mit fortreißen und ihr den Himmel auf Erden versprechen, wenn diese oder jene Menschenclasse nicht existirte, daß wir zu keiner Zeit eine Religionsverfolgung haben würden. — Was ich Ihnen eigentlich mitzutheilen habe, ist in wenigen Worten gesagt: Ein jüdischer Kaufmann aus der Hauptstadt hat seinen schwächlichen Sohn einem Pastor in der Nähe von Breslau zur Erziehung gegeben. Jetzt ist der Knabe 12 Jahr alt und der humane Purster hat die Elteni desselben aufgefordert, ihrem Sohne jüdischen Unterricht ertheilen zu lassen. — Ich habe diese Nachricht nicht von bloßem Hörensagen, sondern von der Mutter des Knaben selbst, welche mit ihrer Freundin, der Frau Pastor, mich besuchte, um mich darüber zu Rathe zu ziehen, und da man sich die Religion nicht durch bloßen Unterricht aneignen kann und dieselbe vielmehr anerzogen werden muß, habe ich ihr gerathen, den Knaben in eine jüdische Erziehungsanstalt zu geben, welches beide Damen auch für richtig fanden. Ein angenehmes Seitenstück zu dem Obigen, welches allerdings nicht zu den Seltenheiten gehört, ist die Nachricht aus Königshütte, wo Vorbereitungen getroffen werden, um dem Fürstbischof von Schlesien einen glänzenden Empfang zu bereiten. Die dortige Synagogengemcinde hat dem katholischen Pfarramt als Beihülfe zur Bestreitung der Ausschmückungskoste, > die Summe von 100 Mark überwiesen. M. S. Aus Schleswig-Holstein, 17. Septbr. (Privatmitth.) Es ist wie selbstverständlich, daß, nachdem die Fluth des Antisemitismus abgelaufen, immer noch einige kleine Nachwellen herankommen, d. h. der fragliche Gegegenstand nachträglich zu dieser oder jener Besprechung gelangt. So fanden wir dieser Tage einen Artikel „zur Literatur der Judenfrage", unterzeichnet Wilhelm Gerber — Schleswig-Holstein in No. 23 des in Gotha erscheinenden „Deutschen Literaturblattes". Wir wurden dabei an die harten Kämpfe erinnert, welche zu der Zeit, da noch nicht von der Gleichstellung aller Staatsangehörigen ohne Berücksichtigung der Consession, sondern erst nur von der „Verbesserung der bürgerlichen Lage der Juden", die Rede war, in den Schleswig-Holsteinschen Ständen geführt wurden, Kämpfe mit geringfügigem Erfolge, über die Steinheim in den ersten Jahrgängen dieser Zeitung ausführliche Berichte und scharfe Berichtigungen gegeben hat, heute noch lesenswcrth. Diese Zeiten sind vorüber, aber das Princip, obwohl verfassungsmäßig festgestellt, will in den Geistern noch immer nicht zur Herrschaft gelangen und erscheint immer noch Vielen fraglich und zweideutig. Der Verfasser des gedachten Artikels weiß anfangs nicht recht, ob er sich für oder gegen den Antisemitismus erklären solle. Er wählt sich aus der großen literarischen Masse, die sich über den Gegenstand angesammelt hat und bereits fast ganz zu Makulatur geworden, eine kleine Anzahl aus und charakterisirt sie. Dann äußert er Ansichten, welchen ein billiger Sinn nicht abgesprochen werden kann, und läßt sich dann weiter über das religiöse Moment aus, das ihm von der ganzen Kontroverse allein übrig bleibend

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