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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-09-27 · Heft 39 (27.9.1888) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 39 (27.9.1888)
Date
1888-09-27
Page
Seite 614 (sequence 6)
Language
German
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614 lung desselben behandelt und Religionslehre sowie Ceremonial- und Ritualgesetz je nach ihren verschiedenen Phasen in die Darstellung der Geschichte hineingebracht oder an sie angeknüpft wissen. Diese Methode erscheint uns unzulänglich, wenn nicht schädlich! Nach unserer Ansicht muß die Religionslehre, die selbstverständlich auch die Sittenlehre als Consequenz der Gotteslehre befaßt, für sich in vollem Zusammenhänge gelehrt und dem Schüler in Geist und Herz verpflanzt werden. Auf den Jüngling in unserer Zeit stürmen von allen Seiten verschiedene, ja entgegengesetzte, in sich geschlossene und systematisch behandelte Doctrinen und Dogmatiken ein, welche ihm in der ganzen Literatur, in der Wissenschaft und im Leben entgegentreten. Christenthum, Islam, Buddhismus, und nicht weniger Pantheismus und Materialismus suchen Eingang bei ihm zu finden, und diesen kann durchaus ein bloß geschichtliches Wissen keinen genügenden Widerstand entgegensetzen, vielmehr ein volles und umfassendes Bewußtsein der gesammten Lehre des Judenthums, mit einem Worte, eine ebenso zusammenhängende systematische Religionslehre. Wir befinden uns gegenwärtig in einer Lage, wie sie schon früher einige Male stattgefunden, wie sie sich stets erneute, wenn die Juden an dem allgemeinen Culturlebeu einen regen Antheil nahmen. Sie waren dann den Einwirkungen der anderen Religionen und der Philosophie ausgesetzt, wie dies auch heute der Fall ist, wo jedoch die naturwissenschaftlichen Theorien mit außergewöhnlicher Energie hinzukommen. So war es in Alexandrien, dann in der Blüthezeit der arabischen Cultur. In solchen Epochen stellte sich immer das Bedürfniß heraus, auch von Seiten des Judenthums, dessen Lehr- und Gedankeninhalt klar, umfassend, systematisch aufzustellen. Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir die Arbeiten Philo des Alexandriners, Saadia's, Maimonides' Juda Halewi's und ihrer vielen Genossen aufzufasscn. Sah sich doch Maimonides hierdurch veranlaßt, - die dreizehn Glaubensartikel anszustellen, die dann von Albo auf drei zurückgeführt wurden. Hat doch deshalb Juda Halewi im Kusari die drei positiven Religionen nach ihren! Grundlehren einander gegenüberzustellen versucht. Gerade dieses Verfahren des Maimonides — abgesehen von seinem More Nebuchim — widerlegt zugleich den Einwand, daß es sich in dieser ganzen Bestrebung nur um Literatur und besonders Philosophie handele. Ter Jüngling muß wissen, was er sich und anderen auf die Fragen zu antworten habe, welche die anderen Religionen, die Philosophie und die Na-j turwissenschaften ihm entgegenbringen. Er muß gerüstet sein gegen Dogmen und Theorien; er muß in sich eine feste Ueberzeugung tragen, die allen diesen Einflüssen einen ehernen Schild entgegenhält. Dies kann ihm jedoch nicht durch die vereinzelten Elemente der Geschichte, sondern nur durch eine Gesammt - Darstellung seiner Religionslehre gegeben werden. Diese Ueberzeugung muß eine feste Form in seinem Geiste haben, die ihm eine Entwickelungsgeschichte nicht zu geben vermag. Niemand kann den Werth der Geschichte höher anschlagen als wir, und wenn der dem Jüngling überlieferten Religionslehre eine Festigung verschafft werden muß, so kann diese nur durch die Kenntniß der Geschichte gewährt werden. Psychologisch findet eine solche Kräftigung der Ueberzeugung durch die Geschichte nur statt, wenn eben ein klarer Begriff von der Religion im Geiste des Jünglings schon vorhanden ist. Im Gegentheil halten wir die Belehrung des Gymnasiasten durch die geschichtliche Methode allein für geradezu gefährlich. Das Werden zu erkennen ist nur vortheilhaft, wenn wir schon das bestehende Sein eines Dinges begriffen haben. Niemand wird dem Schüler zumuthen, die gegenwärtige Organisation der Thiere und Pflanzen nur auf dem Wege der paläontologischen Entwickelungsphasen kennen zu lernen. Erst das Fachstudium geht auf die letzteren ein. Daß der Jüngling seine Religionslehre aus den verschiedenen geschichtlichen Phasen kennen lernen und die Entwickelungsgeschichte seiner Religion selbst durchmachen soll, wird ihm die Begriffe verwirren und eine Vorstellung von der Wandelbarkeit auf religiösem Gebiete beibringen, die ihm nur Schwanken und Zweifel bereitet. Für ihn ist die Kenntniß des Zieles die Hauptsache und dann erst der Wege, auf welchen zu diesen gelangt worden. Noch verworrener wird ihm das Bild werden, welches ihm vom Ceremonial- und Ritualgesetz durch die eingeschaltene Darstellung in den verschiedenen Perioden der Entwickelung dieses Gesetzes zur Vorstellung kommt, z. B. des mosaischen Gesetzes und der talmudischen Ausgestaltung, sowie der modernen Richtung betreffs derselben. — Wir haben diese Entgegnung in Kürze gegeben, um weiterer Erörterung über die beiden entgegengesetzten Methoden freien Spielraum zu gewähren, und werden weiterhin; Gelegenheit nehmen, noch andere Motive auszuführen. Auch das Urtheil unseres Herrn Vers, über die vorhandenen Lehr» mittel können wir nicht ohne eine Bemerkung lassen. Selbstverständlich findet jeder tüchtige Lehrer Lehrbücher, die seiner Methode nicht entsprechen, auch nicht angemessen. Aber überhaupt hat uns die Erfahrung gelehrt, daß unsere Lehrer mit allen vorhandenen Lehrmitteln unzufrieden sind und absprechend darüber urtheilen. Jeder Lehrer, wir können diesen Borwurf nicht zurückhalten, glaubt sich besähigt, die vorhandenen Lehrbücher zu verwerfen und durch bessere zu ersetzen. Diese kritische Richtung, diese Art Voreingenommenheit, scheint uns recht nachtheilig. Im Allgemeinen gilt das Sprichwort: „Das Bessere ist der Feind des Guten". Es kommt darauf an, das in einem sonst bewährten Lehrbuche vorhandene Gute zu benutzen, wenn der Lehrer es nur zu benutzen versteht. Es giebt jüdische Lehrbücher, die es bereits zu fünf

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